Herr Minister, Sie sind jetzt ein Jahr im Amt. Eigentlich wollten Sie in dieser Zeit schon ein freiwilliges Textilsiegel der deutschen Hersteller einführen. Woran hakt es?
GERD MÜLLER: Auch wenn es aktuell noch wichtigere Probleme gibt – denken Sie an die Situation der Flüchtlinge im Irak, wo vielen Tausenden im Winter der Tod droht, wenn wir nicht rechtzeitig und umfassend helfen, ist das Thema Textilsiegel für mich von großer Bedeutung. Ich bin sehr froh, dass ich in dieser Frage von der Arbeitsministerin unterstützt werde und sich auch der Wirtschaftsminister beim Besuch einer Textilfabrik in Vietnam in dieselbe Richtung äußert.  Wir müssen globale Wertschöpfungsketten in den Blick nehmen, und da ist die Textilproduktion ein besonders prägnantes Beispiel.
 
Jetzt müssen Sie nur noch die großen deutschen Firmen für Ihr Textilbündnis gewinnen?
MÜLLER: Jeder, der in Deutschland Kleidung verkauft, muss seinen Kunden erklären, ob er auf Kinderarbeit in der Produktionskette verzichtet, ob er den Näherinnen mehr als 15 Cent in der Stunde zahlt, wovon die sich gerade mal eine Suppe kaufen können, ob er ökologische Grundstandards, etwa bei der Abwasserklärung, einhält. Die Kunden werden den Herstellern die Frage stellen: Wie könnt Ihr Euch diesen Mindeststandards verweigern?
 
Warum stellen Sie denn die großen Verweigerer nicht öffentlich an den Pranger?
MÜLLER: Die Textilwirtschaft gehört zu den größten Branchen in der deutschen Wirtschaft, da herrscht schon heute großes Verantwortungsbewusstsein. Und deshalb bin ich zuversichtlich, dass wir zu einer breiten Zusammenarbeit im Textilbündnis kommen. Für das neue Jahr sehe ich gute Ansätze. 50 Firmen und Organisationen sind ja jetzt schon dabei.
 
Mit einem Gesetz wollen Sie nicht drohen?
MÜLLER: Erst einmal schalten wir zu Beginn des Jahres 2015 ein Verbraucherportal der Bundesregierung frei, das Klarheit über die verschiedenen Siegel bringen soll, los geht es mit einem Siegelcheck bei Textil. Die nächste Stufe wird ein Check der Eigenstandards der Firmen sein,  hinter denen sich einige Hersteller verstecken. Da wollen wir für mehr Wahrheit und Klarheit sorgen. Außerdem wird das Thema auch beim G7-Gipfel im Juni aufgerufen, bei dem Deutschland den Vorsitz hat. Da ist mehr Bewegung drin, als ich mir vor einem Jahr hätte vorstellen können. Ein Gesetz wäre nur der letzte Schritt, und das ginge nur im europäischen Rahmen.
 
Statt weltweit für faire und nachhaltige Produktion von Nahrungsmitteln, Textilien oder Gebrauchsgütern zu sorgen, sind Europäer und Nordamerikaner derzeit mehr mit den Regeln für verschiedene Freihandelsabkommen beschäftigt. Läuft da nicht etwas in die falsche Richtung?
MÜLLER: Wir müssen vom Freihandel zum Fairhandel kommen. In den letzten Jahrzehnten lag der Fokus auf der Vergrößerung und der Liberalisierung von Märkten. Dieses Prinzip ist an seine Grenzen gestoßen. Der Markt braucht klare Regeln und Leitplanken, soziale und ökologische Mindeststandards, und zwar weltweit. Bei den TTIP-Verhandlungen müssen wir aufpassen, dass die großen Märkte nicht zur Dampfwalze für die
Entwicklungsländer in Afrika, Asien und Lateinamerika werden.   
 
Am kommenden Montag werden Sie an der Klimakonferenz in Lima teilnehmen.  Wenn dort die Weichen nicht energisch gegen die weitere Erderwärmung gestellt werden, befürchtet die Welthungerhilfe dramatische Engpässe bei der Ernährung und Wasserversorgung. Sie auch?
MÜLLER: Ich besuche vorher Kolumbien, wo wir vor Ort Klimaschutzprojekte fördern. Da geht es um die Erhaltung des Tropenwaldes, der so etwas wie die Lunge der Erde ist. Wer dort –ähnlich wie in Brasilien oder im Kongo -  Maßnahmen gegen Rodung und Entwaldung umsetzt, stärkt die Vitalkräfte der Welt. Das sind konkrete Investitionen in den Klimaschutz.
 
Bis 2015 wollte die Bundesrepublik 0,7 Prozent der Wirtschaftsleistung für Entwicklungszusammenarbeit ausgeben – in Wahrheit kommen Sie gerade mal auf die Hälfte, nämlich 0,38 Prozent. Haben Sie das Ziel schon aufgegeben?
MÜLLER: Nein, es bleibt richtig, und wir halten daran fest. Aber ich will schon darauf hinweisen, dass wir in den letzten acht Jahren den Haushalt für Entwicklungszusammenarbeit verdoppelt haben.  Deutschland steht damit an dritter Stelle in der Welt. Die Bundesrepublik verbraucht so viel Strom wie der gesamte afrikanische Kontinent – das beantwortet die Frage nach unserer Verantwortung. Wir müssen, auch auf dem G7-Gipfel, deutlich machen, dass es um Überlebensfragen der Menschheit geht, um Klima, Ernährung, Wasser.
 
Ihr Vorgänger Dirk Niebel von der FDP ging gern mit seinem Bundeswehr-Käppi auf Reisen und sprach sich für eine Verknüpfung von Militäreinsätzen und Entwicklungshilfe aus. Ist das auch Ihre Philosophie?
MÜLLER: Das Käppi ist entsorgt, und ich habe auch einen anderen Ansatz.
Mir macht große Sorge, dass die Produktion und Verbreitung von Waffen weltweit ständig zunehmen. Auch das muss ein G7-Thema sein: Wie schaffen wir eine Begrenzung der Waffenlieferungen? Dann ersparen wir uns manche kriegerische Auseinandersetzung.
 
Wie ist die aktuelle Lage in Afghanistan?
MÜLLER: Ich bin kürzlich dort gewesen und habe mit dem neuen Präsidenten Ashraf Ghani  über  Projekte gesprochen, mit denen die afghanische Wirtschaft nach vorn gebracht werden kann. Momentan trägt sich der Haushalt des Landes nur zu 20 Prozent selbst, 80 Prozent durch internationale Hilfe. Das kann nicht auf Dauer so sein. Die Erfolge in der Zivilgesellschaft – bei Gesundheit, Bildung, Infrastruktur – sind beachtlich, aber es müssen weitere Fortschritte erzielt werden, beim Investitionsschutz und bei den Sicherheitsstrukturen.
 
Und bei der Bekämpfung von Korruption und Drogenanbau?
MÜLLER: Von unserem Haus wird kein Euro an staatliche Stellen in Afghanistan fließen ohne Kontrollen und Auflagen. Wir haben eigene Leute vor Ort, die das überprüfen.
 
Ist die Sicherheitslage in Afghanistan denn schon so, dass Sie nach dem Abzug der internationalen Streitkräfte nur noch zivile Aufbauhelfer ins Land schicken können?
MÜLLER: Da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen, ob es tatsächlich zu einem Komplettabzug bis 2017 kommen kann. Das hängt von der weiteren Entwicklung der Sicherheit dort ab. Sicherheit ist die Grundlage jeder Entwicklung. Im  Norden ist die Lage relativ stabil, auch die Wirtschaft entwickelt sich da gut. In anderen Regionen herrscht noch Unsicherheit, da investiert auch niemand.