USA Google & Co: Müssen die Internetgiganten zerschlagen werden?

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New York / Britta Sembach 16.12.2017
Google, Amazon, Facebook: Die Digitalisierung hat Firmen hervorgebracht, die kaum Konkurrenz haben. In der analogen Wirtschaft gibt es dafür ein Wort: Monopol.

Es begann mit den Ausverkauf-Schildern. „Alles 30 Prozent reduziert“,  stand darauf, ein paar Wochen später war schon Schluss. Die Wander­jacken, die Zelte und Wollmützen, die Karabiner und Wasserflaschen verramscht, die Tür des kleinen Outdoorgeschäfts in Brooklyn für immer geschlossen.

Wegen der ständig steigenden Ladenmieten geschieht das in dieser Gegend oft, aber selten verabschiedet sich ein Geschäftsinhaber wie Kevin Rosenberg: Er klebte einen Brandbrief in sein Fenster, in dem er seine Kunden (oder eben auch Nicht-Kunden) wüst beschimpfte. Sie fänden es alle ja so wunderbar, in dieser schönen Gegend zu wohnen, mit den kleinen Geschäftchen und dem persönlichen Kontakt. Aber dann griffen sie zu ihren Smartphones und bestellten alles günstig im Internet. Allerdings nicht ohne vorher die Wanderhose bei ihm im Geschäft anprobiert zu haben.

Dass Onlineplattformen den Einzelhandel bedrohen, ist nicht neu, seit nunmehr zwei Jahrzehnten machen Internet-Händler, allen voran der Gigant Amazon, den Läden das Leben schwer. Aber Rosenberg sagt, das Geschäftesterben habe eine neue Qualität erreicht. Und es ist nicht nur der Einzelhandel, der unter der digitalen Dominanz leidet.

Vielmehr haben die großen Technologie-Konzerne mittlerweile einen so großen wirtschaftlichen wie politischen Einfluss, dass Experten Angst und Bange wird. Daten sind eine der wertvollsten Handelswaren überhaupt geworden. Wer sie wie sammelt und was dann mit ihnen geschieht – das ist eine der großen Fragen unserer Zeit. Wer die Macht hat über die meisten Daten, macht die meisten Gewinne, heißt eine Formel dazu. Hinzu kommt in den USA: Mit Geld hat man Einfluss in Washington. Der Tech-Experte der New York Times nennt die fünf Großen der Branche – Alphabet (Google), Apple, Microsoft, Amazon und Facebook – schon lange „Die schrecklichen Fünf“. Ein Spitzname, den sich die Konzerne mit ihren Geschäftspraktiken, ihrem Steuergebaren und ihrer Undurchsichtigkeit seiner Meinung nach redlich verdient haben.

Die Politik hat viel zu lange gewartet

„Wenn ausländische Mächte unsere Wahlen beeinflussen können, indem sie unsere größten Unternehmen manipulieren, haben wir echte Probleme. An dem Punkt befinden wir uns gerade“, sagt der renommierte Kartellrechtsanwalt Gary Reback. Er erwarb sich in den 90er Jahren den Ruf als „Bill Gates’ schlimmster Albtraum“, weil er das Justizministerium überzeugt hatte, Klage gegen Microsoft wegen kartellrechtlicher Verstöße einzureichen. Dieser Streit wurde nach 21 Jahren beigelegt – und Microsoft war nicht mehr dasselbe Unternehmen wie vorher.

Reback sagt: Heute ist alles noch viel schlimmer. Viel zu lange habe die Politik damit gewartet, die neu entstandenen Technologie-Giganten zu kontrollieren und im Zaum zu halten. Jetzt hätten sie eine Marktmacht erreicht, die nicht nur politisch gefährlich, sondern obendrein für die Verbraucher schlecht sei.

Allein Facebook, das Kommunikationsnetzwerk, machte 2016 einen Umsatz von über 27 Milliarden Dollar, der
Gewinn belief sich auf rund 10 Milliarden Dollar. Mit einem Börsenwert von rund 441 Milliarden Dollar ist es eines der wertvollsten Internetunternehmen der Welt. Die Werbeumsätze sollen nach ersten Schätzungen im Jahr 2018 rund ­
42 Milliarden Dollar betragen. Weltweit hat das Netzwerk zwei Milliarden
Nutzer.

Google hat in den USA einen Marktanteil von 90 Prozent unter den Suchmaschinen, Amazon beherrscht inzwischen 74 Prozent des E-Book-Marktes. „Nach klassischer wirtschaftstheoretischer Definition sind alle drei Unternehmen also Monopole“, so der Autor und Tech-Experte Jonathan Taplin. Die Entwicklung erinnere ihn an die Zeit Anfang des
20. Jahrhunderts, als in den USA vom „Fluch der Größe“ die Rede war und die Regierung einige marktbestimmende Monopole zerschlug.

Wäre das auch heute eine Lösung? Die Meinungen darüber gehen unter Fachleuten auseinander. Die Chefin des US-Kartell-Instituts, Diana Moss, ist der Ansicht, dass es keine neuen Regeln braucht, um Tech-Firmen zu regulieren – die bestehenden müssten nur konsequenter angewendet werden. Andere Experten sind weniger optimistisch.

Was den Einfluss der vermeintlich so offenen Konzerne so gefährlich macht, ist ihre Intransparenz. So wird etwa der Algorithmus, mit dem Google Ergebnisse in seiner Suchmaschine nach oben spielt, wie ein Staatsgeheimnis behandelt. Ein ähnlich großes Mysterium ist es, nach welchen Kriterien Facebook-Nutzer welche Nachrichten zu sehen bekommen. Bekannt ist nur, dass der Algorithmus Dinge nach ihrer Ähnlichkeit sortiert: So entstehen jene „Filterblasen“ und „Echokammern“, in denen die Nutzer nur noch Nachrichten sehen, die zu ihrer Einstellung passen und die die Diskussion mit politisch Andersdenkenden immer schwieriger macht.

Dass damit eine enorme politische Verantwortung einhergeht, wollen die Betreiber der Seiten bisher nicht einsehen. Auch nicht, dass sie von reinen Plattformbetreibern längst zu den Medienunternehmern des 21. Jahrhunderts geworden sind. Unternehmen allerdings, die anders als klassische Medien zwischen Fakt und Fantasie oft nicht unterscheiden. Sich öffentlich damit auseinandersetzen wollen die Chefs von Facebook, Google und Twitter aber nicht: Zu einer Kongressanhörung in Washington, in der es um die Einmischung Russlands in die US-Präsidentschaftswahl ging, erschienen sie nicht selbst, sondern schickten lieber ihre Rechtsanwälte.

Immerhin: So langsam bekommen selbst Politiker, die das Silicon Valley und seine innovativen Unternehmen lange unterstützten, Angst vor den Geistern, die sie riefen. So fordert der demokratische Senator Cory Booker aus New Jersey – eine der großen politischen Hoffnungen der Demokraten – die Regierung dazu auf, die großen Tech-Konzerne schärfer zu beobachten und gegebenenfalls kartellrechtliche Maßnahmen zu ergreifen. „Die Konsolidierung, die da im ganzen Land stattfindet, ist kein positiver Trend“, so Booker in einer Radiosendung. Der 48-Jährige ist Mitglied eines Schlüsselkomitees im US-Kongress, das die Tech- und die Telekommunikationsindustrie überwacht – und ein möglicher Präsidentschaftskandidat 2020.

Der wirtschaftliche Streit darum, ob hier für die Verbraucher ungünstige Monopole entstehen, ist auch ein zutiefst
politischer: Während die eine Seite, vornehmlich die Republikaner, nach
Bookers Meinung bei Regulierungsfragen gern ein Auge zudrücken, hätte er gern mehr Kontrolle über Google und Amazon. Der Online-Händler hat mit seiner Übernahme der Bio-Supermarktkette Whole Foods dieses Jahr so viel Einfluss auf den Lebensmittelhandel bekommen, dass Booker das schädlich für die Verbraucher findet. Auch bei Google würde er lieber genauer hinsehen und führt als rühmliches Beispiel die Europäische Union an, die den Konzern in diesen Sommer zu einer Rekordstrafe von 2,4 Milliarden Euro verdonnerte. Grund: Der Konzern stellt in seiner Suchmaschine eigene Produkte und Firmen nach oben und benachteiligt damit Konkurrenten. Eine Untersuchung in den USA zu kartellrechtlichen Fragen wurde 2013 dagegen eingestellt.

Nur auf den ersten Blick kostenlos

„Unsere Regulierungsbehörden machen ihren Job einfach nicht“, sagt Booker und ist mit seiner Einschätzung nicht allein: „Die Ideale der Technologie-Konzerne sind wunderbar, aber sie können von mächtigen Instanzen gekapert werden. Wenn das passiert, werden sie selbst zum Gegenteil dessen, was sie versprochen haben“, sagt auch der Schriftsteller Franklin Foer in einem Interview zu
seinem unlängst erschienenen Buch: „World Without Mind: The Existential Threat of Big Tech“ („Welt ohne Verstand: Die existentielle Bedrohung durch die großen Technologie-Konzerne“). Er argumentiert, dass die Welt statt eines Netzwerks, das so etwas wie ein globales Bewusstsein schaffen wollte, lediglich ein Monopol bekommen habe.

Ein Monopol der Daten. „Mit jeder Suche erhält Google durch die Informationen über den Nutzer einen Gegenwert von zwölf Cent“, rechnet Rechtsanwalt Reback vor. Das Angebot der Suchmaschine sehe zwar kostenlos aus, das sei aber der Preis, den man bezahle. Vom Eindringen der Datenkrake in die Privatsphäre ganz abgesehen. Die Gewinne, die die Internet-Konzerne so vor allem mit Werbung machen, sind enorm.

Gewinne, die nicht nur den kleineren Technologie-Konkurrenten entgehen, die früher oder später von den Großen aufgekauft werden, sondern auch Kevin Rosenberg, dem Wanderschuhverkäufer aus Brooklyn. Der hat sein Geschäft übrigens nicht ganz aufgegeben, sondern sich in die romantische Hügellandschaft nördlich von New York City zurückgezogen. Dort betreibt er jetzt einen Ausrüstungsverleih.

Vielleicht hätte er mehr Glück mit seinem Laden gehabt, wenn schon Realität wäre, was Gary Reback sich für die Zukunft wünscht: „Zu einem früheren Zeitpunkt hätte man die Dominanz der Konzerne noch verhindern können, indem man etwa Zukäufe untersagt hätte“, sagt er. „Jetzt wirken kleine Eingriffe nicht mehr: Wenn wir die Vorzüge von echtem Wettbewerb wollen, wird es wohl ohne Aufspaltungen der Unternehmen nicht gehen.“

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