Asyldebatte Flüchtlinge, die in Ruinen leben

Rom / Von Bettina Gabbe 19.07.2018
Glaubt man Matteo Salvini, dann leben Flüchtlinge südlich der Alpen wie „im Schlaraffenland“. Das stimmt so nicht.

Am östlichen Stadtrand von Rom gibt es eine verwaiste Penicillin-Fabrik. Von der Gesellschaft vergessen, rottet das wuchtige Gebäude in der italienischen Sommerhitze vor sich hin. In der Haupthalle wachsen große Müllberge, in ihnen tummeln sich Ratten, die doppelt so groß sind wie andernorts in Rom. Der Strom ist schon lange abgestellt, Wasser gibt es auch keines. Es ist kein besonders einladender Ort.

Eine verwaiste Fabrik für 500 Asylbewerber

Mitten in dieses trostlose Gebäude hat sich ein junger Mann aus dem Sudan ein Zuhause gebaut. Das Mobiliar in seinem Verhau: eine Matratze. Eine Tagesdecke mit Bob-Marley-Aufdruck. Auf dem Boden ein Badezimmerschränkchen mit Spiegel, der eigentlich über ein Waschbecken gehört. Zwei Stühle ohne Sitzfläche. Das ist alles. „Sie haben mich aus der Unterkunft vertrieben“, sagt er. Den Verhau mit seinen wenigen Besitztümern schützt er mit einem Vorhängeschloss. Das lange Warten, bei dem die Asylbewerber zur Untätigkeit verdammt sind, wenn sie nicht illegal arbeiten, hat ihn mürbe gemacht. „Jedes Mal, wenn ich meinen Anwalt anrufe, fehlt eine Bescheinigung.“

Die Penicillin-Fabrik teilt er sich mit 500 anderen Asylbewerbern. Die Bewohner bauen sich aus Holzplatten, die sie am Straßenrand einsammeln, kleine Zimmer. Vor dem Fabrikgebäude ist ein Zeltlager entstanden. Beim Kochen mit Gasflaschen entstehen immer wieder Brände. Wasser gibt es nur am äußersten Ende des Grundstücks, wo Tag und Nacht ein Wasserstrahl mit hohem Druck aus einer angezapften Hauptleitung schießt.

Der Sozialstaat ist überfordert

In Italien ist das für Asylbewerber und anerkannte Flüchtlinge der Normalzustand. Asylbewerber warten Monate und Jahre auf ihren Asylbescheid, bereits anerkannte Flüchtlinge fallen mit einem Schlag aus dem Aufnahmesystem. Sie leben dann in verlassenen Fabriken und Bürogebäuden in Rom oder in einem ausgetrockneten Flussbett in Ventimiglia an der Grenze zu Frankreich. 10 000 Flüchtlinge und Migranten wohnen laut Bericht von „Ärzte ohne Grenzen“ in Italien in informellen Unterkünften. In ihnen herrscht die ständige Angst vor der Räumung und Übergriffen Kleinkrimineller aus dem eigenen Umfeld.

Unterkünfte sind überfüllt

„Wir brauchen dringend Arbeit“, sagt ein 25-jähriger Mann aus Nigeria. Jeden Tag gebe es Streit zwischen den Menschen, die aus Ländern südlich der Sahara aber auch aus Pakistan, Bangladesch und Jamaika stammen. „Ich habe mir nie etwas zuschulden kommen lassen, trotzdem darf ich nicht arbeiten.“ Erst nach dem Ende des bis zu zwei Jahre sich hinziehenden Asylverfahrens erhalten Flüchtlinge eine Arbeitserlaubnis. Bis dahin haben sie Anspruch auf eine Unterkunft, doch weil die Unterkünfte überfüllt sind, verlieren viele von ihnen rasch ihren Platz in dem zugewiesenen Aufnahmezentrum. Wer drei Nächte hintereinander nicht in seiner Unterkunft übernachtet, fliegt. Mit Gelegenheitsarbeiten wie dem Verkauf von Schmuck am Strand verdienen viele Bewohner der Ex-Fabrik das Nötigste, um im improvisierten Lebensmittelgeschäft Tomaten oder auch Schmerztabletten einzukaufen.

Mängel des italienischen Sozialstaats

Dass so viele Flüchtlinge und Migranten in Italien keine reguläre Unterkunft finden, erklärt der Migrationsexperte Christopher Hein mit Mängeln des italienischen Sozialstaats. Der Gründer des italienischen Flüchtlingsrats weist darauf hin, dass es kein italienisches Hartz IV oder ähnliche Absicherungen gebe. Sechs Monate nach dem Ende des Asylverfahrens endet die Verpflichtung für den Staat, den Betroffenen eine Unterkunft anzubieten.

Das Erstaufnahmesystem wurde in den vergangenen Jahren zwar stark ausgebaut. Es mangelt jedoch nach wie vor an Sprachkursen, Rechtsberatung und anderen Integrationsangeboten, zu denen Italien laut EU-Richtlinie verpflichtet ist. Nach Abschluss des Asylverfahrens werden die Flüchtlinge völlig unvorbereitet auf die Suche nach Wohnung und Arbeit geschickt.

„Wir stellen keine Fragen, sondern bieten medizinische und psychologische Hilfe an“, sagt Ahmad Al Rousan. Im Auftrag von „Ärzte ohne Grenzen“ versorgt er von einem Wohnmobil aus die Bewohner mit Medikamenten. Häufig gehe es nur darum, den Menschen zuzuhören. „Wir sind häufig die ersten, die ihnen seit Monaten zuhören“, sagt der 48-jährige Jordanier, der einst zum Studium nach Rom kam.

„Vor ein paar Monaten stießen wir am Bahnhof Tiburtina auf eine junge Mutter mit ihrem erst wenige Tage alten Baby“, erzählt er. Die Eritreerin habe ihr Kind ohne ärztliche Hilfe in einem von Schleusern kontrollierten Lager in Libyen geboren und sei sofort danach auf eins der Boote gezwungen worden. „Wir haben versucht, sie dazu zu bewegen, ihr Baby in einem Krankenhaus untersuchen zu lassen, aber wenige Tage später war sie nicht mehr da.“ Viele dieser Kinder seien das Ergebnis von Vergewaltigungen auf der Flucht.

Ständige Angst vor Razzien

In der ehemaligen Fabrik hinter dem Bahnhof Tiburtina kümmert sich auch die italienische Hilfsorganisation „Ärzte für Menschenrechte“ von einem Wohnmobil aus um die Bewohner. Für die Patienten stellen sie winzige Camping-Klappstühle als Wartezimmer auf den staubigen Parkplatz. Wer mehr als eine Tablette braucht, bekommt hier einen Untersuchungstermin in einem Krankenhaus vermittelt und geduldig erklärt, wie er zu den häufig in kleinen Provinzstädten gelegenen Kliniken findet.

Im Zeltlager herrscht ständig Angst vor der nächsten Polizei-Razzia. Eine Familie hat sich mit ihren zwei Kindern sicherheitshalber gleich auf einer Wolldecke auf dem Zufahrtsweg statt im Zelt für die Nacht niedergelassen. Dass der neue Innenminister Matteo Salvini von der rechtsnationalen Lega Nord einen harten Anti-Flüchtlingskurs fährt, haben sie mitbekommen. Ab und zu fahren Autos am Lager vorbei und rufen Salvinis Motto „Das Leben im Schlaraffenland ist vorbei“. Doch wenn das schon das Schlaraffenland ist, wie sieht dann die Hölle aus?

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