Rom Flüchtlinge allein auf hoher See

Führerlos im Mittelmeer: Das Frachtschiff "Ezadeen" wurde gestern nach Italien geschleppt.
Führerlos im Mittelmeer: Das Frachtschiff "Ezadeen" wurde gestern nach Italien geschleppt. © Foto: dpa
Rom / TAKIS TSAFOS UND MIRIAM SCHMIDT, DPA 03.01.2015
Beim Schmuggel von Flüchtlingen über das Mittelmeer setzen Schleuser auf eine neue Methode: Sie verlassen voll besetzte Frachter auf See. Zum zweiten Mal diese Woche muss die Küstenwache eingreifen.

Sie sind nur knapp einer größeren Katastrophe entkommen: Hunderte Flüchtlinge auf voll besetzten Frachtern, die ohne Besatzung stundenlang auf dem Mittelmeer treiben oder direkt auf die felsige Küste zusteuern. Schon zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage sind die italienischen Behörden im Mittelmeer einem führerlosen Flüchtlingsschiff zur Hilfe geeilt und haben hunderte Menschen gerettet. Experten sehen darin eine neue skrupellose Methode der Schleuser, die die Not und Verzweiflung der Flüchtlinge ausnutzen.

Diese "Geisterschiffe", die ohne Besatzung ihrem Schicksal überlassen werden, zeigen nach Ansicht der EU-Grenzschutzagentur Frontex "einen neuen Grad der Grausamkeit" der Schleuserbanden. "Das ist eine neue Erscheinung dieses Winters", sagte Frontex-Pressesprecherin Ewa Moncure in Warschau. "Das ist ein Multimillionengeschäft." Allein im vergangenen Jahr sind mehr als 150 000 Bootsflüchtlinge in Italien angekommen. "Aus jedem dieser Flüchtlinge werden mehrere tausend Euro für den Transport auf See gepresst", erklärte Moncure.

Experten schätzen, das Geschäft des Menschenmuggels sei mittlerweile lukrativer als der Drogenhandel rund ums Mittelmeer. Denn die Schleuser haben vor allem einen Trumpf: Den starken Drang der Menschen, aus der Hölle Syriens und anderer Krisenstaaten des Nahen Ostens zu entkommen.

Der syrische Ingenieur Muhammad, der an Bord des am Mittwoch vor Italien geretteten Frachters "Blue Sky M" war, sagte dem "Corriere della Sera": "Sie fragen uns, warum wir so viel bezahlt haben, 5000 oder 7000 Euro. Aber wenn du nichts mehr hast und nur die Hoffnung auf ein neues Leben, bist du bereit, alles zu tun." Sein Ziel wie das der meisten Mitreisenden ist Zentral- und Nordeuropa: Vor allem Deutschland oder die Niederlande, Dänemark und Schweden.

Doch nicht nur Italien ist von den immer perfideren Machenschaften betroffen - im gesamten östlichen Mittelmeer wimmelt es von Seelenverkäufern, die verzweifelte Menschen nach Europa bringen. Mittlerweile schieben sich die Mittelmeerländer vermehrt gegenseitig die Verantwortung zu.

Nach der Rettung des Frachters "Blue Sky M" sagte ein Beamter der Küstenwache auf der griechischen Insel Othonoí: "Die sind weitergefahren. Wir sehen sie nicht mehr." Ein Stadtratsmitglied der Insel Korfu betonte: "Ein Ärger weniger für uns." Für die Schmuggler lohne sich die Rechnung, wenn ein ohnehin bereits ausgemustertes Schiff ohne Crew und Treibstoff auf dem Meer zurückgelassen werde, erklärt Moncure. Die Taktik der internationalen Banden: Nach der Ankunft in der Menge der Migranten untertauchen oder gleich vom Frachter auf ein Schnellboot umsteigen, um sich aus dem Staub zu machen. Muhammad erzählt: "Niemand wusste, wer der Kapitän ist oder wer zur Besatzung gehört. Es war ein Klima wie bei der Mafia."