Meinung Kommentar: Gauland, der Scharfmacher

Claus Liesegang.
Claus Liesegang. © Foto: MOZ
Berlin / Claus Liesegang 04.06.2018
AfD-Chef Alexander Gauland erweist sich als gefährlicher Demagoge. Der Holocaust: ein Vogelschiss? Nein, niemals! Ein Kommentar.

Des deutschen Bundestags bösartigster Provokateur hat es wieder einmal geschafft, ins ganz große Rampenlicht zu treten. Mit präziser Überlegung hat der AfD-Vorsitzende Alexander Gauland etwas gesagt, wovon er genau wusste, dass er damit bei vielen Menschen Empörung auslöst. Wie schon so oft hat er es aber so gesagt, dass er sich wieder als völlig missverstanden herauswinden kann.

Es kam, wie es kommen sollte: Reflexartig geißeln ihn prominente und weniger prominente Frauen und Männer des politischen Establishments aller Richtungen und, gottlob, auch viele andere, denen unsere Demokratie am Herzen liegt. Doch sehr vorhersehbar helfen Gauland eben auch Tausende ohne langes Nachdenken öffentlich, vor allem aber in den sozialen Medien, seinen dramatischen Unsinn zu relativieren. Diese Strategie hat der Chef der Alternative für Deutschland perfektioniert. Denn er ist nicht nur vorsätzlicher Provokateur, sondern auch Deutschlands schlimmster Demagoge.

Gauland sprach in Thüringen ausgerechnet vor jungen Leuten, vor dem Nachwuchs der AfD. Er nannte den Nationalsozialismus dort einen „Vogelschiss der Geschichte“. Seine Anhänger argumentieren, er habe recht, denn auf dem historischen Zeitstrahl sei die NS-Zeit tatsächlich nur ein Vogelschiss – soll hier heißen, ein sehr kurzer Moment. Aber kann Zeit, in diesem Fall Kürze, ein geltendes Maß sein? Würde Gauland auch einer Familie, deren Haus abgebrannt oder deren Kind getötet wurde, erklären, dass das doch nur ein kleiner Moment in deren Leben ist?

Diejenigen, die dem Chef-Scharfmacher der AfD folgen wie Lemminge dem Rattenfänger, hat dessen Dema­gogie schon erblinden lassen. Der Nationalsozialismus mag zeitlich gesehen eine kurze Phase gewesen sein. Für Deutschland, für Europa und für die ganze Welt war er aber ebenso verheerend wie geschichtsverändernd.

Die Welt in Schutt und Asche: ein Vogelschiss? Millionen Kriegstote: ein Vogelschiss? Der Holocaust: ein Vogelschiss? Nein, niemals! Nicht einst, nicht jetzt und nicht in 100 Jahren. Ein Vogelschiss ist ohne Bedeutung, bleibt ohne Konsequenzen, ist stets leicht wegzuwischen. Der Nationalsozialismus ist genau das Gegenteil. Seine Konsequenzen spüren wir auch seit seinem Niedergang tagtäglich weltweit.

Der Demagoge Alexander Gauland ist deshalb noch gefährlicher als der Provokateur Gauland. Das sollten ­diejenigen, die der AfD ihre Stimme gaben und geben, um gegen die ­etablierte Politik zu protestieren, ­endlich begreifen. Ihre Botschaft ist angekommen. Aber wer diese Partei weiter unterstützt, toleriert und ­­stärkt die menschenverachtenden, fremdenfeindlichen und die Geschichte verdrehenden Brandstifter an ihrer Spitze. Sie sollten lieber isoliert werden, damit das Immunsystem unserer Demokratie und unserer Bürgergesellschaft uns davon heilt. Damit Gauland und die Kinder seines Geistes ein Vogelschiss der deutschen Geschichte bleiben.

leitartikel@swp.de

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