Fußball Fußball im Internet: Kampf um das neue Spielfeld

Berlin / Marc Schütz und Dorothee Torebko 12.12.2017
In den professionellen Spielklassen sind die Geschäftsmodelle klar geregelt. Dagegen tut sich auf den Plätzen der Amateurkicker ein gewinnträchtiger Markt auf.

Irgendwo auf einem Fußballplatz in der Provinz. Es nieselt. Die Spieler sind dreckverschmiert, hetzen dem Ball hinterher. Trainer bellen kurze Befehle über den nassen Rasen. An einer Bande steht eine Handvoll Zuschauer. Einige schauen gebannt auf den Platz. Andere werten den gestrigen Abend aus. Immer mal wieder wird ein Smartphone gezückt, darauf rumgedrückt. Sogar auf der Ersatzbank tippen Wechselspieler auf ihren Handys.

Dieser Film läuft an jedem ­Wochenende tausendfach in Deutschland. Längst ist das Geschehen auf dem Rasen auch in die digitale Welt eingekehrt. Jedes Spiel lässt sich mittlerweile live am Handy mitverfolgen. Live­ticker in der Kreisklasse – keine Ausnahme. Videostreams in der Verbandsliga – die Zukunft.  Größere und kleine Medienhäuser, der öffentlich rechtliche Rundfunk und nicht zuletzt der Deutsche Fußball-Bund (DFB) haben die unteren Ligen als multimediales Spielfeld erkannt. In der Welt des Profifußballs sind die Karten durch Fernsehverträge längst verteilt, doch hier tut sich ein Markt auf. Mit vielen Wettbewerbern.

Neue Technik

Ein neuer heißt sporttotal.tv. Die Idee: Eine festinstallierte 180-­
Grad-Kamera filmt vollautomatisch ein Spiel, das dann live im Internet zu sehen ist. Der Verein, auf dessen Gelände die 10 000-Euro-teure Technik installiert ist, bezahlt dafür einen monatlichen Obolus von knapp zehn Euro – mit einer Mindestlaufzeit von drei Jahren. „Ein tolles Konzept“, findet Michael Hillmann, Geschäftsführer des Fußball-Landesverbandes Brandenburg. Hillmanns Verband hat bereits ein Dutzend Vereine überzeugt, bei sporttotal.tv mitzumachen. Acht Kameras sind schon installiert, vier weitere werden demnächst folgen. Hinter der Initiative steckt zu großen Teilen der DFB, der eine deutschlandweite Kooperation mit sporttotal.tv geschlossen hat, um sein Online-Angebot im Amateurfußball auszubauen.

Dabei ist die Idee mit dem Spiele-Streaming gar nicht neu. Tatsächlich gibt es Live-Übertragungen von Amateurfußball-Partien schon seit fast zwei Jahren. Zum Beispiel bei FuPa.tv, das unter anderem über das Südwest-Presse-Portal abgerufen werden kann.  Auch hier filmt eine Kamera das Spiel, die Tore und die besten Szenen landen live im Netz. Einziger Unterschied zu sporttotal.tv: Es wird ein Kameramann gebraucht. Als Michael Wagner und seine FuPa GmbH das Modell vor knapp zwei Jahren  präsentierten, war von einer Revolution im Amateurfußball die Rede.  „Uns war von Anfang an klar, dass das erfolgreich sein wird. Wir haben uns 1200 verkaufte Kameras für das erste Jahr vorgenommen und haben die auch erreicht. Jetzt geht es darum, an den Mehrwerten für die Klubs zu arbeiten“, sagt Wagner.

Nachahmer  ließen nicht lange auf sich warten. Neben sporttotal.tv gibt es auch noch soccerwatch.tv – ein ähnlicher Service, der Spieler, Fans und Funktionäre mit Livebildern von Amateurfußballplätzen versorgt. Doch gerade das, was da zwischen dem DFB, fussball.de und sporttotal.tv wächst, wird keineswegs nur begeistert beklatscht. „Indem der Verband Kameras installieren lässt und investiert, kann er voraussichtlich ein eigenes Schutzrecht und damit eine ausschließliche Verwertungsbefugnis geltend machen“, sagt Professor Götz Schulze aus Potsdam.

Er sagt das auch vor dem Hintergrund bereits bestehender Entwicklungen, die in eine ähnliche Richtung tendieren. In Brandenburg und in Bayern werden zum Beispiel Vereine, die auf Landesebene Fußball spielen wollen, von den Verbänden dazu verpflichtet, jedes Spiel ihrer ersten Männermannschaft live bei fussball.de zu tickern.  Weitere Verbände planen ebenfalls einen Tickerzwang. Sendet ein Verein nicht live Richtung fussball.de, wer wann welches Tor geschossen hat und wie das Spiel ausgeht, gibt es Sanktionen. Schulze sieht dadurch die Gefahr der Monopolisierung in der Berichterstattung.

Ist das so? Was ist die Konsequenz aus den Bewegtbildern, die nun auch noch bei den Verbänden und fussball.de konzentriert werden? Haben Projekte wie soccerwatch.tv, FuPa.tv oder gar die öffentlich rechtliche Videoberichterstattung aus den Amateurligen irgendwann ausgedient? Beim DFB will man sich zu den Fragen nicht äußern, falscher Zuständigkeitsbereich: „Inwieweit weiterhin andere Anbieter auf den Amateurplätzen vertreten sein werden, liegt in der Verantwortung der Landesverbände“, heißt es aus der Pressestelle.

WFV-Offizielle im Dialog

Der Württembergische Fußballverband (WFV) bestätigt, das er in Gesprächen zu den Themen Bewegtbild und Liveticker mit dem Anbieter sporttotal.tv, der mit dem DFB kooperiert, ist. „Diese sind allerdings noch nicht abgeschlossen“, sagt Heiner Baumeister, Abteilungsleiter Öffentlichkeitsarbeit im WFV. Er stellt klar, dass im konkreten Fall ohnehin Einzelverträge zwischen sporttotal.tv und jedem Verein geschlossen werden müssen. Ein Landesverband könne keinen Verein dazu verpflichten, betont Baumeister. Im WFV-Gebiet wird über eine Berichterstattung in der Oberliga (5. Liga) nachgedacht, im zweiten Schritt eventuell noch die Verbandsliga (6. Liga). Als Termin für mögliche Kooperationen werde die Saison 2018/2019 angestrebt. wfv