New York Glamour, Glanz und Sternenstaub

Ein Sänger als Kunstwerk: David Bowie im Vinyl-Anzug auf seiner Aladdin-Sane-Tournee 1973.
Ein Sänger als Kunstwerk: David Bowie im Vinyl-Anzug auf seiner Aladdin-Sane-Tournee 1973. © Foto: laif
UDO EBERL 12.01.2016
Bis zuletzt hat David Bowie sein Schaffen neu definiert. Erst vergangenen Freitag meldete er sich mit dem Album "Blackstar" zurück. Nur zwei Tage später starb das Pop-Genie im Kreis seiner Familie.

Über Jahrzehnte hinweg schien das Leben von David Bowie eine perfekte Inszenierung gewesen zu sein. Dass er nun so rasch nach seinem 69. Geburtstag am 8. Januar und der damit verknüpften Veröffentlichung seines 25. Studioalbums "Blackstar", einem grandiosen musikalischen Spätwerk, von uns gehen würde, hatte wohl selbst er nicht erwartet. Bei der Premiere des von ihm mitgeschaffenen Musicals "Lazarus" im New Yorker "Theatre Workshop" sah man noch deutlicher als in den jüngsten Videos einen sichtbar gealterten Megastar, der es aber verstand seine zu diesem Zeitpunkt extrem fortgeschrittene Erkrankung in bewährter Manier wegzulächeln.

Wer sein jüngstes Album und die dazu produzierten Videos kennt, weiß, dass Bowie eine künstlerische Tiefe erreichte, die man seit der legendären Berliner Trilogie so kaum noch gekannt hatte. Und alle Einschätzungen von Fans und Kritikern, dass hier einer noch einmal alles auf eine Karte gesetzt habe, sollten sich nun viel zu früh als wahr erweisen. Doch nicht aus dem dunklen Raum einer schweren Depression wurde diese finale, nachhallende und mit spitzem Jazz aufgewühlte Musik des wohl auch als Vermächtnis geplanten Albums gespeist, sondern von einer bis zuletzt geheim gehaltenen Krebserkrankung. Bowie muss vermutlich wie ein Besessener daran gearbeitet haben, zumindest sieben Stücke fertigstellen zu können, um das Album-Format zu realisieren. Das tiefe Grau des "Blackstar" wollte er seinem Gesamtwerk noch hinzufügen.

Einen mehr als bleibenden Eindruck hätte er sowieso hinterlassen. Nur wenige Popmusiker haben in den vergangenen fast 50 Jahren die Musikgeschichte und Popkultur so geprägt wie David Bowie, der 1947 im Londoner Stadtteil Brixton als David Robert Jones geboren wurde. Schon bald sollte aus dem schüchternen und feinsinnigen Jungen mit der fast transparenten Haut ein Schrecken des konservativen Bürgertums werden, der alle bisherigen Pop-Gesetzmäßigkeiten aushebelte. Mit 15 Jahren sang er in der Band "The Kon-Rads" und spielte zudem Saxofon. 1967 erschien der noch von Musical-Melodien und Folk inspirierte Erstling, zwei Jahre später wurde er erstmals von seinem späteren Dauerproduzenten Tony Visconti unterstützt, der seinen Sound maßgeblich mitprägte. Die "Space Oddity" sollte dann zwei Jahre später zum Beginn eines unbeschreiblichen Höhenflugs werden, der auch vom Showtalent des Briten befeuert wurde.

Aus dem "Rainbow Man" wurde das Alter Ego "Ziggy Stardust", ein androgynes Wesen, das durch eine Welt der Drogenexzesse geschleudert wurde und sich allen Ordnungen widersetzte. Geradezu legendär die theatralischen Liveshows der "Ziggy"-Phase, in der Bowie alle Bühnen- und Kostüm-Register zog und sich schon mal als homosexuell outete, obwohl er längst verheiratet und Vater seines Sohnes Duncan war. All diese Skandale waren allerdings nur weitere Nahrung für einen Erfolg, der selbst von teils weniger inspirierten Alben nicht mehr aufzuhalten war.

Für Weltruhm sorgten nicht nur ausgedehnte Tourneen, auch seine Arbeit als Produzent für Künstlerkollegen wie Lou Reed oder Iggy Pop und nicht zuletzt als Schauspieler. Mit dem über weite Strecken melancholischen Science-Fiction-Film "Der Mann, der vom Himmel fiel", in dem Bowie den Außerirdischen Thomas Jerome Newton spielte, setzte er sich ein weiteres Denkmal und zeigte neue Facetten seiner künstlerischen Vielfalt, schien aber gleichzeitig innerlich zu verglühen. Ziggy Stardust hatte er längst live beerdigt, da schien er sich wegen seines Drogenmissbrauchs sein eigenes reales Grab zu schaufeln.

In Berlin, von Bowie als "Welthauptstadt des Heroins" bezeichnet, schaffte er via kaltem Entzug nicht nur den Weg aus der Sucht, er schuf inspiriert von deutschen Bands wie Can, Kraftwerk oder "Tangerine Dream" und unterstützt von Brian Eno und Tony Visconti mit "Low", "Heroes" und "Lodger" drei Alben, die als Berlin-Trilogie in die Musikgeschichte eingehen sollten. Auch in den 80er Jahren wollte sich Bowie immer wieder neu finden und erfinden: Etwa bei seinem Broadway-Debüt in "The Elephant Man", beim zusammen mit der Band Queen eingespielten Hit "Under Pressure" oder mit der Single "Let's Dance", die ihn zum gefeierten Popstar werden ließ. Die Folge waren ein warmer Geldregen und eine erneute Schaffenskrise des Stars, der musikalisch Mitte der 80er nicht mehr allzu viel zu sagen hatte, aber gemeinsam mit dem Jazzgitarristen Pat Metheny für den Überraschungscoup "This Is Not America" sorgen konnte.

Mit dem somalischen Supermodel Iman Abdulmajid an seiner Seite, das er 1992 heiratete und mit dem er die gemeinsame Tochter Alexandria großzog, kamen auch die künstlerische Energie und Experimentierfreude zurück. Er wagte sich für sein Album "Earthling" an frickelige Drum and Bass-Sounds heran, bot später mit "Heathen" und "Reality" einen breitwandigen Bowie-Sound mit Erfolgsgarantie. Auf dem Hurricane-Festival im niedersächsischen Scheeßel wurden die Besucher dann Zeugen des letzten, wirklichen Live-Konzerts. Am 25. Juni 2004 erlitt der Sänger einen Herzinfarkt und stand später nur noch bei befreundeten Musikern wie "Arcade Fire" oder David Gilmour als Gast am Mikrofon.

Der Kult um David Bowie war trotz dieser folgenden Live-Abstinenz ungebrochen. Gewaltig der Jubel um sein Comeback-Album "The Next Day" im Jahre 2013, ewig die Besucherschlangen vor dem Londoner Victoria and Albert Museum. 300 000 Besucher wollten die 300 privaten Exponate in der Ausstellung "David Bowie" sehen, später auch in Chicago, Paris oder Berlin.

Nach der Veröffentlichung von "Blackstar" am Freitag hat sich der bekennende Buddhist nun endgültig von der Erdenbühne zu seinem letzten Flug verabschiedet - auch in den sozialen Medien. Seine Frau Iman twitterte bereits am Sonntag "The Struggle is Real, but so is God" und auf Bowies Facebook-Seite war dann unwiderruflich zu lesen: "David Bowie ist heute friedlich, nach einem mutigen, 18 Monate dauernden Kampf gegen den Krebs im Kreise seiner Familie gestorben." Ein gewaltiger Stern ist am Pophimmel verglüht, sein Schweif wird ihn auf ewig erhellen.

Weltweite Trauer um eine Pop-Ikone

"Davids Freundschaft war das Licht meines Lebens. Ich habe noch nie eine so brillante Person getroffen. Er war der Beste, den es gab." (Der Musiker Iggy Pop)

"Er war sowohl ein wunderbarer, freundlicher Mann, als auch ein außerordentlicher Künstler, ein echtes Original." (Die Rolling Stones)

"Seine Musik spielte eine sehr große Rolle in der britischen Musikgeschichte und ich bin stolz, an den gewaltigen Einfluss zu denken, den er auf Menschen überall auf der Welt hatte." (Paul McCartney)

"Ich bin so glücklich, dich kennengelernt zu haben!!!! Hot Tramp I love you So!" (Madonna)

"Kann heute bitte jeder Radiosender nur Musik von David Bowie spielen - ich denke, die Welt schuldet ihm das." (Komiker Eddie Izzard)

"Die Welt hat heute einen Helden verloren!" "Du hast die Welt mit deiner Musik verändert, Mr. Bowie!" (Der irische Musiker Rea Garvey)

"Am Boden zerstört... Eine Legende ist von uns gegangen" (US-Sängerin Cher)

"Hab einen guten Flug, Major Tom.... Wir werden dich auf der Erde vermissen." (Udo Lindenberg)

"Ich habe deine Musik geliebt. Ich habe dich geliebt. Einer der größten Unterhaltungskünstler, der je gelebt hat." (Schauspieler Russell Crowe)

"Ich wünsche, er hätte länger auf der Erde bleiben können." (Autorin J.K Rowling)

"Auf Wiedersehen, David Bowie. Du bist jetzt unter #Heroes. Danke, dass du geholfen hast, die Mauer zu Fall zu bringen." (Auswärtiges Amt)

"David Bowie hatte etwas, was auch für die Diplomatie grundlegend ist, die Neugier, die Welt durch die Augen anderer zu entdecken. Die Bereitschaft, sich von überlebten Vorurteilen zu lösen." (Außenminister Frank-Walter Steinmeier)

"David Bowie ist und wird immer eine Rock'n'Roll-Legende sein, eine echte Stilikone und ein lieber Freund." (Designer Tommy Hilfiger)