Interview Kinder mit Behinderung: Gefährliche Optimierung

Ruth Baumann-Hölzle.
Ruth Baumann-Hölzle. © Foto: Stiftung Dialog-Ethik
Ulm / Elisabeth Zoll 09.08.2018
Menschen, die nicht dem optimierten Bild entsprechen, drohen aussortiert zu werden, meint Ruth Baumann-Hölzle.

Die Bluttest für Schwangere können in der Gesellschaft einen gefährlichen Automatismus in Gang setzen, meint die Schweizer Medizinethikerin Ruth Baumann­Hölzle.

Gibt es ein Recht auf ein gesundes Kind?

Ruth Baumann-Hölzle: Das wäre höchst gefährlich. Denn was hieße das für Kinder, die einen Unfall haben oder krank werden? Würde dann die Betreuungspflicht der Eltern erlöschen, beziehungsweise die des Staates?

In Deutschland wird derzeit diskutiert, den Bluttest zur Erkennung von Trisomie 21 als Regelleistung der Kassen einzuführen. Was halten Sie davon?

Der Test führt dazu, dass weniger invasive Untersuchungen anfallen, die mit einem – wenn auch geringen – Abortrisiko verbunden sind.  Als Kassenleistung kann ihn zudem jede Frau in Anspruch nehmen, ob sie Geld hat oder nicht. Doch wir beobachten auch, dass sich eine Art Automatismus entwickelt: Chromosomenabweichungen – egal, ob man damit leben kann oder nicht – führen meist zum Schwangerschaftsabbruch. Das trifft insbesondere beim Bluttest zu, der ja schon in der 9. Schwangerschaftswoche vorgenommen werden kann. Dieser Automatismus setzt im weitesten Sinne das Zeichen, dass ein Mensch nicht wert ist, geboren zu werden. Mit allen Tests, die ein Qualitätscheck des werdenden Lebens sind, stellt sich die Frage nach dem Menschenbild. Bei der pränatalen Selektion werden in vielen Fällen Embryonen abgetrieben, die nicht den Leistungsstandards unserer Gesellschaft entsprechen.

Können solche Tests eine Gesellschaft verändern?

Sie stehen in einem größeren, gesellschaftlichen Kontext. Die Selektion wird irgendwann nicht mehr nur über Fähigkeittests bei Geborenen ablaufen, sondern auch über Gentests. Dann wird die Medizin zunehmend für Leistungssteigerungen eingesetzt.

Ist der Test auf Trisomie 21 ein Einfallstor für diese Entwicklung oder lauern die Gefahren woanders?

Die Gentests lassen heute bereits Aussagen zu sportlichen Fähigkeiten zu und zu gewissen gesundheitlichen Anfälligkeiten, zum Beispiel ob ein erhöhtes Brustkrebsrisiko besteht. Selektiert wird in Bezug auf Leistungsfähigkeit und Ästhetik. Menschen, die nicht dem optimierten Bild des Menschen entsprechen, drohen aussortiert zu werden.

Darf der Wunsch nach einem leistungsfähigen Kind in Schranken gewiesen werden?

Grundlage unserer humanen Gesellschaft ist die Menschenwürde. Sie wird dem Menschen unabhängig von Eigenschaften und Fähigkeiten zuerkannt. Es gibt danach kein menschenunwürdiges Leben, auch wenn man selbst sein Leben unter Umständen als nicht würdig erachtet. Als Reaktion auf die abgründigen Erfahrungen der Menschheit  im Zweiten Weltkrieg wurde betont, dass eine humane Gesellschaft ohne dieses Würdeverständnis nicht möglich ist. Es schließt eine qualitative Bewertung menschlichen Lebens aus. Dass es Grenzen gibt, zum Beispiel am Ende des Lebens oder bei kaum zu ertragenden genetischen Abweichungen, sei dahingestellt. Als Einfallstore für ethische Debatten werden immer ganz schwierige menschliche Leidenssituationen genutzt. Anschließend werden die Abwägungen dann „normalisiert“. Doch ist das Leben mit Trisomie 21 solch eine schwere Leidenssituation? Das kann sein, ist es sehr oft aber auch nicht.

Greift das nicht über die Maßen in das Selbstbestimmungsrecht von Frauen ein?

Beim Schwangerschaftsabbruch haben wir ein Dilemma: Hier stehen sich das Abwehrrecht der Frau und das Abwehrrecht des Embryos gegenüber. Da wir auch sonst Menschen nicht zur Lebenserhaltung eines anderen zwingen können, erhält die Frau die Freiheit, einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen zu lassen. Doch es macht einen Unterschied, ob die Frau per se nicht Mutter werden will, oder ob sie ein bestimmtes Kind aufgrund seiner Eigenschaften nicht will. Auch in anderen medizinischen Bereichen ist das Anspruchsrecht dem Abwehrrecht untergeordnet.

Steigt das Risiko für Kinder im Mutterleib mit den neuen medizinischen Möglichkeiten?

Das lässt sich nicht eindeutig beantworten. So profitiert ein Embryo zum Beispiel von unserem Wissen über Umweltrisiken, Rauchen und Trinken. Aber ich glaube, dass wir an einem Punkt stehen, wo es Menschen, die nicht den Leistungskriterien entsprechen,  immer schwerer haben.  Alle müssen sich fragen: Wem gestehen wir  in der Gesellschaft einen Platz zu und zwar für ein Leben, das er in Würde führen kann.

Ruth Baumann-Hölzle ist Medizin­ethikerin und leitet das Institut der Stiftung Dialog- Ethik in Zürich.

Test und Kosten

Seit 2014 gibt es den Bluttest zur Erkennung von genetischen Abweichungen. Die nichtinvasive pränatale Diagnostik (NIPD) schädigt das Ungeborene nicht. Noch ist der Bluttest keine Kassenleistung. Er kostet von 200 Euro an aufwärts bis zu rund 400 Euro.  Ergebnisse liefert er innerhalb weniger Tage. eth

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