Auto Leitartikel zum Strategietreffen der Automobilindustrie:Gipfel der Visionen

Thomas Veitinger
Thomas Veitinger © Foto: SWP
Stuttgart / Thomas Veitinger 20.05.2017

Über Visionen der Vergangenheit lässt sich heute schmunzeln. Menschen leben im Meer oder auf dem Mond, fliegen mit Autos umher, die ein eigener kleiner Atomreaktor antreibt. Eine bekannte Illustration aus dem vergangenen Jahrhundert wird dagegen Realität: Eine Familie sitzt am Tisch in einem Auto, das ohne Fahrer dahin rollt.

So wird es kommen, im nächsten Jahrzehnt. Autonomes Fahren und Elektroantrieb sind die Zukunft. Offen sind nur der genaue Weg, die Zeit und Geschwindigkeit dorthin. Der Stuttgarter Strategiegipfel war deshalb richtig und wichtig. Er lotet aus, bündelt, vereint, blickt nach vorn, liefert Visionen, auch wenn zunächst nichts Konkretes herauskommt, die Dieselthematik keine Rolle spielt und Vertreter etwa von Umweltgruppen nicht mit am Tisch sitzen. Das Treffen von Ministerpräsident Winfried Kretschmann und den Auto-Chefs ist keine Show, sondern Zeichen und Bekenntnis. Es geht um mehr als nur Autos. Mobilität wird flexibler, spontaner, umweltfreundlicher und an Bedürfnisse angepasst. Das Primat Auto gilt nicht mehr. Städte bekommen ein neues Gesicht. Wir sind nicht am Ende einer Entwicklung, sondern am Anfang. Um dies zu erreichen und den Mobilitäts- und Technologiewandel auf die Straße zu bekommen, müssen sich die Autobauer ändern.

In Deutschland werden die besten Autos gebaut. Doch die Unternehmen sind groß und von Haus aus konservativ und unbeweglich. Das muss nicht unbedingt ein Nachteil sein, wenn es um lange Produktionszyklen geht: Qualität geht mit Gründlichkeit Hand in Hand. Aber Treiber einer Entwicklung wird man so nicht. Es gibt kaum Strom-Modelle, bei der Batterieproduktion liegen andere Länder vorn. Vernetzte und autonom fahrende Autos setzen Ertragspotenziale frei – selbst wenn die Entwicklung immer teurer wird. Die Digitalisierung ermöglicht Kostensenkungen. Und die sind zu nutzen, denn das Tempo ist hoch.

Wie hoch, hat einer der Treiber der Entwicklung formuliert. Elon Musk, Chef des US-Pioniers Tesla, glaubt, es brauche Maschinen, die Maschinen bauen, um das Tempo und die Dichte der Produktion zu erhöhen. Vom Menschen spricht er dabei nicht. Aber darum muss es Politik und Wirtschaft ebenfalls gehen. Für die Produktion von Autos sind künftig weniger Beschäftigte notwendig, Car-Sharing oder Roboterautos könnten das Übrige tun. Arbeitnehmer dürfen bei der Hatz nach Innovation nicht einfach zurückgelassen werden.

Bange muss uns die Zukunft nicht machen. Das Auto wird seine Rolle als individuelles, für manche Zwecke kaum zu ersetzendes, bequemes Verkehrsmittel behalten. Die Politik muss dazu aber Infrastruktur, Wissenschaft und Wissenstransfer fördern und Rahmenbedingungen für den Weg zum automatisierten Fahren ebnen. Mit Dieselverboten hat sie ein probates Druckmittel für die Transformation in der Industrie an der Hand. Baden-Württemberg muss Pilot-Modell werden. Der Gipfel hat die Bedingungen für die Realisierung der Visionen geschaffen.

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