Aachen / JOHANNES NITSCHMANN Wegen störanfälliger Atomreaktoren in Belgien herrscht in der Aachener Grenzregion Alarmstimmung. Die dortigen Kommunen ziehen vor Gericht. Ziel: Kernkraftwerksblock Tihange 2 soll endgültig vom Netz.

In den Aachener Apotheken häufen sich die Hamsterkäufe von Jodtabletten. Zugleich werden im Rathaus der alten Kaiserstadt Katastrophenszenarien simuliert als drohe ein Nuklearkrieg. Doch der potenzielle Feind wird südwestlich geortet - 70 Kilometer von Aachen entfernt. Hier liegt unweit von Lüttich am Ufer der Maas das belgische Kernkraftwerk Tihange, dessen chronische Störfall-Serie die fast 600.000 Einwohner in der Städteregion Aachen aufgeschreckt hat. Seit Monaten sind verängstigte Bürger und empörte Politiker gegen das Nachbarland auf der Zinne, weil sie eine atomare Verstrahlung durch den "Pannenreaktor" befürchten.

Düster blickt Jörg Schellenberg in den verregneten Himmel von Aachen. "Wenn eine nukleare Wolke aus Tihange über Aachen abregnet, kann diese Region über Jahre unbewohnbar sein", sagt der 45-jährige Sprecher des örtlichen "Aktionsbündnisses gegen Atomenergie".

Auch Schellenberg hat seine Familie und sich längst mit Jodtabletten versorgt. Bei einer Alarmübung kam kürzlich heraus, dass im Uniklinikum am Stadtrand auf einer Palette nur 310 000 Jodtabletten lagern. Zu wenig für die gesamte Region. Im Ernstfall soll die Einnahme von Jod Schilddrüsenkrebs verhindern. Andere verängstigte Bürger decken sich mit Atemschutzmasken, Plastikanzügen und Handschuhen ein, um sich vor einer atomaren Verseuchung zu schützen.

Für Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp (CDU) ist das keine übertriebene Hysterie. "Bei der Sicherheit darf es keine Tabus geben." Der störanfällige Tihange-Reaktor hat Ängste geweckt vor einem GAU, dem größten anzunehmenden Unfall. "Wir schüren keine Angst", sagt Philipp besonnen, "die Menschen haben Angst." Dies werde sich erst ändern, "wenn der Pannenreaktor abgeschaltet ist".

In Belgien ist ein Einlenken nicht erkennbar. Das Land ist zu fast 50 Prozent vom Atomstrom abhängig. Zwar ist dort der Atomausstieg bis 2025 beschlossene Sache. Doch die nach 40-jähriger Laufzeit geplante Abschaltung des ersten Reaktorblocks in Tihange wurde 2012 um zehn Jahre verschoben. Die Blöcke 2 und 3 sollen bis 2025 laufen.

Probleme bereiten die Reaktoren seit Jahren. Mal brach ein Brand aus, mal explodierte ein Transformator. Als eine Schalttafel Feuer fing, kam es zur Schnellabschaltung. Bereits 2012 wurden in dem vom belgischen Elektrokonzern Electrabel betriebenen Reaktor in Doel bei Antwerpen "tausende feine Risse im Reaktordruckbehälter" festgestellt. Dort läuft die Kernspaltung ab. Die gleichen Risse zeigten sich beim Druckwasserreaktor Tihange-2.

Im März 2014 mussten die beiden Pannen-Reaktoren in Doel und Tihange auf Anordnung der Behörden heruntergefahren werden. Im Frühjahr 2015 wurde bekannt, dass die Haarrisse bei Tihange-2 von 2000 auf 3150 angewachsen sind. Im August schaltete die belgische Atomaufsicht aufgrund der Mängel die Staatsanwaltschaft ein. Danach wurde in Deutschland damit gerechnet, dass die zwei Reaktoren endgültig vom Netz gehen würden.

Doch im November 2015 gab die belgische Atomaufsicht nach monatelangem Prüfverfahren überraschend bekannt, dass die Risse "kein Risiko für die Sicherheit der Anlage" darstellten. Am 14. Dezember wurde Tihange-2 nach einer behördlichen Erlaubnis wieder hochgefahren. Die belgische Zeitung "De Morgen" meldete dies unter der Schlagzeile "Belgische regering speelt Russische roulette met Tihange". Zitiert wurde der nordrhein-westfälische Umweltminister Johannes Remmel (Grüne), der die belgische Regierung scharf attackierte: Wirtschaftlicher Profit sei den Verantwortlichen offenbar wichtiger als Sicherheit.

Für Remmel ist es "mehr als befremdlich", dass die belgische Atomaufsicht nach all den Unfällen keine klare Haltung zeige, die Anlagen abzuschalten. Solange solche "Bröckelreaktoren" am Netz blieben, sei die Gefahr nuklearer Störfälle nicht ausgeschlossen. Deutschland habe den Ausstieg aus der hoch subventionierten Atomenergie beschlossen, sagt der Minister. "Deshalb brauchen wir eine solche Entscheidung auch in unseren Nachbarländern." Innerhalb weniger Stunden könne eine in Tihange freigesetzte Radioaktivität Nordrhein-Westfalen überqueren und "enorme langfristige Folgen" haben.

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) warf der belgischen Atomaufsicht "Flickschusterei" vor. Sie reiste vor zwei Wochen nach Brüssel, um die dortige Regierung zum Abschalten der Atommeiler zu bewegen. Doch die Belgier zeigten ihr die kalte Schulter. Hendricks ließ einen 15-teiligen Fragenkatalog zu den Sicherheitsmaßnahmen der belgischen Atomaufsicht da. Antworten stehen bisher aus.

Jetzt zieht die Städteregion Aachen gegen das Atomkraftwerk Tihange vor den Kadi. Die zehn Kommunen wollen vor dem höchsten belgischen Verwaltungsgericht gegen die Wiederaufnahme des Betriebs klagen. Ziel einer weiteren Klage ist die generelle Stilllegung. Die Städteregion stützt sich auf Artikel 37 des Vertrags zur Gründung der Europäischen Atomgemeinschaft. Danach ist jeder Mitgliedsstaat verpflichtet, "der Kommission über jeden Plan zur Ableitung radioaktiver Stoffe aller Art die allgemeinen Angaben zu übermitteln, auf Grund deren festgestellt werden kann, ob die Durchführung des Plans eine radioaktive Verseuchung des Wasser, des Bodens oder des Luftraums eines anderen Mitgliedsstaates verursachen kann".

Der Belgier Léo Tubbax ist da juristisch weiter. Die Eilklage des langjährigen Atomkraftgegners auf einstweilige Verfügung für einen Betriebsstopp der störanfälligen Meiler Tihange-2 und Doel-3 ging vergangene Woche bei einem Brüsseler Gericht ein. Der Kläger rechnete vor, dass bei einem Reaktorunglück in Doel neun Millionen Menschen die Region verlassen müssen. Von einer Katastrophe in Tihange seien fünf Millionen Menschen betroffen.

In beiden Fällen wären die Menschen der Aachener Grenzregion dabei. Der dortige Feuerwehrchef Jürgen Wolff sieht seine Kräfte in der Lage, auf eine solche Bedrohung im Katastrophenschutz "bis zu einem gewissen Punkt" reagieren zu können. Dies habe eine Notfallübung im Dezember gezeigt. Im Laufe des Jahres soll das Aachener Sirenennetz ausgebaut werden, um mindestens 70 Prozent der Bewohner zu erreichen. Doch die Sicherheitsmaßnahmen stoßen für Wolff auch an Grenzen. "Bei einem Gau wird ein Schutz der Bevölkerung nicht mehr zu gewährleisten sein."