Bayern Flüchtlingshelfer in Oberbayern

Markt Isen / Patrick Guyton 31.07.2018

In Bayern gibt es Menschen, die sich freuen, wenn Flüchtlinge am Münchner Flughafen „Franz Josef Strauß“ ankommen. Und nicht, wenn 69 von ihnen – so viele wie noch nie in einem Flieger – abgeschoben werden, was dem Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) an seinem 69. Geburtstag gefiel.

Es war im April, als Bettina Riep, 50 Jahre alt, mit Hakim S. (47, Name geändert) an der Ankunftszone des Flughafens stand und wartete. „Sehnsüchtig“, sagt Riep heute, und sie beschreibt diese Momente am Flughafen als mit die schönsten in ihrer Zeit als ehrenamtliche Flüchtlingshelferin. Hakim, einst Englischlehrer, war schon drei Jahre zuvor aus der Kriegshölle im syrischen Aleppo nach Deutschland entkommen. Jetzt hatten sie es bewerkstelligt, dass die Ehefrau und die drei Kinder folgen konnten. Sie wurden durch Zoll und Passkontrolle gelassen, die Familie war wieder vereint. „Wissen Sie, wie wahnsinnig teuer Familiennachzug ist?“, fragt Bettina Riep. „Man muss Übersetzungen von Dokumenten anfertigen lassen, die dann in der Botschaft in Damaskus beglaubigt werden“, erzählt sie. „Das kostet so viel wie der Schlepper.“

Riep ist ehrenamtliche Flüchtlingshelferin in Oberbayern, in Markt Isen. Und sie ist seit kurzem Vorsitzende des bayernweiten Zusammenschlusses der Flüchtlingshelfer, die sich „Unser Veto“ nennen. Mindestens 3000 davon gibt es im Freistaat. In Bayern gibt es den ersten Landesverband, im Bund und in anderen Ländern steht die Organisation bisher lediglich auf dem Papier. Als eine Art Gewerkschaft der Flüchtlingshelfer beschreiben sie sich. „Wir haben uns viel Wissen angeeignet“, sagt Bettina Riep, „aber als Ehrenamtliche werden wir nicht für voll genommen.“ Sie wollen eine Lobby bilden: „Wir machen Flüchtlingshelfer stark gegenüber Politik und Behören“, heißt es in einem Manifest.

Markt Isen, wo die „Unser-Veto“-Vorsitzende sich einsetzt: 5800 Einwohner hat der Ort, er liegt 50 Kilometer östlich von München. Es ist eine unauffällige  Gemeinde im Landkreis Erding, zerklüftet in 78 winzige Gemeindeteile vom Kirchdorf Burgrain bis Zellershub. Seit 2013 kümmert sich die „Flüchtlingshilfe Isen“ um die Asylbewerber im Ort. 40 sind es momentan, ein Teil davon ist anerkannt, ein Teil ist im Asylverfahren. Sie sind dezentral in Wohnungen untergebracht, ein „Asylantenheim“, das die Bewohner stigmatisiert, gibt es nicht.

Im Markt Isen mit seiner katholischen Pfarrkirche St. Zeno neben dem Marktplatz können die Flüchtlingshelfer nur den Kopf über die von der CSU angeheizte panikartige Flüchtlingsdiskussion schütteln. Stefanie Prauser, ebenfalls Flüchtingshelferin, ebenfalls 50 Jahre, sagt: „Das sind nette Menschen, mit denen ich gerne meine Zeit verbringe. Das macht viel Spaß.“ Die Gemeinde hat der Flüchtlingshilfe eine 3-Zimmer-Wohnung zentral an der Münchner Straße angemietet. Dort machen sie Deutsch-Unterricht, Nachhilfe, Mutter-Kind-Gruppe, Jugendtreff, Flüchtlingsberatung.

Ein junger Flüchtling aus Somalia kommt mit einem Zettel vom Jobcenter: Gesucht werden Metallhelfer und Schweißer mit Zusatzqualifikation in Moosburg, 40 Kilometer entfernt. Seine Frage: „Wie komme ich hin?“ Danach braucht ein Mann aus Afghanistan Hilfe. Die AOK prüft die Familienversicherung, ist der 18 Jahre alte Sohn auch versichert? Ja, er bekommt auch Kindergeld, weiß Bettina Riep. Dafür braucht man die steuerliche Identifikationsnummer. Das Kindergeld wird aber vom Jobcenter wieder abgezogen. „Wir sind hier Verwaltungsauskunft und Sozialberatung“, meint die Frau. Währenddessen spielen in dem großen Raum ein zehnjähriger syrischer Junge und ein 20-jähriger Afghane am Tischkicker. Am PC läuft Youtube, der Raum wird beschallt mit „Latest Nigerian Music 2018“.

„Ohne uns hätte die Gemeinde ein Problem“, ist sich Bettina Riep sicher. Denn wer würde sich sonst um die Organisation von Fahrrädern kümmern, um fehlende Geburtsurkunden aus den Heimatländern, um Bewerbungsschreiben für Praktikumsstellen in den Bereichen Elektro und Sanitär? Um die Flüchtlinge, die in dem Einödweiher Höselstal untergebracht sind, von wo aus man 45 Minuten zum nächsten Ort laufen muss? Gegenwärtig sind um die zehn Helfer aktiv. Gab es schon mal Anfeindungen, Hetze von den Bürgern? Riep schüttelt überrascht den Kopf: „Nein, nie.“

Siegfried Fischer ist der Bürgermeister von Isen, er gehört den Freien Wählern (FW) an. Diesen steht der allmächtige Hubert Aiwanger vor, und Aiwanger vertritt beim Flüchtlingsthema einen noch härteren Kurs als die CSU. Doch Fischer ist äußerst angetan von der Flüchtlingshilfe am Ort: „Die machen das selbstständig, und das ist notwendig und wichtig“, sagt er in schönem Bayerisch. „Ich bin froh, dass wir sie haben“, meint er. Und die Flüchtlinge  im Ort „fallen gar nicht auf, werden nicht angefeindet“. Er begrüßt die Arbeit, „weil ich mich nicht darum kümmern muss – das soll jetzt nicht negativ klingen“.

In Isen sind die Flüchtlingshelferinnen Bettina Riep und Stefanie Prauser unverdächtig jeglicher linksradikaler Umtriebe. Beide sind „Bürgertum“, verheiratet, haben Kinder, bezeichnen sich als „Wechselwähler“. Prauser arbeitet an der TU München, Riep erzählt, dass sie Bilanzbuchhalterin ist – und lacht dabei. Diese gesellschaftliche Mitte jedenfalls sprechen Markus Söder und die CSU mit ihren Rambo-Tönen nicht an. Die Helferinnen erzählt von jungen Afghanen aus Isen, die zwei Jahre lang in Deutschkursen büffeln und dann keine Ausbildung machen dürfen. Da helfe nur „Zuhören und gutes Zureden“. Und auch mal ein Ausflug an den Chiemsee, um auf andere Gedanken zu kommen.

 Die Probleme, die Arbeit, die der „Unser Veto“-Zusammenschluss angehen muss, liegen für sie auf der Hand: Was lässt sich daran ändern, dass etwa der Landkreis Erding kaum Arbeitsgenehmigungen an Flüchtlinge erteilt, die Stadt Münchner das aber großzügig handhabt? „Die Unterkünfte sind mittlerweile halb leer“, berichtet Bettina Riep, „aber der Platz für die Menschen wird weiter begrenzt.“ Die Schlussfolgerung liegt für sie auf der Hand: „Die sollen sich dort nicht wohlfühlen.“

 Auch die bitteren Teile der Lebensgeschichten bekommen sie mit, wenn Bescheide endgültig abgelehnt wurden. Zwei so genannte freiwillige Ausreisen in die Heimatländer haben sie in Isen miterlebt. Und es gab mehrere Flüchtlinge, die plötzlich weg waren, die abgetaucht sind. „Dazu raten wir niemandem“, sagt Bettina Riep. „Aber wir halten auch niemanden davon ab.“

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Asylbewerber beherbergt der 5800-Seelen-Ort Markt Isen zur Zeit. Sie sind dezentral über verschiedene Wohnungen verteilt. Die Bürger wollten kein „Asylantenheim“.

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