Stuttgart / ROLAND MUSCHEL In Bayern und Baden-Württemberg ist die Zahl der Wohnungseinbrüche in den Vorjahren rasant gestiegen. Das wollen die Südländer gemeinsam ändern. Mit Kommentar: Grenzübergreifender Coup.

Im Kampf gegen Wohnungseinbrüche arbeiten Baden-Württemberg und Bayern nach Informationen der SÜDWEST PRESSE künftig eng zusammen. Konkret wollen die Sicherheitsbehörden der Südländer noch in diesem Monat beginnen, relevante Ermittlungsdaten sowie Spurenabgleiche untereinander auszutauschen. Je nach Fall sollen gemeinsame Ermittlungsgruppen gegen Einbrecher zum Einsatz kommen. Geplant sind zudem länderübergreifende Kontrollaktionen auf Autobahnen und konzertierte Präventionsmaßnahmen.

Die Spitzen der Polizei und der Landeskriminalämter beider Länder haben sich bei einem Geheimtreffen in Kißlegg im Allgäu auf insgesamt sieben Bereiche zur Zusammenarbeit verständigt. Mit der für den 24. Juli in Stuttgart geplanten Unterzeichnung durch die Innenminister von Baden-Württemberg und Bayern, Reinhold Gall (SPD) und Joachim Herrmann (CSU), soll die Kooperationsvereinbarung dann in Kraft treten.

Die Zusammenarbeit über Landes- und Parteigrenzen hinweg kommt überraschend. Seit dem Regierungswechsel in Stuttgart 2011 hat die unter dem Begriff „Südschiene“ firmierende, traditionell enge Zusammenarbeit der beiden wirtschaftsstarken Nachbarländer stark gelitten. Zuletzt waren die grün-rote Koalition in Stuttgart und die CSU-Regierung in München im Streit um den Verlauf von Stromtrassen heftig aneinandergeraten.

Bei den Wohnungseinbrüchen haben beide Seiten indes ähnliche Probleme: Aufgrund ihrer Außengrenzen, der guten Verkehrsinfrastruktur und einer vergleichsweise wohlhabenden Bevölkerung gelten Baden-Württemberg wie Bayern bei reisenden Diebesbanden als lukrative Ziele. Im Freistaat ist die Zahl der Wohnungseinbrüche 2013 um 11,8 Prozent und 2014 sogar um 28,6 Prozent auf 8210 Fälle rasant gestiegen. Auch in Baden-Württemberg hatten Einbruchsdelikte mit einem Plus von 31,8 Prozent im Jahr 2013 und von weiteren 19,4 Prozent im Jahr 2014 auf insgesamt 13 483 Fälle eine Sonderkonjunktur.

In der Gesamtstatistik aller Kriminalitätsbereiche weisen die Südländer – Bayern vor Baden-Württemberg – dagegen die niedrigsten Kriminalitätsraten und besten Aufklärungsquoten aus.

 

Ein Kommentar von Roland Muschel: Grenzübergreifender Coup

Wenig belastet Menschen dauerhaft so sehr wie ein Einbruch in ihre Wohnung, der ja auch immer ein Eindringen in die Privatsphäre ist. Die meisten Betroffenen fühlen sich danach an dem Ort, der bis dahin ihr Zuhause und ihr Rückzugsraum war, nicht mehr sicher. Nicht wenige ziehen um. Noch schwerer als der materielle Schaden wiegt in der Regel die seelische Belastung.

Entsprechend groß sind die Ängste in der Bevölkerung angesichts seit Jahren steigender Fallzahlen und überschaubarer Aufklärungsquoten. Dass die Negativentwicklung in Bayern und Baden-Württemberg zuletzt besonders augenfällig war, kann angesichts der geografischen Lage und des Wohlstandsniveaus kaum verwundern. Beruhigen aber kann der Hinweis so wenig wie der Blick auf Länder mit noch höherem Einbruchsrisiko.

Handlungen sind gefragt, auch unkonventionelle. Genau da setzen Baden-Württembergs SPD-Innenminister Reinhold Gall und sein bayerischer CSU-Kollege Joachim Herrmann an. Wenn die Polizei auf beiden Seiten der Donau fast wortgleich über mobile Banden aus Ost- und Südosteuropa klagt, drängt sich eine Kooperation bei den Ermittlungen über die Grenzen eines Bundeslandes hinweg sogar auf.

Im deutschen Föderalismus ist das aber stets ein Kraftakt, zumal, wenn die Regierungsfarben differieren. Mit den landespolitischen Nebenwirkungen ihrer überraschenden Verabredung können in diesem Fall aber sowohl Gall wie Herrmann gut leben. Nimmt die Kooperation doch der jeweiligen Oppositionsführung – hier der CDU, in Bayern der SPD – ein wichtiges Wahlkampfthema aus der Hand.