Justiz Gustl Mollaths Kampf ist noch nicht zu Ende

München / Patrick Guyton 04.08.2018
Vor fünf Jahren wurde Gustl Mollath freigelassen. Doch der Mann aus Nürnberg ringt weiter mit seiner Geschichte.

An einem Mittag im März sitzt Gustl Mollath in München an einem Tisch und spricht mit Journalisten. Es sind nicht viele da, Mollath interessiert kaum noch. Genau fünf Jahre ist es nun her, dass das berühmteste Justiz-Opfer der Republik aus der Psychiatrie entlassen wurde. Auch Mollath würde die Geschichte gerne ruhen lassen. „Man wünscht sich sehnlichst, etwas anderes machen zu können“, sagt er. Doch er kann nicht. Es geht schließlich um seine Existenzgrundlage.

„Keiner ist nach der Entlassung auf ihn zugekommen, keiner hat gefragt, wovon der Mann eigentlich lebt“, kritisiert sein derzeitiger Anwalt Hildebrecht Braun. Mollath lebte von der Unterstützung durch Freunde, von Spenden. Das bayerische Justizministerium bot ihm 170.000 Euro als Entschädigung an, als „absolute Obergrenze“, so Braun. 70.000 davon hat er bisher erhalten. Zu wenig. Mollath zieht vor Gericht. Der Klage gibt Mollath wenig Chancen, meint aber: „Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.“ Viele Gedanken schwirren ihm durch den Kopf bei diesem Gespräch. Typisch Mollath.

Er wurde einfach rausgelassen

Vieles kam überraschend in diesem Fall. Schon mit seiner plötzlichen Freilassung am 6. August 2013 hatte kaum einer gerechnet. Ein Antrag nach dem anderen war über lange Monate hinweg abgeblockt worden. Es schien, als wolle sich die Justiz keine Blöße geben und womöglich ein Fehlurteil eingestehen. Mollath ist im April 2006 wegen angeblicher Wahnvorstellungen und Gemeingefährlichkeit in die Gefängnispsychiatrie gesperrt worden. Da war er 49 Jahre alt. Zuerst kam er ins Bezirkskrankenhaus Straubing, dann nach Bayreuth. Siebeneinhalb Jahre insgesamt.

In Bayreuth verließ er am frühen Abend des 6. August die Unterbringung, Mollath wurde einfach rausgelassen. Das hatte das Oberlandesgericht Nürnberg ein paar Stunden zuvor entschieden. Es gab eine Anordnung der damaligen bayerischen Justizministerin Beate Merk (CSU), dass die Staatsanwaltschaft ein Wiederaufnahmeverfahren beantragen muss. Mollath kam durch den Park des Klinikgebäudes am Bayreuther Nordring spaziert. Ein recht verschwitzter Mann mit meerblauem Poloshirt, seinem immer akkurat geschnittenen Oberlippenbart und der in der geschlossenen Anstalt aus einem Kern selbstgezüchteten Dattelpalme in der Hand. Seine erste Sorge: „Ich kann mich noch nicht einmal ausweisen.“ Da war er 56.

Urteil des Gerichts: Ehefrau verprügelt

Mollath soll 2003, so das Urteil des Landgerichts Nürnberg-Fürth, seine damalige Frau Petra brutal zusammengeschlagen sowie später die Reifen von mehr als 100 Autos zerstochen haben. Zu dieser Zeit trennte sich die Ehefrau von ihm, nachdem sie viele Jahre lang gemeinsam in ihrer Heimatstadt Nürnberg gelebt hatten. Er unterstellte ihr einen „Schwarzgeldkomplex“: Die Anlageberaterin der damaligen Hypo-Vereinsbank soll für Kunden massenhaft Geld in die Schweiz geschafft haben. Mollath nervte damit Behörden und Staatsanwaltschaften. Er wurde als verrückt abgestempelt, vieles weist immerhin darauf, dass er sich damals in einer schwierigen psychischen Situation befand. Die Bank der Frau kam aber in einem internen Bericht zu der Auffassung: „Alle nachprüfbaren Behauptungen haben sich als zutreffend erwiesen.“

Der Fall trug alles in sich, was einen Skandal ausmachte: Von der mutmaßlich betrügerischen Ehefrau wurde er in die Geschlossene gebracht und würde dort womöglich noch heute schmoren – wenn er nicht ständig so laut und öffentlichkeitswirksam auf sein Schicksal aufmerksam gemacht hätte. Ein Gericht nach dem anderen verlängerte seine Unterbringung, die Psychiater verfassten ihre Gutachten nach Aktenlage. Der Vorwurf: Einer schrieb vom anderen ab.

Was ist ein Tag in Freiheit wert?

Nun ist Gustl Mollath 61 Jahre alt und verklagt den Freistaat Bayern auf die Zahlung von 2,1 Millionen Euro. „Er musste siebeneinhalb Jahre unter erbärmlichsten Bedingungen in der Psychiatrie leben“, sagt Anwalt Braun. Mollath konnte nichts verdienen, war nicht rentenversichert, konnte auch nach der Entlassung kaum richtig arbeiten. Dazu kommt der „immaterielle Schaden“: Die Qualen in der Geschlossenen, die seelischen Schmerzen, die Verzweiflung, die entgangenen Lebenschancen. Wie viel wert ist ein Tag in Freiheit im Vergleich mit einem Tag eingesperrt in der Psychiatrie?

Mollath erzählt von den verschiedenen Suiziden, die er in der Geschlossenen erleben musste. Er spricht von seiner Befürchtung, dass immer mehr Obdachlose auf den Straßen erfrieren. Er sagt, die Klage auf Schadenersatz sei für ihn eine „bürgerliche Pflicht“.

Gustl Mollath war Oldtimer-Restaurateur, ein Fan alter Ferraris und Corvettes. Nach der Entlassung kam er vor allem bei seinem Freund Edward B. unter, einem Zahnarzt aus Niedersachsen. Sie kannten sich von vielen Autorennen, bei denen B. und das Ehepaar Mollath mitgefahren waren. Neun Monate nach der Entlassung erlebte man einen gelösten Mollath auf dem ADAC-Testgelände in Schlüsselfeld. Oldtimer-Begeisterte kamen mit ihren Fahrzeugen, der ehemalige Psychiatrie-­Insasse war einer von drei Instruktoren, die anderen etwas beibringen sollten über das schnelle, aber sichere Fahren.

Er erzählte Anekdoten über Oldtimer und machte längere fachliche Ausführungen. „Gustl ist ein wandelndes Lexikon des Automobilsports“, sagte sein Freund B. Noch Fragen vor dem Training? „Welcher Chirurg hat heute Dienst?“, bemerkte Mollath trocken. Dann raste er vorneweg und vollkommen kontrolliert auf der Rennstrecke los, die anderen hinterher.

Mit Anwalt überworfen

Sechs Wochen später vor dem Landgericht Regensburg zeigte sich der Mann anders. Das Wiederaufnahmeverfahren begann im Juli 2014. Der Prozess von 2006, in dem er zum Wahnkranken abgestempelt worden war, wurde sozusagen gelöscht und alles noch einmal auf null gestellt. Neben seinem Verteidiger Gerhard Strate, einem renommierten Strafverteidiger, zeigte sich ein nervöser, störrischer, düsterer Gustl Mollath. Er lehnte den Gerichtspsychiater ab, er wollte sich nicht begutachten lassen. Auf Fragen zu dem Vorwurf, dass er seine Frau geschlagen habe, ging er kaum ein. Dafür war er wieder dran am Schwarzgeld-Komplott.

Anwalt Strate will einen zügigen Freispruch, Mollath will mehr, will immer neue Beweisanträge stellen und Bankmitarbeiter als Zeugen laden. Dass Strate so ziemlich alles für ihn gegeben hat, erscheint ihm in diesen Tagen des Prozesses zweitrangig. Sie zerstreiten sich, Strate will das Mandat abgeben, doch er muss laut Gerichtsbeschluss weiter verteidigen. Am Ende steht ein Freispruch mit der Aussage, dass Mollath zu Unrecht als gemeingefährlich in der Psychiatrie gefangen worden war. Allerdings ist für das Gericht naheliegend, dass er die Gewalttat begangen habe.

Man kann den Mann aus den verschiedensten Perspektiven betrachten, alles wurde ausgeleuchtet und hinterfragt. Entscheidend ist: Seit seiner Entlassung hat er sich nichts zu Schulden kommen lassen. Auch wenn er verrückt gewesen wäre, wäre das kein Grund dafür, ihn wegzusperren.

Mollath reist viel, geht zu Veranstaltungen, Filme wurden über seinen Fall gedreht. „Ich wollte nie eine Person des öffentlichen Lebens werden“, sagt er. Wo er jetzt lebt, möchte er nicht verraten. Sein Fall wird zu einem Stück Vergangenheit. Edward B., der beste Freund, wurde im Nachgang des Prozesses wegen Meineids verurteilt. Er hatte immer wieder über ein Telefonat mit Mollaths Frau berichtet, die gesagt haben soll, Mollath erhalte 500.000 Euro, „wenn er die Klappe hält“. B. wollte den Gesprächsinhalt auf eine Schreibtischunterlage notiert haben. Seine Aufzeichnung aber, so stellte ein Sachverständiger fest, sei erst wesentlich später entstanden.

Mollaths Ex-Frau Petra starb im Mai 2017 nach schwerer Krankheit, sie wurde 56 Jahre alt.

Der Psychiater Dr. L. aus Bayreuth, der Mollath mit seinen Gutachten immer wieder in der Anstalt hielt, wurde Anfang 2017 feierlich in den Ruhestand verabschiedet.

Derweil wirkt Gustl Mollath wie einer, der weiter irgendwie nach Halt sucht. Er sagt es so, in seiner etwas gestelzten Art: „Ich möchte wieder ein privates Leben aufbauen.“

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