Fußball Fremdeln mit dem Videobeweis

Schiedsrichter Tobias Stieler schaut in Köln auf mehrere Displays auf denen Fußball Bundesliga-Spiele übertragen werden.
Schiedsrichter Tobias Stieler schaut in Köln auf mehrere Displays auf denen Fußball Bundesliga-Spiele übertragen werden. © Foto: dpa
Köln / Uwe Wuttke 08.09.2017
Angeblich soll der Videobeweis auf dem Platz für mehr Klarheit sorgen. Doch nicht nur die Schiedsrichter tun sich damit schwer. Manchen Spielern geht die Neuerung auf die Nerven.

Fußball-Bundesliga, 2. Spieltag, 79. Minute in der Partie VfB Stuttgart gegen den FSV Mainz 05 (1:0): Der schwäbische Angreifer Simon Terodde kommt im Dreikampf mit Verteidiger Giulio Donati und Torwart René Adler im Strafraum zu Fall. Für Schiedsrichter Benjamin Brand ein Fall für den Videobeweis. Nach kurzer Beratung mit dem Videoassistenten entscheidet Brand auf Strafstoß. Damit bringt er die Mainzer gegen sich auf, denn zuvor im Spiel wurde eine ähnliche Situation im Stuttgarter Strafraum nicht geahndet, das neue technische Hilfsmittel nicht angefordert. Für Torwart Adler ist die Sache klar: „Der Videobeweis geht mir auf die Nerven.“

Eigentlich sollte dessen Einführung, die in der Bundesliga mit einer zweijährigen Probezeit erfolgt ist, für mehr Gerechtigkeit im Millionenspiel Fußball-Bundesliga sorgen. Immerhin sitzen in Köln in einem 150 Quadratmeter großen Raum in Köln Video-Schiedsrichterassistenten und überwachen an Bildschirmen die Bundesligaspiele. In vier Situationen dürfen sie eingreifen – Tor, Elfmeter und seine Entstehung, Rote Karte und Spielerverwechslung bei Gelber oder Roter Karte.

Eingegriffen werden soll nur bei eindeutigen Fehlern. Da aber beginnt das Problem. Was ist eindeutig? Die Episode in Stuttgart unterstreicht: So einfach ist das nicht. Dass Terodde selbst zum Elfmeter antrat und den Ball an den linken Pfosten schoss, mag mancher dann für gerecht gehalten haben.

Die Sorgen wachsen, dass der Videobeweis am Image der Unparteiischen kratzen könnte, weshalb er in Schiedsrichterkreisen nicht unumstritten ist. Siegfried Kirschen, als Verbandspräsident oberster Fußballer in Brandenburg und selbst als Referee bei der WM 1986 und 1990 aktiv, beklagt: „Die Seele des Schiedsrichters wird gestört. Seine Entscheidung steht nicht mehr über allem. Er muss damit rechnen, das er überstimmt wird. Das ist nicht gut für die Persönlichkeit.“

Aber auch andere Länder, die den Videobeweis testen, haben so ihre Schwierigkeiten. In der italienischen Serie A mussten die Zuschauer beim Spiel Ferrara gegen Udine drei Minuten warten, bis der Schiedsrichter das 2:0 anerkannte und später zwei Minuten auf eine Elfmeterentscheidung. „Zu lange Unterbrechungen schaden der Dramatik des Fußballs“, findet Kirschen. Bei aller Kritik gibt es in der Bundesliga aber auch Stimmen, die zur Geduld mahnen. „Ich denke, dass nach 100 Tagen die Schwierigkeiten beseitigt sein werden und wir alle die Gerechtigkeit erfahren, die wir uns erhoffen“, sagt Mönchengladbachs Trainer Dieter Hecking.

Immerhin wurden die technischen Probleme des 1. Spieltages behoben. Der Funkkontakt zwischen Schiedsrichter und Videoassistent blieb stabil, auf den Einsatz der virtuellen Abseitslinie wurde kurzerhand verzichtet. Streitfälle wird es jedoch weiterhin geben.

Und womöglich behalten diejenigen Recht, die den Videobeweis im Fußball für überfällig hielten – wie der deutsche Hockey-Olympiasieger Moritz Fürste, in dessen Sportart seit Jahren bereits damit gearbeitet wird. „Der Fußball hat ein weiteres Tool dazu bekommen, das zum Entertainment beiträgt. Am Ende wird es für den Fan spannend“, meint er.

So sieht es in anderen Sportarten aus

Im Tennis wird kontrolliert, ob ein Ball im Feld war. Das geschieht mit dem „Hawk-Eye“ (Falkenauge), ­einem computergesteuerten System zur Ballverfolgung, das im Fußball seit der Saison 2015/2016 als Torlinien-Technik fungiert. Pro Satz hat ein Spieler dreimal die Möglichkeit zu einer Challenge, bleibt er im Recht, wird ihm keine Challenge abgezogen.

Bei der Handball-WM der Männer 2015 im Golfstaat Katar führte der Weltverband die Torlinien-Überwachung ein. In der deutschen Liga scheuen die Clubs die hohen Kosten der Einführung.

Im Basketball in der NBA wird überprüft, ob „buzzer beater“ (Würfe bei ablaufender Uhr) noch rechtzeitig abgegeben wurden. Zudem kann geklärt werden, ob ein Versuch ein Zwei- oder Drei-Punkte-Wurf war. Außerdem werden Disziplinlosigkeiten (Fouls, Schlägereien) untersucht. mg

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