Zagreb / NORBERT MAPPES-NIEDIEK  Uhr
Nach Kroatien probieren auch Slowenien und Österreich, den Strom der Flüchtlinge zu verlangsamen. Doch auch die wissen mit der Situation umzugehen - vor allem brauchen alle Beteiligten Geduld. Mit einem Stichwort zur EU-Flüchtlingspolitik: Einigung oder Abstimmung?

"Chewing gum?", ruft Bassam über das Gitter, wenn ihm wieder mal langweilig wird. Bassam hat sich in dem Polizeikordon zur Kontaktaufnahme einen Beamten ausgeguckt, der selbst nicht viel älter ist als er. Dem schaut Bassam jetzt unverwandt ins Gesicht, nie auf den Helm, den Schild oder den Schlagstock. Bassam macht seine Sache gut. Immer wenn er den Blick des jungen Slowenen eingefangen hat, fragt er nach Kaugummi. Der Polizist schaut verlegen weg, seine Kollegen, die rechts und links von ihm stehen, grinsen unverhohlen.

Ohne den etwa 16-jährigen Jungen mit den raspelkurzen Haaren könnte man von der Lage am Grenzübergang Harmica sagen, sie wäre gespannt. Dreißig Mann "Riot police" stehen hier Schulter an Schulter, um einige Hundert Flüchtlinge von der Einreise nach Slowenien abzuhalten. Aber inzwischen kennen beide Seiten einander gut; schließlich haben sie eine Nacht miteinander verbracht.

Wenn der Junge aus Syrien, der hier in der vordersten Reihe seine Faxen macht und herumturnt, antäuscht und so tut, als wollte er übers Gitter klettern, schauen die martialischen ausgerüsteten Polizisten angestrengt beiseite.

Hier, an der unscheinbaren Straßenbrücke über die Sutla, die einen Weiler in Slowenien und einen in Kroatien voneinander trennt, hat die Polizei am Freitag Tränengas gegen Flüchtlinge eingesetzt und auch Kinder erwischt. Die Nachricht ging um die Welt. Um die hundert Menschen, die mit Bus, Taxi oder per Anhalter die 35 Kilometer aus Zagreb gekommen sind, stehen, sitzen, liegen ständig vor dem hüfthohen Gitter, das die slowenische Polizei hier, direkt auf dem Grenzübergang, aufgestellt hat. Am Wochenende geht es dann entspannter zu, alle versuchen zu deeskalieren - nicht nur Bassam.

An der Wucht der Flüchtlingswelle ändert das allerdings nichts. Seit dem letzten Donnerstag sind 25.000 Menschen aus Serbien über die Grenze nach Kroatien gekommen. Die Schließung der Übergänge hat nicht geholfen. Fast 4000 mussten eine Regennacht im Auffanglager Tovarnik gleich an der Grenze verbringen. Seit Samstag bringen Busse die Ankommenden nicht, wie ursprünglich geplant, nach Slowenien, sondern nach Ungarn: Westlich des Grenzzauns, den die ungarische Polizei eilig auch gegen Kroatien errichtet hat, ist bei der Stadt Koprivnica ein Übergang frei. Tausende gingen am Wochenende über die Grenze in den Schengen-Raum, ungeachtet der hohen Strafandrohungen. Zwischen den Regierungen in Zagreb und Budapest herrscht weiter völlige Funkstille.

Während die unwilligen Ungarn erleben müssen, dass es mit martialischen Ankündigungen nicht getan ist, lassen Slowenien und Österreich gelegentlich Druck aus dem Kessel - wie die Österreicher am Samstag im Städtchen Bad Radkersburg in der Süd-Steiermark, wo sich wenige Polizisten auf der Brücke über die Mur plötzlich 350 Flüchtlingen gegenüber sahen - und den Weg frei machen, als ihre lose Menschenkette zerriss. Wo es geht, schicken sie Flüchtlinge nach Slowenien zurück, wo nicht, da nicht. Die Slowenen, die den Druck auf die Grenze schärfer spüren, versuchen es mit Hinhaltetaktik.

An den Übergängen im Südwesten, nach Zagreb zu, und im Norden nach Maribor bilden sich lange Autoschlangen. Auf der Autobahn zwischen Zagreb und Ljubljana stauen sich über Kilometer die Lastwagen.

An Taktik und Umsicht mangelt es aber auch auf der anderen Seite nicht, bei den Flüchtlingen. Am Samstag tröpfeln langsam immer mehr aus Zagreb an dem kritischen Punkt in Harmica ein. Fatih, ein Mann um die fünfzig, entsteigt mit seinen beiden erwachsenen Söhnen einem Taxi.

"In Damaskus hatte ich eine Autowerkstatt", sagt der Fatih in fließendem Englisch und checkt zugleich mit strategischem Blick die Lage in dem kroatischen Örtchen. "Okay", verkündet er das Ergebnis seiner kurzen Prüfung, "wir warten hier". Fatih weiß genau, wo er ist und was er will. Die Frau und drei Töchter sind in Khartum und sollen nachkommen, wenn Vater und Brüder ihr Zielland erreicht haben - von dem Fatih noch nicht weiß, welches es sein wird.

An diesem Tag hat Fatih entschieden, kann alles nur besser werden. Gegen Abend, wenn aus den Hunderten Tausende geworden wären, kalkuliert er, dürfte man hier ungehindert über die Grenze kommen.

Dass es dann anders kommt, liegt daran, dass auch die Slowenen strategisch denken. Gegen Mittag tauchen zwei Busse auf, laden Familien mit Kindern ein und bringen sie über die Grenze ins Land - gleich ob sie nun in Slowenien einen Antrag stellen oder nicht. Immer gerade so viele, dass die Lage nicht eskaliert und die Fernsehbilder nicht zu hässlich werden.

Die Flüchtlingskrise richtet in Europa die Grenzen wieder auf: So sieht es aus, wenn man die Erklärungen der Regierungen liest. Vor Ort verschwimmen die Grenzen eher - auch die zwischen grimmigen Ungarn, freundlichen Serben und korrekten Kroaten. Auf einem Parkplatz gleich an der Grenze von Harmica halten kroatische Freiwillige Wasser, Eintopf, Decken bereit und haben ein großes Zelt mit Matratzen drin aufgebaut.

Alle tragen sie Mundschutz. So ganz offen mag Kroatien sein freundliches Gesicht nun doch nicht zeigen.

Dramen im Mittelmeer

Schlauchboot gerammt Dramatische Szenen spielten sich gestern an der türkischen Küste und in der Ägäis ab. Ein Handelsschiff rammte vor dem westtürkischen Canakkale ein Schlauchboot mit Flüchtlingen. Mindestens 13 Menschen ertranken, das Schlauchboot sank nach Mitteilung der türkischen Küstenwache. 20 Menschen wurden gerettet. Unter den Toten sollen vier Kinder sein. In der griechischen Ägäis werden nach dem Untergang zweier Flüchtlingsboote bis zu 40 Menschen vermisst.

Tausende gerettet Bei Noteinsätzen wurden aber auch mehr als 4300 Flüchtlinge gerettet. Beim größten von 20 Rettungseinsätzen im Mittelmeer vor Libyen wurden 1137 Menschen von zwei überfüllten Schiffen in Sicherheit gebracht, teilte die italienische Küstenwache mit. Die Bundeswehr-Fregatte "Schleswig-Holstein" rettete nach fast zwölfstündigem Einsatz 389 Flüchtlinge von einem Holz- und einem Schlauchboot. Auch Schiffe von Hilfsorganisationen wie "Ärzte ohne Grenzen" sind auf dem Mittelmeer im Einsatz.

EU-Flüchtlingspolitik: Einigung oder Abstimmung?

Wenn die EU-Innenminister am Dienstag über die Verteilung weiterer 120.000 Flüchtlinge beraten, dann können sie Entscheidungen mit sogenannter qualifizierter Mehrheit beschließen. Diese ist laut Lissabonner Vertrag mit einer doppelten Mehrheit erreicht, wenn 55 Prozent der EU-Staaten - also 16 von 28 - zustimmen und sie gemeinsam mindestens 65 Prozent der EU-Bevölkerung stellen.

Es wäre also möglich, die mittel- und osteuropäischen Staaten zu überstimmen. Allerdings wird bei wichtigen Themen der Konsens aller Staaten gesucht. Wenn beim EU-Gipfel die Staats- und Regierungschefs am Tag darauf über die Flüchtlingskrise beraten, geben sie einen politischen Rahmen vor. Im Gegensatz zu den Fachministern beschließen sie aber keine Rechtstexte. Deshalb gibt es auf Gipfel-Ebene in der Regel keine Abstimmung.

Europa ist gespalten in der Frage der Umverteilung von Flüchtlingen. Auf der einen Seite stehen vor allem Deutschland und Frankreich, die einen Verteilungsschlüssel wollen. Auf der anderen Seite stehen vier osteuropäische Staaten (Visegrad-Gruppe: Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn) und Lettland. Diese Länder sind selten das Ziel von Migranten, ihre Regierungen stehen unter innenpolitischem Druck.

Der Widerstand wird angeführt von Ungarn, das von den Plänen der EU-Kommission zwar profitieren würde. Doch der nationalkonservative Premier Viktor Orban fürchtet dauerhafte Aufnahmequoten. Polen ist mitten im Wahlkampf. Die Slowakei und Tschechien lehnen Quoten mit dem Hinweis ab, man habe wegen der Ostblockvergangenheit keine Erfahrung mit der Integration fremder Kulturen und Religionen.