Flüchtlinge Geisterschiffe: ein lukratives Geschäft für Schleuser

Athen / John Hadoulis/ AFP 02.01.2015
Menschenschmuggler setzen zunehmend auf große Frachtschiffe, diese verlassen sie dann auf hoher See und überlassen die Menschen ihrem Schicksal
Schleuserbanden setzen beim Versuch, Flüchtlinge nach Europa zu bringen, in jüngster Zeit offenbar zunehmend auf große Frachtschiffe, die hunderte Menschen gleichzeitig über das Mittelmeer bringen können. Auf hoher See gehen die Schleuser dann von Bord und überlassen die Menschen auf dem Geisterschiff ihrem Schicksal. Die Behörden sind alarmiert, nachdem die italienische Küstenwache binnen weniger Tage zwei führerlose Schiffe mit jeweils hunderten Flüchtlingen an Bord im Mittelmeer aus Seenot gerettet hat.

Was ist die neue Taktik der Schmuggler?
Am Dienstag wurde der Frachter „Blue Sky M“ von der italienischen Küstenwache in der Adria gestoppt. Das Schiff mit fast 770 Flüchtlingen an Bord steuerte per Autopilot auf die felsige Ostküste Italiens zu, nachdem sich die Schleuser mit einem Boot abgesetzt hatten. Zwei Tage später wurde die in Sierra Leone registrierte „Ezadeen“ von der italienischen Küstenwache entdeckt, als sie führerlos mit 450 Flüchtlingen an Bord vor dem süditalienischen Hafen Crotone trieb.

Woher stammten die beiden Schiffe? 
Von der unter moldauischer Flagge fahrenden „Blue Sky M“ ist bekannt, dass sie im Oktober im türkischen Hafen Korfez festgemacht hatte und offiziell in den kroatischen Hafen Rijeka wollte. Ob sie weitere Zwischenstopps einlegte, ist noch unklar. Der Frachter „Ezadeen“ kam offenbar vom syrischen Hafen Tartus und hatte einen Zwischenstopp in Famagusta im türkischen Nordteil Zyperns eingelegt. Sein offizielles Ziel war Sète in Südfrankreich. Beide Schiffe waren mehr als 40 Jahre alt und wurden von ihren Mannschaften offenbar gezielt in Richtung der italienischen Küste gesteuert.

Was war die bisherige Taktik der Schleuser?
Bisher verwendeten Schleuser vor allem alte Fischerboote, Schlauchboote und andere kleine Schiffe für die Überfahrt über das Mittelmeer. Dabei überließen sie teils den Flüchtlingen selbst das Steuer. Besonders während des inzwischen eingestellten italienischen Marineeinsatzes „Mare Nostrum“ setzten die Schleuser auf die Hilfe der Marinekräfte. So setzten die Schmuggler gezielt Hilferufe ab, beschädigten die Boote oder zwangen die Flüchtlinge zum Sprung ins Wasser, um die Marine zum Eingreifen zu zwingen.

Was ist der Vorteil von Geisterschiffen für die Schleuser?
 Der Hauptvorteil von Frachtern ist wohl ihre Größe und ihre größere Seetauglichkeit. Anders als kleine Fischerboote können die Frachter nicht nur kurze Strecken wie von der libyschen Küste zur Insel Lampedusa zurücklegen, sondern auch große Entfernungen wie von Syrien nach Italien bewältigen. Zudem hält sie im Gegensatz zu Schlauchbooten auch das raue Winterwetter nicht von der Überfahrt ab. Außerdem können sie bei einer einzigen Fahrt hunderte Flüchtlinge transportieren. 

Warum lohnt sich diese Taktik für die Schmuggler?
Alte Frachter von 40 oder 50 Jahren sind laut dem Schifffahrtsexperten David Olsen bereits für weniger als 700.000 Euro zu haben. Bei so alten Schiffen lohne es sich nicht einmal, sie zum Abwracken nach Indien zu bringen. Laut Branchenkennern sind alte Frachter sogar auf der Online-Auktionsplattform Ebay zu haben. Joel Millman von der Internationalen Organisation für Migration sagt, der Bürgerkrieg in Syrien, der monatlich tausende Menschen zum Verlassen des Landes zwingt, schaffe eine konstante Nachfrage von Flüchtlingen, die tausende Euro für eine Überfahrt zu zahlen bereit sind. Mit mehreren hundert Flüchtlingen pro Frachter können die Schleuser ihre Einnahmen optimieren.