Geschichte Gedenken an die Opfer des Kommunismus

Mahnmal für die Opfer der Hungerkatastrophe der Jahre 1932/33 in Kasachstan.
Mahnmal für die Opfer der Hungerkatastrophe der Jahre 1932/33 in Kasachstan. © Foto: © Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur
Berlin / André Bochow 23.08.2018

Die Frau hebt die Hände und ihren Blick zum Himmel. Sie ist entsetzlich mager. So wie der Junge, der vor ihr steht. Im Hintergrund vier weitere Figuren. Eine weint. Die Skulpturengruppe steht in Astana, der kasachischen Hauptstadt. Sie soll an die 1,5 Millionen Menschen erinnern, die 1932/33  in Kasachstan wegen der Zwangskollektivierung verhungerten. Wer weiß davon? Oder vom Massenterror in der Mongolei?  Von hingerichteten Priestern in Slowenien?

Anderes ist präsenter. Wer in diesen Tagen an den Kommunismus denkt, kommt am „Prager Frühling“ nicht vorbei. Das geht Anna Kaminsky nicht anders. „Vor 50 Jahren wurde der Reformversuch, einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz zu schaffen, durch den Einmarsch einiger Truppen des Warschauer Pakts brutal und blutig niedergeschlagen.“  Schon nach wenigen Wochen  Hoffnung überrollten Panzer alle Illusionen.  Es soll nicht vergessen werden.

Kaminsky, Geschäftsführerin der Stiftung Aufarbeitung, ist Herausgeberin eines Buches,  das 119 Erinnerungsorte in 35 Ländern vorstellt. Es sind Orte, die den „Opfern der kommunistischen Diktaturen“ gewidmet sind.

Repression von Anfang an

„In den 80er Jahren“, sagt Anna Kaminsky, „lebte etwa ein Drittel der Menschheit unter kommunistischer Herrschaft“. Bedroht von Spitzeln, Gulag-Systemen und politischer Willkür. „Die Durchsetzung der kommunistischen Herrschaft beruhte überall und von Beginn an auf Repression.

Nach dem Ende des Kommunismus  begann das Ringen um das Gedenken an seine Opfer. Wie schwierig das sein kann, zeigt das Beispiel Litauen. Darius Jonas Semaska,  Botschafter des baltischen Landes, kommt sofort auf den Hitler-Stalin-Pakt zu sprechen. „Dessen Bedeutung für die Geschichte des 20. Jahrhunderts kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.“  Der Zweite Weltkrieg sei durch den Pakt ausgelöst worden und „eine Reihe von Tragödien wurden eingeleitet, deren Folgen wir heute noch spüren“. Litauen wurde 1940 von der Sowjetarmee besetzt, ein Jahr später rückte die Wehrmacht ein. Ein Drittel der litauischen Bevölkerung soll von 1940 bis 1953 „dem Terror der sowjetischen und nationalsozialistischen Besatzer zum Opfer“  gefallen sein.  In der Nacht zum 14. Juni 1941 wurden 18 000 Menschen nach Sibirien deportiert. Betroffen war die geistige und politische Elite. Darunter Semaskas Mutter, Großmutter und ein Onkel. Nur die Mutter überlebte. Für den Botschafter waren „der Stalinismus und der Nationalsozialismus zwei sehr ähnliche Herrschaftsformen“.

In Litauen befasse man sich jetzt auch „mit einigen dunklen Kapiteln“ der eigenen Geschichte. Eine kritische Aufarbeitung sei wichtig. In einigen Ländern werde aber die Geschichte missbraucht. „Zur Rechtfertigung von Repressionen gegen das eigene Volk und gegen die Nachbarländer.“  Und damit es keinen Zweifel gibt, wer mit der Kritik gemeint ist, ergänzt Semaska: „Mit großem Befremden sehen wir die Versuche in Russland, die Stalinzeit zu relativieren oder gar zu verklären.“

In Litauen gab es Opfer der Kommunisten, Opfer der Nazis,  Widerstand und 200 000 ermordete Juden. Das waren 90 Prozent der damaligen jüdischen Bevölkerung. „Es gibt in der litauischen Gesellschaft die Diskussion, ob  in der Vergangenheit dem Thema Holocaust genügend Aufmerksamkeit gewidmet wurde“, sagt der Botschafter. Andererseits habe man so lange auf die Auseinandersetzung mit der stalinistischen Phase der litauischen Geschichte warten müssen, dass man sich dieser erst einmal besonders angenommen habe.

Markus Meckel, Vorsitzender des Stiftungsrates,  hat dafür Verständnis.  „Es gibt in Europa einen weitgehenden Konsens über die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Es gibt aber überhaupt keinen Konsens in Bezug auf die Bewertung der Verbrechen des Kommunismus.“ Hierzulande sei die Sicht auf den Kommunismus oft national verengt. So müsste die Stiftung  eigentlich „Stiftung zur Aufarbeitung der Verbrechen des Kommunismus“ heißen und nicht „zur Aufarbeitung der SED-Diktatur“.

Debatte um Kollaborateure

Und dann will Meckel von dem litauischen Botschafter wissen, wie man in seinem Land mit den Brüchen in der Geschichte umgeht. Man merkt den Antworten Darius Semaskas an, dass dies ein heikles Thema ist. Mehrmals betont er, die Litauer, die auf Seiten der Roten Armee gekämpft hätten, seien zwangsrekrutiert worden. Das reicht dem bekannten DDR-Bürgerrechtler Gerd Poppe nicht. Er fragt nach Kollaborateuren. Ob darüber in Litauen geredet werde? Ja, sagt der Botschafter, selbstverständlich gebe es Diskussionen. Auch wenn die nicht leicht sind. Schließlich haben sich die Litauer in den 40er Jahren gefühlt, als seien sie „zwischen Bär und Wolf“ geraten. Der Einfluss der beiden totalitären Regime habe im eigentlich toleranten Litauen bei einigen eine „Gehirnwäsche“ bewirkt.

Am 23. Juni 1941, also unmittelbar nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die UdSSR,  berichtet der Führer der Einsatzgruppe A., Walter Stahlecker,  über  „ein Judenpogrom in Kauen, Litauen“ unter Führung des „litauischen Journalisten Klimatis“ (eigentlich Klimaitis d.A.).  In der Nacht vom 25. zum  26. Juni „wurden über 1500 Juden von den litauischen Partisanen beseitigt.“ In den folgenden Nächten starben noch einmal 2300 Juden.

Algirdas Klimaitis starb 1988 friedlich in Hamburg. Ende der 1970er Jahre war er enttarnt worden. Die deutsche Justiz schaffte es nicht, ihn vor Gericht zu stellen.

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