Leitartikel Günther Marx zum Gipfel von Trump und Kim Gipfel in Singapur: Chance auf Zeitenwende

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Berlin / Günther Marx 13.06.2018

Was die Ergebnisse des Gipfeltreffens von Singapur wirklich wert sind, wird sich wohl erst im Laufe der kommenden Monate, wenn nicht Jahre erweisen. Denn der nächste Twitter-Sturm des US-Präsidenten, der alles wieder in Frage stellt, kommt bestimmt. Es wäre interessant zu erfahren, wie Kim Jong Un und seine Berater die Volte Donald Trumps nach dem G7-Treffen in Kanada aufgenommen haben. Als Beispiel für die Verlässlichkeit Trumps sicher kaum – dem Kim in Sachen Wendigkeit allerdings nicht nachsteht.

Da haben sich also zwei getroffen, die bis vor kurzen die Eskalation der Worte bis zum Äußersten getrieben haben, um jetzt in einer 180-Grad­Kehre ein neues Zeitalter anzukündigen. „Wir haben beschlossen, die Vergangenheit hinter uns zu lassen“, so die Worte Kims. Das wäre der Welt
55 Jahre nach dem Ende des Korea­-Kriegs tatsächlich zu wünschen. Bis heute gilt lediglich ein Waffenstillstand, ein Friedensvertrag ist nie geschlossen worden und die Halbinsel ist über all die Jahrzehnte ein internationaler Krisenherd geblieben.

Nicht auszuschließen ist, dass Trumps unberechenbare, neuerdings „disruptiv“ genannte Art, Politik zu betreiben und dabei kein Risiko zu scheuen, Kim zum Einlenken bewogen hat. Nicht auszuschließen ist allerdings auch, dass Kim nach erfolgreicher atomarer Aufrüstung sich seiner so sicher ist, dass er die „Bombe“ als Spielmasse in Verhandlungen auszutesten wagt – als Gegenleistung für umfassende Sicherheitsgarantien, internationale Anerkennung und Hilfe für wirtschaftliche Entwicklung.

Wenn beider Interessen aufeinander zulaufen, könnte am Ende eines langen Verhandlungsweges tatsächlich ein substanzielles Ergebnis stehen. Zugleich bleibt die Frage, wie weit die von Kim zugesagte atomare Abrüstung tatsächlich gehen soll. Geht es um einen vollständigen Abbau, eine Reduzierung oder ein Einfrieren auf dem jetzigen Stand? Kim will ein synchrones und phasenweises Vorgehen, was auf anderes hindeutet, als Trumps Vorstellung, jetzt gehe alles „sehr, sehr schnell“.

Zwar hat Kim in der gemeinsamen Gipfelerklärung zugesagt, auf eine vollständige Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel „hinzuarbeiten“, aber dies ist eine Formulierung, die vieles offen lässt, immer wieder an Bedingungen geknüpft werden kann – und nicht zuletzt auch das Nuklearpotenzial der USA in der Region mit einbezieht. Ob Trump – oder einer seiner Nachfolger – bereit ist, mit Kim über die eigene Militärstrategie in Asien zu verhandeln?

Doch bei aller gesunden Skepsis: Das Treffen in Singapur könnte eine Zeitenwende einläuten. Ein Durchbruch ist es vorerst aber nur in wohlklingenden Worten und hoffnungsfrohen Bildern, die vor einem halben Jahr noch niemand für möglich gehalten hätte. Nach dem Gipfel folgen nun die Mühen der Ebene: Verhandlungen über ein verifizierbares Abkommen mit Nordkorea, in das auch der Süden sowie die Staaten der Region mit einzuschließen sind.  Einen Prestigeerfolg hat Kim indes schon jetzt erzielt.

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