Menschlichkeit Menschlichkeit: Gelebte Solidarität

Ulm / SWP 23.12.2017
Es gibt viele Engagierte in Deutschland, die sich für andere einsetzen und Solidarität leben. Wir stellen zehn vor.

Was wäre unser Land ohne jene, die sich uneigennützig für andere einsetzen? Es gibt viele Engagierte. Zehn von ihnen stellen wir stellvertretend vor.

Die gute Fee der Ostalb
Für viele Menschen in Aalen ist Ute Hommel die gute Fee: Nicht nur, weil sie als leidenschaftliche Märchenerzählerin ihren Mitmenschen zauberhafte Stunden beschert. Sondern weil sie ihr Organisationstalent gerne einsetzt, um anderen das Leben schöner zu machen: Sie organisiert Seniorennachmittage bei der Arbeiterwohlfahrt,  plant Wanderungen. Hat ein Nähcafé für Flüchtlingsfrauen initiiert und einen interkulturellen Kochtreff ins Leben gerufen, der mittlerweile das dritte Kochbuch herausgegeben hat.

Schon in den 1990er Jahren machte sich Ute Hommel ehrenamtlich für eine qualifizierte Kindertagespflege stark – heute ist der Verein anerkannter Träger der freien Jugendhilfe im Ostalbkreis und hat unzählige Tagesmütter und -väter ausgebildet. „Stress“? – Das Wort kommt bei der pensionierten Grund- und Hauptschullehrerin Ute Hommel nicht vor. „Ich bin ja meistens Herr meiner Termine“, sagt die 70-Jährige und schmunzelt vor sich hin.
Von Bea Wiese

Leben retten in Afrika
„Wenn wir nicht helfen, dann hilft diesen Menschen niemand!“ Der gebürtige Stuttgarter Dr. Ulrich Bauer (75) legte mit Eintritt in den Ruhestand das Skalpell nicht aus der Hand. Er hatte 25 Jahre lang als Chefarzt der Chirurgie am damaligen Kreiskrankenhaus in Gaildorf ungezählten Patienten geholfen. Fortan stellte er ohne jegliches Honorar seine  Kraft in den Dienst kranker Menschen auf der Schattenseite dieser Erde, Hauptsächlich für die „German Doctors“. Als „Slum-Doc“ half er in indischen Elendsvierteln. Im Jemen behandelte er während der Kriegswirren auch Schussverletzungen. Seine Patienten waren nicht selten traumatisierte Kinder. In Sierra Leone sorgte er – auch unterstützt durch die Initiative „Gaildorf hilft Afrika“ – für eine spürbare Verbesserung der medizinischen Versorgung. Ulrich Bauer, auf Schritt und Tritt mit dem Tod konfrontiert, hat als vielfacher Lebensretter dafür gesorgt, dass die Tropfen auf den heißen Stein größer werden.
Von Klaus Michael Oßwald

Verblüffen mit Gedichten
„Ich hasse basteln“, sagt Valentin Romes (15), Schülersprecher der Adalbert-Stifter-Schuler, einer Grund- und Gemeinschaftsschule auf dem Ulmer Eselsberg. In diesem Jahr haben die Schüler seiner Klasse statt zu basteln Gedichte eingeübt, die sie beim Adventsbazar vorgetragen haben – gegen eine Spende. Denn der Sinn des Bazars, bei dem alle 490 Schüler plus die Kinder der benachbarten Kita zusammenhelfen, ist letztlich Geld zu sammeln, das gemeinnützigen Organisationen gespendet wird.  „Gutes tun für Andere, das muss man Kindern von Anfang an beibringen“, ist eine Überzeugung von Susanne Gatzke, Verbindungslehrerin an der Schule. Ihrer Ansicht nach sollen „Kinder lernen, sich um andere zu kümmern, nicht nur um sich selbst“. Deswegen hat sie vor Jahren den Bazar mit begründet. Ihn organisiert stets die Schülermitverwaltung, mit Helfern, plus Gatzke und Kollegin. Der Erlös kommt in diesem Jahr unter anderem leukämie- und tumorkranken Kindern zugute. 
Von Beate Rose

Mit den Mitteln des Sports
Thomas Gregor Braun ist seit  Geburt Mitglied in der Freien Sportvereinigung Schwenningen (FSV). Das ist 31 Jahre her. Als ehrenamtlicher Gesamtjugendleiter setzt er sich dafür ein, dass Flüchtlingskinder und –jugendliche im Verein mittrainieren können. So lernen Kinder nicht nur Kicken, sondern auch die deutsche Sprache. Mit Hilfe von Erich  Fürderer, der sieben Jahre lang sein Mentor war, hat er eine Inklusionsgruppe aufgebaut. Darin arbeitet die Pädagogin Theres Meyer mit beeinträchtigen Kindern. „Wir wollen sie spielerisch an den Sport heranführen, so dass sie Spaß am Leben haben und ihre Krankheit für eine Weile vergessen können“, sagt Thomas Braun. Bereits drei Mal hat der Verein einen Sportjugendförderpreis gewonnen. Er selbst sieht sich als „junge, frische Note“ im Vorstand. Thomas Braun legt Wert darauf, dass die Erfolge nicht allein sein Verdienst sind. „Das ist die Arbeit des kompletten Teams aus Trainern, Betreuern und Erich Fürderer.“
Von Petra Walheim

Helferin im Rotlicht
Wenn die 73-jährige Maria Kaiser durchs Stuttgarter Rotlichtviertel geht, wirkt sie wie ein Fremdkörper – und gehört doch hierher. Seit 15 Jahren engagiert sich die Seniorin im Café La Strada für Prostituierte. In der Caritas-Einrichtung können sich die Frauen aufwärmen, etwas essen, sich mit Kleidung, Kondomen und Gleitgel eindecken. Die Frauen, die hier im Leonhardsviertel anschaffen, sind Armutsprostituierte. Frauen, auf die andere herunterschauen, doch Maria Kaiser begegnet ihnen mit Respekt. Sie kocht für sie, als Sprecherin der Ehrenamtlichen ist sie für die Beschaffung der Sach- und Geldspenden zuständig. „Ich habe 43 Jahre am Stück gearbeitet. Danach wollte ich etwas Sinnvolles tun“, sagt sie lapidar, als wäre der Einsatz nichts Besonderes. Bei der Diözese Rottenburg-Stuttgart sah man das anders und hat die Stuttgarterin jüngst mit der Martinus-Medaille geehrt. Benannt nach Sankt Martin, der seinen Mantel mit einem Bettler teilte.
Von Caroline Holowiecki

Gemeinsam Essen und Reden
Was ist Weihnachten? Für Thomas Baum aus Weißenhorn ist es Wärme, Geborgenheit, „einfach das Gegenteil von Einsamkeit“. Deshalb organisieren Baum und ein ökumenisches Helfer-Team seit fünf Jahren die „Herberge am Heiligen Abend“ in Weißenhorn. Eingeladen sind alle, die an diesem Abend nicht alleine sein möchten. Waren es früher rund ein Dutzend Menschen, sind es inzwischen doppelt so viele, die zur gemeinsamen Andacht, zum Essen, Singen und Reden ins Augustana-Zentrum kommen. Auch einen Fahrdienst gibt es, keiner soll ausgeschlossen werden. Unter den Gästen sind Alte und Junge, Einzelpersonen und auch Paare, die ihr ganz persönliches Schicksal in die Herberge lockt. Für den Ehemann einer schwer demenzkranken Frau sei der Abend „eine Chance auf Gesellschaft, auf Gemeinschaft“, für die junge Witwe die Hoffnung, Weihnachten nicht nur in Traurigkeit zu erleben, so Thomas Baum, der diese besonderen Abende selbst „sehr bereichernd“ findet. Er selbst und seine Frau feiern „ihr“ Weihnachten am ersten Feiertag: Dann kommen die erwachsenen Söhne samt Partner zu Besuch.
Von Claudia Schäfer

Wutabbau beim Basteln
Knast-Oma ist für Hilde Kilian ein Ehrentitel. Die Floristin (81) kümmert sich seit 1975 um sinnstiftende Freizeitgestaltung von Häftlingen der Jugendvollzugsanstalt in Adelsheim (Neckar-Odenwald-Kreis). Dort sitzen derzeit 430 Jugendliche und Männer zwischen 14 und 24 Jahren ein.  Blumenstecken und Kränzebinden bei der zierlichen Frau mit dem starken Händedruck haben es zum Kultstatus gebracht auch bei jenen Typen, die wegen Mordes oder Totschlags verurteilt worden sind. Die vier Plätze beim Basteln sind begehrt. Die „bösen Buben“ benähmen sich bei ihr ganz anständig, versichert Hilde Kilian, „keiner ist ausfällig geworden“. Ikebana scheint Aggression abzubauen. „Wir sind ein Herz und eine Seele“, sagt sie über das Verhältnis zu ihren „Mitarbeitern“. Macho-Allüren gebe es nicht: „Bei mir muss sich keiner beweisen.“ Die „Knast-Oma“ genießt so großes Vertrauen, das ihr Kummer gebeichtet wird: „Ich biete ihnen ein Zuhause.“ 
Von Hans Georg Frank

Das ausdauernde Zuhören
Mustafa Sary hört liebend gerne zu. Hauptberuflich arbeitet der Ägypter, der in Reutlingen wohnt, in der Logistik-Abteilung des Sindelfinger Daimler-Werks. Früh- und Spätschicht im Wechsel, das strengt an, sichert aber den Lebensunterhalt der fünfköpfigen Familie. Doch viel lieber arbeitet Sary als muslimischer Seelsorger. Jeden Mittwoch hört er den Patienten im Reutlinger Krankenhaus zu, jeden Sonntag den Flüchtlingen in zwei Anschlussunterbringungen. Manchmal dolmetscht er für den Landkreis. Und dann ist da ja noch sein Job als Gefängnis-Seelsorger: Zweimal pro Woche fährt er, vor der Spät- oder nach der Frühschicht, nach Karls­ruhe und Adelsheim. „Ja das ist schon viel. Aber ich mache es sehr gerne und kann selten Nein sagen.“ Zum Jahreswechsel entscheidet sich, ob das Pilotprojekt der Gefängnis-Seelsorge verlängert wird. Wenn ja, will Sary nur noch dort arbeiten. Dann hat er das Zuhören endlich zum Hauptberuf gemacht.
Von Kathrin Kammerer

Ein TV-Bericht gab den Anstoß
Ein Fernseh-Bericht hat Joachim Spitz aufgeschreckt. Gezeigt wurden Kinder, die vom warmen Mittagessen ausgeschlossen sind, weil die Eltern es nicht bezahlen können. Spitz gründete in Schwenningen die Stiftung „ProKids“. Hauptberuflich betreibt er mit seinem Bruder eine Druckerei, seine Kraft aber lässt er hauptsächlich in seine soziale Arbeit fließen. Inzwischen gibt es auch ein ProKids-Café, einen ProKids-Treff, der ein Familienzentrum „mit niederschwelligem Angebot“ ist. Spitz hat eine Hausaufgabenbetreuung organisiert, die einzige kostenlose Kleiderkammer in Schwenningen und dafür gesorgt, dass am Schwarzwald-Baar-Klinikum eine Baby­klappe eingerichtet wird. Auch eine Teenie-WG ist eingerichtet. Sie ist gedacht für junge Mütter mit Babys. Großen Anklang findet im Advent die Weihnachtswunsch-Aktion. Benachteiligte Kinder malen Wünsche bis 20 Euro auf Karten. Die werden  auf Christbäume verteilt. Menschen, die helfen wollen, schauen nach und erfüllen dem Kind den Wunsch.
Von  Petra Walheim

Unermüdlich für Mesale Tolu
Beeindruckt war Cengiz Dogan von Mesale Tolu schon, als sie noch ein Kind war. „Sie war selbstbewusst, hat gesagt, was sie wollte, ohne vorlaut oder frech zu sein“, erinnert sich der Elektroingenieur aus Laichingen, zu deren Bekanntenkreis die Familie Tolu seit Jahren zählt. Als Dogan Anfang Mai erfuhr, dass die Ulmer Journalistin wegen fadenscheiniger Vorwürfe in der Türkei in Haft sitzt, „war das ein Schlag für mich“. Zu einer ersten, spontanen Solidaritätskundgebung in der Ulmer Fußgängerzone ging der 52-Jährige noch als Teilnehmer. Da sei ihm klar gewesen: „Wir müssen weitermachen, bis Mesale frei ist.“ In den folgenden 29 Wochen organisierte Dogan jeden Freitag eine Mahnwache in Ulm, er stellte ein Solidaritätskonzert auf die Beine, schrieb an Politiker und Rechtsanwälte mit der Bitte, sich für Tolu einzusetzen. Letzte Woche kam die 33-Jährige vorläufig frei – es ist auch ein bisschen Dogans Verdienst. Er sagt, die Arbeit sei für ihn eine Bereicherung gewesen.   „Ich habe neue Freude gewonnen, Leute, die ich sonst nie kennen gelernt hätte.“  Und natürlich mache er weiter: „Bis sie freigesprochen wird.“
Von Christoph Mayer

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