Dunja Hayali schaut, wenn sie über Hetze und Rassismus redet, nicht auf die Uhr. Kann sie nicht, will sie nicht. Zu wichtig das alles – auch wenn sie sich dadurch verspätet. Seit ihr neues Buch erschienen ist, eilt die Moderatorin von Termin zu Termin: Mit „Haymatland“ hat die 44-Jährige eine sehr persönliche Streitschrift vorgelegt. Ihre Unpünktlichkeit, beteuert sie lachend mit einem festen Händedruck, sei ihre einzige „nicht typisch deutsche“ Eigenschaft. „Ansonsten bin ich durch und durch deutsch“, sagt sie bei einem Tee im Berliner Sauers Café. „Vor allem bin ich Verfassungspatriotin. Unser größter Exportschlager müsste unser Grundgesetz sein.“

Frau Hayali, stimmt es, dass Sie inzwischen Bodyguards brauchen, wenn Sie unterwegs sind?

Mein Team und ich brauchen diesen Schutz, wenn wir bei bestimmten Ereignissen unseren journalistischen Job ausüben. Wie zum Beispiel in Chemnitz, wo wir drei Security-Leute an unserer Seite hatten. Aber das geht anderen Journalisten ähnlich.

Wie fühlen Sie sich dabei?

Ich finde es unsäglich, in einem demokratischen Land mit Meinungs- und Pressefreiheit als Journalistin geschützt werden zu müssen, weil ich meinem Job nachgehe. Es ist unwürdig, auch für unsere Gesellschaft, dass es so weit gekommen ist.

Gibt es Momente, in denen Sie persönlich Angst haben?

Ja, diese Momente hat es ein paar Mal gegeben, wenn ich privat unterwegs war. Aber über diese konkreten Situationen möchte ich nicht reden.

Warum nicht?

Weil ich denjenigen, die mir Angst gemacht oder es versucht haben, keine Genugtuung geben möchte. Inzwischen habe ich hin und wieder mein Pfefferspray dabei – und auch das finde ich bedenklich.

Woher rührt diese starke Aggression gegen Sie?

Fragen Sie die, die sie ausleben. Oft kommt der Vorwurf, ich würde diverse Personen in eine Ecke stellen. Das tue ich genau nicht. Ich sage immer und versuche das bei meinem Job einzuhalten: hingucken, hinhören, hinterfragen, auch sich selbst, nicht in Schubladen stecken. Für manche reicht es aber auch, dass ich eine Frau bin, dazu noch mit Migrationsvordergrund, und für den öffentlich-­rechtlichen Rundfunk arbeite. Außerdem erlaube ich mir, als Journalistin eine Haltung zu haben. Ich bin für Humanismus und Pluralität, gegen Rassismus und Antisemitismus, gegen Homo- und Islamophobie. Diese Haltung lege ich auch nicht ab, wenn ich das ZDF betrete.

Attacken werden seit Jahren heftiger

Ihre Eltern sind irakische Christen, Sie selbst sind im Ruhrpott geboren worden. Wann hat man angefangen, Sie zu attackieren?

2007, als ich das erste Mal im Fernsehen auftauchte, hat mich Claus Kleber beim ZDF darauf vorbereitet, dass es abfällige Zuschauerkommentare über mich geben könnte. Aber die damaligen Reaktionen waren ein Witz gegen das, was ich seit drei Jahren, seit 2015, in meinem Land erlebe.

Was verletzt Sie am meisten?

Dass man mir meine nationale Identität abspricht, die ich genauso wertschätze wie andere Menschen, und damit auch meine Rechte. Dass man mir vor die Füße spuckt, mich eine türkische Schlampe nennt und mir wünscht, von einer „Horde Araber“ vergewaltigt zu werden. Dass man mich mit Beleidigungen, Hass und Hetze überzieht – und das alles mit einer inzwischen atemberaubenden Selbstverständlichkeit und unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit. Mich stört aber noch viel mehr, dass das so unendlich viele Menschen erleben, die sich für eine offene Gesellschaft einsetzen.

Wie hat Sie das verändert?

Erst habe ich mich eingeigelt, bin auch verunsichert durch Berlin gelaufen, bis ich gemerkt habe, dass das ungesund ist. Auch weil da eine gewisse Wut mit einherging. In meinem Buch versuche ich nun, aus der Wut auch Mut zu machen.

Inwiefern?

Ich will vor allem die gesellschaftliche Mitte dazu ermutigen, sich wieder einzusetzen. Dieses links, rechts, oben, unten, schwarz, weiß – das bringt uns nicht weiter. Jeder von uns kann in seinem ganz persönlichen Umfeld Dinge bewegen. Wir müssen das Verbindende suchen, ohne das Trennende unter den Teppich zu kehren.

„Manche verharren dennoch lieber in ihrer Opferhaltung“

Wie gut können Sie mit Häme umgehen? Die gab es reichlich, als Sie nach einer Gruppenvergewaltigung in Freiburg schnelle Abschiebungen gefordert haben.

Es gibt keinen Anlass zur Häme. Wer mich kennt, weiß, dass ich bereits 2015 gesagt habe, dass wir Menschen, die kein Anrecht auf Asyl oder Duldung haben, konsequent abschieben müssen. Was mich stört, ist, dass das Opfer mal wieder instrumentalisiert wird, dass diejenigen, die die Vergewaltigung kritisieren, es mir gleichzeitig wünschen – und dass sofort das Sündenbockphänomen greift: Dass also jetzt plötzlich wieder alle Flüchtlinge Vergewaltiger sind. Ich dachte, wir sollten differenzieren? Alle Polen Autodiebe, alle Ostdeutschen Nazis – das ist doch Quatsch und vertieft nur die Gräben.

Fühlen Sie sich manchmal selbst als Opfer?

Nein, gar nicht. Ich will etwas bewegen und dabei ertrage ich Widerspruch. Es muss auch nicht alles richtig sein, was in meinem Buch steht, das ich als Streitschrift verstehe. Es ist meine Meinung. Meine Erfahrung. Ich zeige anhand der Geschichte meiner Familie, wie Integration funktionieren kann – das Gemeinsame zu stärken, ohne die Probleme zu kaschieren. Mir ist wichtig, dass es in unserem Land keine Denkverbote gibt. Aber es gibt rote Linien: Rassismus, die Leugnung des Holocausts, die direkte oder indirekte Aufforderung zur Gewalt.

Sie waren als eine der ersten Journalisten bei einer AfD-Demo in Ostdeutschland. Hätten Sie damals vermutet, dass uns das Thema so lang erhalten bleibt?

Nein, ich habe den Rechtspopulismus für ein vorübergehendes Phänomen gehalten. Das war eine Fehleinschätzung. Ich kann von der dort gezeigten Wut, dem Ärger, der Geringschätzung und Angst auch einiges nachvollziehen. Zum Beispiel das Gefühl der Menschen, dass sich neben all den Veränderungen wie Globalisierung, Digitalisierung, Klimawandel, die wir erst mal verkraften müssen, auch eine gewisse Distanz zwischen Politikern und Bürgern eingeschlichen hat. Und Distanz führt zur Abwertung. Dabei gibt es doch jetzt vermehrt Bürgerdialoge, die jeder nutzen kann. Manche verharren dennoch lieber in ihrer Opferhaltung. Aber Demokratie ist nun mal kein Selbstbedienungsladen, sie ist schwierig, langsam, mühsam – und braucht Kompromisse.

Wie mühsam war das Interview, das Sie der „Jungen Freiheit“ gegeben haben? Dafür gab es viel Kritik.

Die „Junge Freiheit“, die ich zuvor ein Jahr lang gelesen hatte, um zu gucken, mit wem ich es da zu tun habe, war in meinen Augen zu dem Zeitpunkt rechts-konservativ mit völkischen Einschlägen. Für mich im Rahmen. Ich kann doch nicht sagen: Der Dialog hilft – und mich dann verweigern, wenn man mir ein solches Gesprächsangebot macht, nur weil es anstrengend ist oder das Ganze instrumentalisiert werden könnte.

Sind Sie ein Gutmensch?

Das bekomme ich immer wieder zu hören. Wenn die andere Option der Schlechtmensch ist, gern. Ich weiß allerdings nicht, was dieses Auf- und Abwerten bringen soll. Mal bin ich eine Merkel-Versteherin, dann links-grün versifft. Ich bin gewiss nicht Rechts. Ich bin Demokratin – und Wechselwählerin.

Ein anderes Thema: Im August haben Sie erstmals das ZDF-Sportstudio moderiert.

Ja, Borussia Mönchengladbach wird Deutscher Meister. Sie sehen, ich bin nicht neutral… (lacht)

Hat es Sie geärgert, dass danach in den Medien kritisiert wurde: zu wenig Neues, zu wenig Frisches, zu viel Routine.

Mit der Sportstudio-Moderation konnte ich mir einen Traum verwirklichen, schließlich war ich nach dem Studium an der Sporthochschule Köln erst einmal Sportreporterin. Ich weiß, die Erwartungen waren hoch. Ich habe im Vorfeld versucht, sie runterzuschrauben, gelungen ist mir das offensichtlich nicht. Ich will, und das gilt ganz generell, nicht auf irgendeinen Sockel gestellt werden.

Was stört Sie dabei am meisten?

Das setzt einen nur unter Druck, schürt Erwartungen und führt auf allen Seiten meist zu Enttäuschungen. Ich bin Realist, ich weiß, was geht und was nicht geht. Meistens jedenfalls. Deshalb habe ich auch gesagt, dass ich diese Instanz „aktuelles Sportstudio“ nicht revolutionieren und auch nicht politisieren werde, außer es sitzt mir zum Beispiel ein Funktionär wie der DFB-Chef gegenüber. Dann kann Sport durchaus politisch sein.

„Selbstzensur ist eine Gefahr“

Kritik an Ihnen gibt es auch, weil Sie hin und wieder als Nebentätigkeit Veranstaltungen der Deutschen Automatenwirtschaft, des Internetriesen Amazon oder der Pharmafirma Novartis moderieren.

Es ist ein Unterschied, ob man einen Fachkongress moderiert oder ein Produkt von XY vorstellt. Bei der Deutschen Automatenwirtschaft ging es um Spielsucht und Regulierung, bei Novartis um digitale Gesundheit. Bei Amazon habe ich den Deutschlandchef auf der Bühne zur Steuerproblematik befragt. Fand er nicht so lustig.

Also lauter gute Gründe?

Ich erzähle das nur, damit Sie sehen, dass man in allen beruflichen Zusammenhängen seinen unabhängigen Kopf behalten kann. Dennoch verstehe ich, dass es für manchen Zuschauer ein G‘schmäckle hat. Und deshalb habe ich mir diese Kritik zu Herzen genommen. Ich werde mir in Zukunft noch genauer überlegen, welchen Job ich annehme und welchen nicht.

Sie sind jemand, der extrem polarisiert: Wie aufreibend ist das für Sie selbst und was gibt Ihnen Kraft?

Ach, wissen Sie, lieber etwas nervös als zu sorglos. Es darf nur nicht zu einer Schere im Kopf führen. „Darf ich das jetzt sagen? Gibt’s gleich einen Shitstorm oder sonstigen Ärger? Halte ich lieber meine Klappe?“ Selbstzensur ist eine Gefahr. Dann lieber auch mal anecken. Aber ohne Freunde, Familie, meine unsterbliche Hündin Emma und einige Kollegen wäre das sicher nicht auszuhalten.

Sie kennen Menschen, die wegen des zunehmend intoleranten Klimas in Deutschland mit dem Gedanken spielen, auszuwandern. Können Sie sich das auch selbst vorstellen?

Nein, das ist hier meine Heimat – und aus der lasse ich mich nicht vertreiben. Das einzige, was mich woanders hinziehen könnte, ist meine Sehnsucht nach dem Meer, nach einem Ort, an dem ich in der warmen Sonne wellenreiten kann.

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Ihre Eltern stammen aus Mosul, studierten ­in Wien und ließen sich danach in NRW nieder: Dunja Hayali wurde in Datteln geboren, wo ihr Vater eine Arztpraxis führte. Während und nach dem Studium an der Sporthochschule Köln arbeitete sie als Sportmoderatorin beim Radio. Zwischen 2007 und 2010 übernahm sie die Moderation der „ZDF heute“-Nachrichten und die Ko-Moderation  des „heute journals“. Bis heute moderiert sie unter anderem das „ZDF Morgenmagazin“, „dunja hayali“ und seit Sommer 2018 das ZDF-Sportstudio. Bei der Verleihung der Goldenen Kamera 2016 hielt sie eine vielbeachtete Rede gegen Rassismus.