Es gibt Fragen des Lebens, die offenbar nur ein Gericht beantworten kann. Und so musste sich Strafrichter Eberhard Bergmeister mit dem Fall eines Giengener Bäckermeisters auseinandersetzen, der im April vergangenen Jahres einen Lebensmittelkontrolleur des Landratsamtes beleidigt haben soll. Corpus delicti: der schwäbische Ausdruck "Bürschle".

Die Position des Angeklagten war klar: Er habe überhaupt nicht "Bürschle" gesagt, sondern "Manndele". Und selbst wenn er "Bürschle" gesagt hätte: Das sei keine Beleidigung. Auch dann nicht, wenn sich Beschuldigter und Geschädigter in einem hartnäckigen Streit befinden. Denn der Sohn des Angeklagten, Chef im Familienunternehmen, hatte öfter Besuch von Lebensmittelkontrolleuren des Landratsamtes. Besonders von einem bestimmten - dem Geschädigten - fühlte man sich schikaniert.

Drei Tage vor der Tat gab es Streit um das in der Bäckerei produzierte Eis, das der Kontrolleur recht rabiat mit Hilfe von Spülmittel ungenießbar machte - da sich der Bäcker geweigert habe, es selbst zu entsorgen. Am Tattag kam dem Bäcker sein Vater - der Angeklagte - zu Hilfe. Die Hilfe bestand darin, den Kontrolleur als "Bürschle" - oder "Manndele" - zu bezeichnen. Und nicht nur das: Den ehemaligen Ausbilder des Kontrolleurs nannte er eine "Sau". Dass "Sau" eine Beleidigung darstellt, war vor Gericht relativ unumstritten. Anders sah die Sache beim "Bürschle" aus. Der Verteidiger des Bäckers sprach von der im Schwäbischen durchaus verbreiteten Praxis, einen erwachsenen Mann auch "liebevoll" als Bürschle zu bezeichnen. Und überhaupt: Gemessen an der schikanösen Vorgeschichte hätte sich manch anderer noch heftiger am schwäbischen Sprachfundus bedient.

Für den Richter spielte das keine Rolle. Der Fall war klar: "Bürschle" war in diesem Fall eine Beleidigung. Auch das verwendete Pronomen sprach eine deutliche Sprache: "Du Bürschle" habe der Angeklagte gesagt, und nicht "Sie Bürschle". Gleiches gelte im Übrigen auch für "Manndele". Welcher Begriff nun tatsächlich gefallen ist, war dem Richter zudem "völlig egal". Das Urteil: 1200 Euro Geldstrafe wegen Beleidigung in zwei Fällen.