Beim zweiten Hilfspaket für Griechenland haben sich die Grünen enthalten. Stimmen Sie dieses Mal zu?

GERHARD SCHICK: Das kann ich im Moment noch nicht sagen, denn der Antrag der Bundesregierung liegt noch nicht vor, um den es in der Abstimmung konkret geht. Es wird aber auf jeden Fall eine schwierige Entscheidung. Denn wir Grünen wollen, dass Griechenland im Euro bleibt. Aber wir haben nicht nur massive Kritik an der Verhandlungsführung der Bundesregierung, sondern sehen auch das Ergebnis kritisch: Wo ist die dringend nötige Umstrukturierung der Schulden? Warum macht man genau mit der Kaputtsparpolitik weiter, die doch gescheitert ist? Und wie soll die griechische Regierung eine Reformpolitik unterstützen, die die Souveränität Griechenlands verletzt, weil jedes Gesetz von der Troika genehmigt werden muss?

Haben Merkel und Schäuble mit dem Plan für einen "Grexit auf Zeit" die Informationsrechte des Bundestages missachtet?

SCHICK: Eine so massive Veränderung der Verhandlungsposition hätte nach Art. 23 unseres Grundgesetzes vorher mit dem Bundestag abgestimmt werden müssen. Das ist nicht erfolgt. Außerdem wurde uns das Schäuble-Papier mit der Grexit-Drohung nicht vorab vorgelegt. Schäuble sagt immer, Europa funktioniert nur, wenn sich alle an die Regeln halten. Ich finde, das sollte auch für ihn selbst gelten.

Ist Merkels nachgeschobene Erklärung, Schäubles Plan wäre nur mit dem Einverständnis oder sogar auf Wunsch der griechischen Regierung gezogen worden, glaubwürdig?

SCHICK: Da kann die Kanzlerin nachschieben, was sie will: Dieses Papier hat eine Position Deutschlands deutlich gemacht, die in Europa massiven Schaden angerichtet hat. Und zwar über den Tag hinaus. So wurde noch nie mit einem Partnerland in Europa umgegangen. Und dass eine deutsche Regierung offen einen Rückschritt in der europäischen Integration anstrebt, ist eine 180-Grad-Wende deutscher Europapolitik seit 1949. Das drängt die europäische Idee in die Defensive. Wolfgang Schäuble galt mal als großer Europäer. Das ist Vergangenheit.

Was bedeutet das Hilfspaket, wenn es denn so kommt, kurz- und mittelfristig für den deutschen Haushalt und langfristig für die deutschen Steuerzahler?

SCHICK: Ein neues Hilfspaket ist jedenfalls besser als ein Grexit, der nach Berechnungen fast 90 Mrd. Euro Verlust für den deutschen Steuerzahler gebracht hätte. Das jetzt geplante Volumen von 86 Milliarden Euro beinhaltet neue Mittel in Höhe von etwa 50 Milliarden Euro, so dass der deutsche Anteil etwa 14 Milliarden Euro entspricht. Genaueres wird man erst wissen, wenn alles ausverhandelt ist. Wichtig ist: Das sind Kredite, die verzinst werden und zurückgezahlt werden sollen, keine Geschenke.

Kommt spätestens in drei Jahren das vierte Hilfspaket - Griechenland als Fass ohne Boden in der Euro-Zone?

SCHICK: Wenn die Geldgeber und die griechische Regierung die alten Fehler wiederholen, und so sieht es ja derzeit aus, dann wird sich die griechische Wirtschaft schwerlich erholen. Dann wird auch dieses Programm noch nicht das letzte sein. Klar ist, dass uns Griechenland noch eine Weile beschäftigen wird. Deswegen drängen wir Grünen ja auf eine langfristig stabile Lösung, die ständig neue Verhandlungsmarathons vermeidet, die neue Unsicherheit schaffen.