SWP  Uhr
Ende August wurde ein Denkmal zum Gedenken an die Contergan-Opfer eingeweiht. Es zeigt ein sitzendes Mädchen mit fehlgebildeten Armen und Beinen. Der Bundesverband Contergangeschädigter e. V. hat sich frühzeitig gegen dieses Kunstwerk positioniert.
1. Mit dem Denkmal wird der zweite Schritt vor dem Ersten gemacht. Die Betroffenen warten auch 50 Jahre nach der Katastrophe auf eine angemessene Versorgung und Entschädigung.

2. Das Werk geht am Kern des Medizinskandals vorbei. Es zeigt kein spezifisch contergangeschädigtes Kind. Zudem verharmlosen der ursprüngliche Titel "Das kranke Kind" sowie die Anmutung der Skulptur das schuldhafte Verhalten vom Pharmahersteller Grünenthal zu einer schicksalhaften Krankheit.

3. Die Darstellung eines Kindes ignoriert die zwischenzeitlich von den Betroffenen gelebten und erlittenen 50 Jahre. Damit verniedlicht die Skulptur die durch Contergan verursachten gesundheitlichen und sozialen Probleme, mit denen die Betroffenen zu kämpfen haben.

4. Konstitutiver Bestandteil dieses Mahnmals war die wissenschaftliche Aufarbeitung des Contergan-Skandals. Das wurde bald aus "Kostengründen" verworfen.

Eine systematische Erforschung würde es der Grünenthal-Gruppe deutlich schwerer machen, die ungeheuerlichen Aussagen, mit denen sich das Unternehmen von der Verantwortung freispricht, in die Öffentlichkeit zu tragen.

5. Die Stadt Stolberg, wo das Denkmal steht, konnte sich nur schwer der Initiative zur Errichtung eines Mahnmals entziehen, andererseits konnte sie auch nicht den Gewerbesteuer-Zahler vergraulen. Grünenthal zu beteiligen stellt nun für Stolberg wie für den Konzern eine Win-win-Situation dar - auf Kosten der Betroffenen.

6. Der Umstand, dass das milliardenschwere Unternehmen 5000 Euro zahlt, ist ein Schlag ins Gesicht der Betroffenen. Eine PR-Maßnahme zu geringen Kosten.

Der renommierte Autor Henryk M. Broder hat dem Vorhaben vorab "Zynismus" bescheinigt. Hierunter fällt auch die selbstgerechte "Entschuldigungs"-Rede des Grünenthal-Geschäftsführers Dr. Harald Stock. Der Tenor: Grünenthal hat alle damaligen Standards eingehalten und sich daher nichts vorzuwerfen. Defizite gebe es allenfalls in der Kommunikation und nur dafür, vor allem für ein der "stummen Erschütterung" geschuldetes Schweigen, wolle man sich entschuldigen. Das ist für die Geschädigten und ihre Angehörigen keine ernst gemeinte und ehrliche Entschuldigung.

Margit Hudelmaier ist Vorsitzende des Bundesverbandes Contergangeschädigter.