"Ich bin doch heute hier." Yanis Varoufakis tat ganz erstaunt auf die Frage eines Journalisten, warum er erst ganz am Ende seiner Vorstellungsreise als neuer griechischer Finanzminister durch Europa nach Berlin gekommen sei. Der neue Ministerpräsident Alexis Tsipras machte gar bisher einen Bogen um Deutschland und besuchte lieber Italien, Frankreich und die EU-Kommission in Brüssel. Dabei ist Deutschland der größte Gläubiger des hoch verschuldeten Landes.

Politik-Anfänger trifft alten Fuchs und Sparfanatiker, dieses erste Gespräch war mit großer Spannung erwartet worden. Immerhin saßen die beiden im Bundesfinanzministerium fast doppelt so lange zusammen wie geplant. Schäuble und Varoufakis ließen mehrere hundert Journalisten eine dreiviertel Stunde warten und bemühten sich danach um einen versöhnlichen Ton. Man redet miteinander, auch wenn man in der Sache in vielem meilenweit auseinander liegt.

Der Badener griff nach einigen freundlichen Floskeln schnell zur alten Diplomaten-Formel: "We agree to disagree - Wir sind uns einig, dass wir uns nicht einig sind." Er ließ keinen Zweifel, dass Lösungen mit der Europäischen Kommission, der Europäischen Zentralbank (EZB) und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) ausgehandelt werden müssen, auch wenn er das bei den Griechen verhasste Wort "Troika" nicht aussprach. Varoufakis hatte als eine seiner ersten Amtshandlungen die Vertreter der Troika aus dem Land geworfen.

Zumindest in einem waren sich die beiden einig - "wenn ich das richtig verstanden habe", wie Schäuble vorsorglich einwandte: Ein Schuldenschnitt ist derzeit kein Thema. Das bestätigte auch Varoufakis. Dafür wiederholte der Grieche seinen Vorwurf, die Euro-Länder hätten seinem Land viel zu viele Kredite gegeben. Neuerdings setzt er darauf, die Rückzahlung auf die ganz lange Bank zu schieben. Dafür machte der Grieche deutlich, dass er kurzfristig Kredite haben will, um bis Mai ein Konzept auszuarbeiten: "Wir wollen einen Pakt mit Europa schließen, mit dem wir uns ein für allemal einigen, damit die Schlagzeilen nicht immer von Griechenland bestimmt werden."

Bei der EZB hat er damit offenbar zumindest zum Teil Gehör gefunden: Sie will griechischen Banken 60 Milliarden Euro Notfallkredite gewähren. Das passt zur Bemerkung von Varoufakis, er wolle alles tun, um einen Zahlungsausfall bei den griechischen Banken zu vermeiden. Zuvor hatte ihnen allerdings die EZB die Möglichkeit genommen, Staatsanleihen des eigenen Landes als Sicherheiten für sehr günstige Darlehen zu hinterlegen.

Schäuble machte keinen Hehl daraus, dass er von vielen Plänen der neuen Regierung nichts hält und dass diese die Verträge, die ihre Vorgänger abgeschlossen hatten, einhalten muss: "Verlässlichkeit ist die Voraussetzung für Vertrauen". Jede Regierung brauche die Zustimmung des Souveräns, also der Bürger - auch in den anderen Ländern der Eurozone und der EU. "Nichts spricht gegen Wahlversprechen, aber wenn sie zu Lasten Dritter ausgesprochen werden, sind sie möglicherweise nicht realistisch."

Der Deutsche warb aber auch um Verständnis für Griechenland: "Wir sollten in Deutschland immer darauf achten, dass wir verstehen, welch schweren Weg die Menschen gehen müssen." Dafür verdiene das Land Respekt. "Aber die Ursachen liegen in Griechenland und nicht außerhalb Griechenlands."

Varoufakis hörte die Ausführungen seines deutschen Kollegen ohne jede Gesichtsregung an. Da hatte sich der Volkswirtschafts-Professor, der sich in bestem Englisch äußerte, in anderen Hauptstädten deutlich lockerer gegeben. Aber es war wohl der Anspannung geschuldet angesichts des politischen Schwergewichts an seiner Seite. Die fehlende Krawatte und das dunkle Hemd über der Hose mussten als Zeichen der Saloppheit reichen.

Der 53-jährige Grieche versuchte, seinem fast zwei Jahrzehnte älteren deutschen Kollegen als großem Europäer zu schmeicheln. Deutschland sei das Land von Goethe und Kant, die jeder intellektuelle Grieche schätze. Und es sei vielleicht das Land, das die Notsituation der Griechen am besten verstehe. Mit den Stichworten "Demütigungen" und "große Hoffnungslosigkeit" erinnerte er an eine dunkle Zeit in der Vergangenheit: Wenn er am Abend nach Hause fahre, komme er in ein Land, in dem die drittgrößte Partei nicht "Neonazis" seien, sondern "Nazis". Deutschland könne stolz sein, dass es dieses dunkle Kapital überwunden habe. "Jetzt brauchen wir Deutschland an unserer Seite." "Wir mussten heute noch nicht Lösungen finden", sagte Schäuble und deutete an, dass es noch Zeit brauche, bis die dicken Bretter gebohrt sind.

Zusätzliche Kredite

Staatsanleihen Zur Finanzierung ihrer Ausgaben brauchen Staaten viel Geld. Weil die Einnahmen aus Steuern und Abgaben dafür meist nicht ausreichen, leihen sie sich zusätzliche Mittel. Das geschieht am Kapitalmarkt, wo die Staaten bestimmte Wertpapiere - Anleihen - an Investoren verkaufen. Eine Anleihe ist also eine Art Schuldschein, die Ausgabe von Staatsanleihen eine Art zusätzlicher Kreditaufnahme.

Für jede Anleihe - sie heißt oft auch Obligation, Schuldverschreibung oder Bond - wird festgelegt, wann der Staat das Geld zurückzahlen und wie viel Zinsen er dem Geldgeber dafür zahlen muss. Je riskanter eine Staatsanleihe aus Sicht der Gläubiger ist, desto höhere der Zinsen muss der Schuldner einräumen, um Käufer zu finden. Dabei kann es zu einem Teufelskreis kommen, wenn einem hoch verschuldeten Staat das nötige Geld für die Zinszahlung fehlt und Anlegern das Vertrauen, dass das Land seine Schulden zurückzahlen kann. Das ist bei Griechenland der Fall.

Yanis Varoufakis: Streitsüchtiger Querkopf

Zwei Jahrzehnte war er im Ausland, hat in England studiert, in Australien und den USA als Ökonom gelehrt. Jetzt soll er einen gordischen Knoten lösen: Als Finanzminister will Yanis Varoufakis Griechenlands Schuldenmisere in den Griff bekommen und das rezessionsgeplagte Land auf den Wachstumspfad zurückführen.

In seiner Heimat eilt Varoufakis der Ruf eines "Popstars der Ökonomie" voraus. Er selbst bezeichnet sich als "eigenwilligen Marxisten". Der Blogger und Buchautor hat eine große Fan-Gemeinde. Bei seinen Studenten ist Varoufakis beliebt - wohl auch deshalb, weil der sportliche Akademiker, so gar nicht dem Bild des Universitätslehrers entspricht. Dazu passt, dass er die Spieltheorie zu seinem Spezialgebiet machte. Das verhalf ihm zu einem Beratervertrag mit der US-Computerspielfirma Valve Corporation. Ob es ihm auch in den Verhandlungen mit Griechenlands Gläubigern von Vorteil ist, bleibt abzuwarten.

Varoufakis gilt als brillanter Analytiker, aber auch als eigensinniger, ja streitsüchtiger Querkopf. Der Einstieg in die Politik, zu dem ihn Syriza-Chef Alexis Tsipras mühsam überreden musste, war zwar erfolgreich: Varoufakis erhielt im Wahlkreis Athen 2, mehr Stimmen als jeder andere Kandidat. Doch was dann folgte, war ein Fehlstart. Höflichkeit gehört sichtlich nicht zu Varoufakis' Stärken: Bei der Pressekonferenz mit Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem fläzte sich Varoufakis auf seinem Stuhl und schnitt Grimassen - ein handfester Eklat.

Mit seinen Marotten wird es der Athener Kassenwart nicht leicht haben auf dem politischen Parkett. Doch er muss nicht nur seine Amtskollegen überzeugen, sondern auch das Vertrauen der Finanzmärkte zurückgewinnen. In London traf er sich nach offiziellen Gesprächen schon einmal mit 100 Investoren und Analysten. Varoufakis habe nicht nur seine Vorstellungen erläutert, sondern den Experten auch aufmerksam zugehört, berichtet ein Teilnehmer: "Das kam gut an."

"Abheben, alles bitte"

Donnerstagvormittag, eine Bankfiliale im Athener Stadtteil Ambelokipi. Apostolos D. will sein Geld. Im Radio hat er von der Entscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB) gehört, ab 11. Februar griechische Staatsanleihen nicht mehr als Sicherheiten gegen neues Zentralbankgeld zu akzeptieren. "Ich habe das Gefühl: Jetzt wird es eng", sagt Apostolos D. Der Mann ist vom Fach: Bis zu seiner Pensionierung vor zwei Jahren hat er bei einer Bank gearbeitet. Als er an der Reihe ist, schiebt der dem Kassierer sein Sparbuch zu und sagt: "Abheben, alles bitte". Der 65-Jährige hat immerhin gut 25 000 Euro auf dem Konto. "Da sollten Sie mal mit dem Filialleiter sprechen", sagt der Kassierer.

So geht es in diesen Tagen fast allen griechischen Bankkunden, die größere Beträge abheben möchten. In den seltensten Fällen bekommen sie das Geld anstandslos ausgezahlt. Sie müssen sich erklären und werden vertröstet: Der Tresor gehe erst in einer Stunde wieder auf. Wer sich so lange geduldet, bekommt sein Geld schließlich.

Im Fall von Apostolos D. sind es fünf dicke Banknotenpakete. Lauter Fünfzig-Euroscheine. Hundert-, Zweihundert- oder gar Fünfhunderteuronoten haben in Griechenland Seltenheitswert. Wenige Menschen bekommen diese Scheine jemals zu sehen. Offenbar will man es jenen, die größere Beträge abheben, nicht zu einfach machen.

Es gibt einen Ansturm auf die Banken - wenngleich einen relativ ruhigen. Im Dezember schmolzen die Einlagen um 5,4 Milliarden zusammen. Im Januar flossen weitere elf Milliarden ab. Unter dem Strich sind das rund zehn Prozent aller Depositen. Einige Milliarden dürften ins Ausland geflossen sein, der Großteil aber wird wohl in den Wohnungen gebunkert. War es in den ersten Wochen die Sorge vor einem drohenden Staatsbankrott und der Rückkehr zur Drachme unter einer Links-Regierung, kommt nun die Angst um die Zahlungsfähigkeit der Banken hinzu.

Zwar wird den Instituten das Geld nicht ausgehen. Das stellen die Not-Liquiditätshilfen (ELA) sicher, die Griechenlands Notenbank im Einvernehmen mit der Europäischen Zentralbank jetzt den Geschäftsbanken gewährt. Aber politisch bedeutet die Entscheidung der EZB eine Verhärtung der Fronten. Der Druck auf die griechische Regierung wächst, im Streit um Schulden, Sparkurs und Reformprogramm mit der EU schnell eine Einigung zu finden.