Urlaub Flugreisen: Das große Geduldspiel

Berlin / Igor Steinle 06.07.2018

Ärger macht sich Luft: „Ich bin so aufgebracht“, schimpft ein Fluggast. „Fluggäste aller Länder vereinigt euch“, wütet ein anderer. „Ich war nicht zur Meldeschlusszeit da, sondern frühzeitig!“, ein weiterer. Warum Reisende in vielen Internet-Posts ihren Groll kundtun: Sie haben unverschuldet ihre Flüge verpasst – weil die Abfertigung an den Sicherheitskontrollen zu lang dauerte.

„Das ist alles andere als Premium“, ärgerte sich jüngst auch Lufthansa-Chef Carsten Spohr und machte auf das Problem aufmerksam, das sich zur Urlaubssaison erneut verschärfen wird.  Jahr für Jahr sind Sicherheitskräfte, die an Flughäfen die Kontrollen vornehmen, überfordert, den Andrang der Flugreisenden zu bewältigen. Das Problem beschränkt sich nicht auf einzelne Airports. Bundesweit sind regelmäßig dieselben Meldungen zu hören. In Düsseldorf, dem drittgrößten Flughafen Deutschlands, kam es vergangenes Jahr sogar zu Übergriffen: Die Wartenden attackierten und beleidigten nach Stunden des Herumstehens das Sicherheitspersonal. Wie konnte es so weit kommen?

Für die Dienstleistungs-Gewerkschaft Verdi ist die Sache klar: Es fehlt an Personal. Obwohl der Flugverkehr in Europa alljährlich neue Rekordzahlen verzeichnet, wird die Personaldecke nicht entsprechend ausgebaut. „Wir haben schon vor Jahren darauf aufmerksam gemacht, dass es zu massiven Störungen in der Abfertigung kommen wird“, sagt Gewerkschaftssekretär Özay Tarim. Ernst genommen wurde dies nicht. Dabei sind es noch nicht mal hochqualifizierte Bundespolizisten, die fehlen: Die Kontrollen wurden längst privaten Sicherheitsfirmen übertragen. Die Bundespolizei führt nur noch die Fachaufsicht und gibt vor, mit welchem Personalschlüssel die Firmen arbeiten müssen.

Allerdings haben die Privaten große Probleme, diesen zu erfüllen. Tarim hat deswegen erhebliche Zweifel, dass die Kontrollen dieses Jahr reibungslos ablaufen werden. Die Bundespolizei habe bereits eine Firma abgemahnt, weil sie noch immer nicht genug Leute eingestellt hat. Der Verband der Sicherheitsunternehmen (BDLS) gibt den Schwarzen Peter hingegen zurück an die Polizei: Sie gebe falsche Personalanforderungen durch, so BDLS-Präsident Udo Hansen.

Auch die Beschäftigten leiden unter der dünnen Personaldecke. Sie werden krank, was die Situation weiter zuspitzt. Tarim spricht von 22 Prozent Krankenstand anstatt von in sonstigen Betrieben üblichen sechs Prozent. Mehr als 180 Überlastungsanzeigen sind bei der Gewerkschaft bereits eingegangen: Die Beschäftigten wollen für mögliche Fehler nicht verantwortlich gemacht werden. Tarim sieht deswegen die Sicherheit im Flugverkehr gefährdet.

Dabei ist Personalmangel bei weitem nicht das einzige Problem an deutschen Flughäfen. Auch die Prozesse sind veraltet. So schaffen es die Kontrollstellen am größten Flughafen in Frankfurt am Main etwa, nur 80 Passagiere in der Stunde abzufertigen. Das ist nicht mal die Hälfte dessen, was die Airports in Amsterdam, Brüssel oder Madrid bewältigen: Dort werden rund 200 Menschen pro Stunde durch die Kontrollen geschleust.

Das Problem: Weil Gepäck- und Personenkontrolle aneinander gekoppelt sind, kann niemand einen Passagier überholen, der etwa seinen Gürtel nicht ausgezogen hat, beklagt der Flugrechtler Ronald Schmid. „Die Infrastruktur ist nicht auf die heutigen Fluggastzahlen ausgelegt.“

Dass es auch anders ginge, zeigt ein Modellversuch am Flughafen Köln-Bonn. Eine neue Abfertigungsanlage wurde installiert, die Prozesse umgestaltet: Gepäckabgabe und Detektoren entkoppelt. Ergebnis: 220 Passagiere konnten pro Stunde abgefertigt werden. Doch muss der Flughafen die Anlage wieder abbauen. „Das Innenministerium hat mitgeteilt, dass sie aus vergaberechtlichen Gründen die Anlage nicht weiterbetreiben könnten“, beklagt der Chef der Luftverkehrswirtschaft Matthias von Randow. Die Bundespolizei hat langfristige Ausrüstungs- und Technikverträge abgeschlossen, die erfüllt werden müssen. Er fordert: Die Organisation der Kontrollen muss in die Hände der Flughäfen, die flexiblere Verträge abschließen können.

Die große Koalition und die Bundespolizei haben sich bereit erklärt, die Zuständigkeiten zu überdenken. Allerdings laufen die aktuellen Ausrüstungsverträge noch zwei Jahre. So lange müssen Fluggäste also noch sehr viel Geduld mitbringen.

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