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Es ist eine schreiende Ungerechtigkeit: Die schwindenden Chancen junger Menschen in Europa, im Anschluss an ihre Ausbildung eine qualifizierte Arbeitsstelle zu finden. Im EU-Durchschnitt liegt die Arbeitslosigkeit von unter 25-Jährigen dreimal höher als die der älteren. In Spanien ist schon fast jeder zweite zwischen 15 und 25 ohne Chance auf den Einstieg in den Beruf. In Griechenland sind sogar über 60 Prozent ohne Arbeit.

Die soziale Brisanz der südeuropäischen Verhältnisse kann gar nicht überschätzt werden. Der Standortfaktor "sozialer Frieden", der viel zur ökonomischen Robustheit Deutschlands beigetragen hat, rückt in unerreichbare Ferne, wenn die Hälfte der jungen Menschen sich nicht aus eigener Kraft ernähren, keine Familie gründen und letztlich keinen Start ins eigenverantwortete Leben findet.

Diese soziale Katastrophe zeigt, wo reparierende Sozialpolitik kapitulieren muss. Keine Transferleistung und keine Sozialarbeit kann annähernd auffangen, was solch tiefe Perspektivlosigkeit anrichtet. Die Kombination aus Bildungsverlierern, Staatsschulden und Standortschwäche ist ein Verbrechen an Millionen höchst realen menschlichen Schicksalen. Die einzige Antwort liegt im Beseitigen der Ursachen.

Vor gut zehn Jahren hielten auch viele in Deutschland das Phänomen steigender Langzeitarbeitslosigkeit und der Abwanderung von industrieller Produktion für ein unabwendbares Schicksal. Für Deutschland hat es sich als großes Glück erwiesen, dass alle damals maßgeblichen politischen Kräfte den Mut für weitreichende Reformen gefasst haben. So wurde die Industrie- und Standortpolitik flankiert durch eine tiefgreifende Modernisierung zentraler sozialpolitischer Instrumente und Institutionen. Im Zuge dessen ist die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland massiv zurückgegangen. Mit einer Arbeitslosenquote von neun Prozent bewegen wir uns in einer ganz anderen Dimension als unsere südeuropäischen Nachbarn.

Die Kombination des Förderns und Forderns hat die deutsche Abwärtsspirale gestoppt und ist auch heute der beste Kompass zum Umgang mit sozialen Herausforderungen. Jeder Staat ist aufgerufen, die idealen Rahmenbedingungen für wirtschaftlichen und sozialen Wohlstand zu schaffen. Dazu gehört, jedem jungen Bürger eine Ausbildung zu bieten, die es ihm unabhängig von seiner sozialen Herkunft ermöglicht, Talente ausprobieren und zu entwickeln. Bildung ist die beste, weil vorsorgende Sozialpolitik.

Wolfgang Clement (72) war von 2002 bis 2005 Bundesminister für Wirtschaft und Arbeit. Er ist Vorsitzender der arbeitgebernahen Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft.