Leitartikel Armin Grasmuck zum Start der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland Fußball-WM: Kritiker im Abseits

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Moskau / Armin Grasmuck 14.06.2018

Die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland ist kein leichtes Spiel. Bereits der Tag im Dezember des Jahres 2010, an dem die Großmacht des Ostens das Turnier von den zwielichtigen Anführern des Weltverbands Fifa zugesprochen bekam, stand unter keinem guten Stern. Vermeintliche Absprachen und Vorwürfe der Korruption waberten rund um den Globus. Dazu kommt, dass der Fußball in der Kultur Russlands einen eher bescheidenen Stellenwert pflegt. Und: Ist es überhaupt legitim, das Fußballfest in einem Land zu feiern, das in der Weltpolitik eine äußerst kritisch zu betrachtende Rolle einnimmt?

Selbstverständlich ist besonders der politischen und wirtschaftlichen Elite Russlands daran gelegen, die WM als ideale Plattform ihrer internationalen Positionen und Geschäfte zu verwerten. Einen Vorgeschmack auf das, was in den nächsten vier Wochen abseits des Rasens zu erwarten ist, wird heute im Rahmen der Eröffnungsfeier höchstwahrscheinlich Wladimir Putin geben. Der Präsident kapert die große Bühne, selbst wenn es um Sport geht, bekanntlich gerne und ungeniert für seine Zwecke.

Dagegen scheint das WM-Fieber im Rest der riesigen Republik weit weniger verbreitet. Auch gibt es erhebliche Bedenken, ob Russland, das sich in mehreren Konflikten der Weltpolitik plagt, in der Lage ist, den teilnehmenden Mannschaften und ihren Anhängern die nötige Sicherheit zu gewährleisten. Es liegt allerdings in der Kraft des Fußballs, die Argumente seiner Kritiker und anderer Bedenkenträger mehr oder weniger konsequent ins Abseits laufen zu lassen.

Wenn die Kugel rollt, gibt es keine Fragen mehr. Die dunklen Machenschaften rund um die als „Sommermärchen“ titulierte WM 2006 in Deutschland und die Vergabe der WM 2022 nach Katar, die in den vergangenen Jahren an die Öffentlichkeit kamen, sind das klare Indiz für den Filz, der die Spitzenfunktionäre des internationalen Fußballs verbindet.

Auch die aktuelle Debatte um die Nationalspieler Gündogan und Özil, die sich kurz vor der WM noch zu Wahlkämpfern des türkischen Despoten Erdogan degradieren ließen und dem daraus resultierenden nationalen Aufschrei wie zum Trotz keine Spur von Reue zeigten, belegt deutlich, wie oberflächlich selbst die Anführer auf den höchsten Ebenen der Fußballverbände die politischen Härtefälle behandeln. Sie bauen darauf, dass nach dem Anpfiff der ersten Partie jede Problematik abseits des Rasens versiegt und sich zumindest die leidenschaftlichen Anhänger nur noch dem reinen Sport zuwenden.

32 Mannschaften, 64 Spiele in zwölf Stadien, die in elf russischen Städten stehen. Das sind die Koordinaten, die für die Fußball-Fans weltweit zählen. Superstars wie Cristiano Ronaldo und Lionel Messi, Manuel Neuer und Toni Kroos – von Sotschi bis Sankt Petersburg, von Kaliningrad bis Jekaterinburg. Joachim Löw, der Trainer der Gewinner von 2014, hat die Weltmeisterschaft in Russland als „Mission Titelverteidigung“ ausgerufen. Er wird es in Kauf nehmen, dass ihm Putin nach einem erneuten Erfolg im Endspiel die Hand schüttelt.

leitartikel@swp.de

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