Afrika steht für den deutschen Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) seit langem im Mittelpunkt seiner Arbeit. Das dokumentiert auch der „Marshallplan mit Afrika“, den das Ministerium vorgelegt hat. André Bochow sprach mit dem Minister.

Auf der Erde leben mehr als 7,6 Milliarden Menschen. Im Jahr 2050 werden es 10 Milliarden sein. Eine unaufhaltsame Entwicklung?

Gerd Müller: Es gibt einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Bevölkerungswachstum und Armut. Wir müssen diesen Teufelskreis durchbrechen. Der gestern vorgelegte Weltbevölkerungsbericht zeigt, wie wir das angehen können. Vor allem mit besserer Familienplanung. Frauen müssen überall selbst darüber bestimmen können, ob und wann sie Kinder bekommen. Es gibt auch einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Gesundheit und der Anzahl der Kinder, die geboren werden. Wenn die Überlebenschancen der Kinder steigen, dann sinkt auch die Geburtenrate.

Trotzdem wird es erst einmal beim Bevölkerungswachstum bleiben. 90 Prozent davon entfallen auf die Schwellen-und Entwicklungsländer, deren Arbeitsmärkte die jungen Leute nicht aufnehmen können. Was bedeutet das für uns?

Zunächst einmal müssen wir uns darüber klar werden, dass Armut und Arbeitslosigkeit in Afrika auch uns betreffen. Deswegen können und müssen wir neben der Familienplanung auch bei der Entwicklung der Bildungssysteme und der Ernährung helfen. Beispielsweise mit neuen Getreidesorten, die dem Klimawandel standhalten. Und wir brauchen deutlich mehr private Investitionen. Denn Jobs schafft nur die Wirtschaft. Wenn wir in Arbeitsplätze investieren, senken wir nicht nur die Armut, sondern auch den Migrationsdruck.

Investitionen als Mittel zur Fluchtursachenbekämpfung?

Genau. Und zur Verringerung des Bevölkerungswachstums.

Die Bill und Melinda Gates-Stiftung hat jetzt in Berlin ein Büro eröffnet. Stört es Sie, dass Sie nun die konkurrierende private Entwicklungshilfe vor der Haustür haben?

Im Gegenteil. Ich freue mich sehr, dass die Gates-Stiftung jetzt auch einen Sitz in der deutschen Hauptstadt hat. Die Stiftung ist weltweit vernetzt und leistet herausragende Arbeit. Wir arbeiten schon seit Jahren mit ihr zusammen.

Auf welchen Gebieten denn?

Es gibt ganz konkrete gemeinsame Projekte in Afrika. Zum Beispiel Impfaktionen für Kinder. Das Ziel ist, alle Kinder des Kontinents gegen die schlimmsten Krankheiten zu impfen. Bei der Impfallianz GAVI haben wir und die Gates-Stiftung gemeinsam daran mitgewirkt, dass 640 Millionen Kinder geimpft wurden. Pocken und Polio konnten so zurückgedrängt werden und Millionen Kindern wurde das Leben gerettet.

Was ist mit Aids? Mit Tuberkulose?

Auch da arbeiten wir gut zusammen. Da geht es zum einen um Forschung zur Entwicklung und Anpassung neuer Medikamente. Zum anderen können wir durch die Bündelung unserer Aktivitäten niedrigere Medikamentenpreise durchsetzen. So können sich auch Menschen mit geringem oder sehr geringem Einkommen lebensnotwendige Arzneien leisten. Denken Sie etwa an Aids-Medikamente. Die waren vor 20 Jahren noch unbezahlbar.

Sie haben im Zusammenhang mit dem gerade veröffentlichen Welthungerindex von einem Skandal gesprochen.

Ja. Denn: Hunger ist Mord, weil wir das Wissen haben, ihn zu bekämpfen. In Indien und auf dem afrikanischen Kontinent verderben bis zu 50 Prozent der Ernten, weil nicht einmal einfachste Lagermöglichkeiten vorhanden sind. Hier müssen und können wir investieren. Zum Beispiel in Trocknungssysteme. Oder in den Aufbau der Weiterverarbeitung vor Ort. Auch in solchen Ernährungsfragen arbeiten wir eng mit der Gates-Stiftung zusammen.

Wie steht es um das Ziel, 0,7 Prozent des Bruttoinlandproduktes für die Entwicklungszusammenarbeit auszugeben?

Wir haben im Koalitionsvertrag festgehalten, dass wir das 0,7 Prozent-Ziel erreichen wollen. Wir haben zudem beschlossen, die Ausgaben für Entwicklung an die Verteidigungsausgaben 1:1 zu koppeln. Jetzt geht es darum, den Koalitionsvertrag auch umzusetzen. Entwicklung muss in Deutschland einen höheren Stellenwert haben.

Und? Hat sie?

Wir stehen vor gewaltigen Herausforderungen: der Wiederaufbau im Irak, die Bewältigung der humanitären Katastrophe im Jemen und im Krisenbogen rund um Syrien sowie die Einlösung der Klimaschutz-Verpflichtungen Deutschlands. Mit dem bisherigen Haushaltsansatz für 2018 kann ich diese wichtigen Aufgaben aber nicht so voranbringen, wie es erforderlich wäre. Deswegen kämpfe ich dafür, dass eine entsprechende Erhöhung der Mittel im Haushalt durchgesetzt wird.

Wie sieht es denn auf europäischer Ebene aus? Wird da genug für die Entwicklungszusammenarbeit getan?

Nein. Die Mittel, die für die nächste Finanzperiode von 2021 bis 2027 vorgesehen sind, reichen auf keinen Fall. Vor allem nicht, wenn es um Afrika geht. Die Mittel sollen lediglich von 4,5 auf 5,5 Milliarden Euro pro Jahr steigen. Das ist völlig inakzeptabel. Die Ausgaben für die europäische Landwirtschaft sind zehnmal so hoch!

Das könnte dich auch interessieren:

Berlin