Hintergrund Forscher: Mehrere hundert Zwangsadoptionen

Berlin / André Bochow 02.10.2018
Zwangsadoptionen in der DDR sind ein heikles Thema. Forscher bestätigen: Es gab sie, doch nicht als System.

„Ich bin wissenschaftlicher Mitarbeiter der Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft und inzwischen seit 25 Jahren mit der Aufarbeitung der SED-Diktatur beschäftigt.“ So beginnt Historiker Christian Sachse am 25. Juni 2018 seine Erklärung vor dem Petitionsausschuss des Bundestages. Sachse weiß, dass er vielen hoffenden Menschen wehtut, wenn er sagt: „Einen vorgetäuschten Kindestod mit anschließender Fremdadoption im Sinne eines historischen Beleges habe ich bisher in den Archiven nicht gefunden.“ Er will Zwangsadoption und „vorgetäuschten Kindestod“ als „zwei getrennte Sachgebiete behandeln“.

Zwangsadoptionen sind Sachse mehrfach untergekommen. Beispielsweise hat er einen Fall rekonstruiert, „in dem die Staatssicherheit die Federführung übernahm“. In einer Vorstudie über die „Dimensionen und wissenschaftliche Nachprüfbarkeit politischer Motivation in DDR-Adoptionsverfahren“ kommen die Autoren von der Uni Potsdam allerdings zu dem Schluss, dass sich Zwangsadoptionen „nicht als ein systematisch angewandtes Mittel der Repressionspolitik gegen tatsächliche oder vermeintliche Gegner rekonstruieren lassen.“ Es seien weder vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS) noch vom Ministerium für Volksbildung entsprechende „generelle Anweisungen und konzeptionelle Ausführungen“ nachzuweisen. Die Autoren  sprechen stattdessen von „systemisches Unrecht ermöglichende Gelegenheitsstrukturen“. Schließlich konnten in der DDR staatliche Maßnahmen nicht von unabhängigen Gerichten überprüft werden.

Da drängt sich die Frage nach der Anzahl solcher Willkürakte auf. In der Vorstudie heißt es, es habe hinreichende Erkenntnisse gegeben, „dass sich das Phänomen „nicht auf die bislang in der Forschungsliteratur präzise aufgearbeiteten sieben Fälle beschränkt“. Aufgrund der Datenlage gehen die Wissenschaftler von „mindestens mehreren hundert“  Fällen aus. Ausdrücklich betonen sie aber, dass sie die „Legitimität und Kindeswohl­orientiertheit der überwiegenden Mehrheit“ der DDR-Adoptionen „nicht in Frage stellen“.

Tod von Neugeborenen vorgetäuscht

In einer Arbeitsgruppe beim Ostbeauftragten der Bundesregierung wird nun die weitere Erforschung der Zwangsadoptionen festgelegt. Nach Aussagen des Bürgerrechtlers und CDU­-Politikers Arnold Vaatz soll sich die Hauptstudie  höchstwahrscheinlich nicht mit dem „vorgetäuschten Säuglingstod“ befassen. Dafür wären im Zweifelsfall die Staatsanwälte zuständig. Sachse hält es nicht für unmöglich, dass der Tod von Neugeborenen vorgetäuscht wurde. Wahrscheinlich sei es nicht. Der Aufwand wäre zu groß gewesen. „Es müssen Urkunden gefälscht, medizinisches Personal dauerhaft zum Schweigen gebracht und der gesamte Vorgang über Jahrzehnte unter Kontrolle gehalten werden.“ Sachse empfiehlt eine weitere Vorstudie, „die aus behaupteten Fällen Muster bildet. Aus diesem Muster sollte erkennbar sein, wo eine verantwortungsbewusste Forschung ansetzen sollte.“

Das könnte dich auch interessieren:

Gestohlene Kinder?

Die Unionsfraktion aus CDU/CSU fordert eine  DNA-Datenbank, in der Kinder und Eltern auf der Suche nach Angehörigen ihre genetischen Spuren hinterlassen können. Zudem müssten die gesetzlichen Speicherfristen zu Akten bei Sterberegistern und Krankenhäusern aus der DDR-Zeit verlängert werden, forderte der Unionsfraktionsvize Stephan Harbarth.  Wie viele Fälle von Zwangsadoptionen es gab, sei jedoch noch völlig unklar. neu

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel