Leitartikel Thomas Veitinger zum Chaos im Luftverkehr Fliegen ist zu billig

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Ulm / Thomas Veitinger 11.08.2018

Viel verändert hat sich seit Goethes Zeiten nicht. Damals wie heute ist Reisen beschwerlich. Früher ließ man sich in Kutschen mit zwielichtigen Mitfahrern durchschütteln. Heute quetscht man sich in Aluminium-Röhren mit Junggesellenabschiedlern zu schlechtem Essen und Stewardessen nerven mit Rubbellosen. Dennoch ist Fliegen heiß begehrt. Im ersten Halbjahr gab es im deutschen Luftraum 1,59 Millionen Flüge. Die Möglichkeit, für 39,99 Euro nach Mallorca zu fliegen, bringt aber viele Probleme mit sich. Die Gründe für den Ryanair-Streik zeigen dies. Veränderungen sind nötig und möglich.

Zunächst muss sich jeder Reisende selbst an die Nase fassen. Supersonderangebote kosten eben mehr, als auf den ersten Blick ersichtlich ist. Wie bei Lebensmitteln und Textilien wollen Konsumenten meist bessere Produkte, eine saubere Umwelt, faire Arbeitsbedingungen – und greifen trotzdem zur Billigware, die genau das verhindert. Das ist am Himmel nicht anders. Wer billig kauft, bekommt billig und zerstört bestehende Kultur. Wir werden mit einem guten Gefühl belohnt, wenn ein preiswerter Flug ergattert und das Geld scheinbar gespart wird und reden uns das Verhalten auch noch schön: Teurere Flüge – egal bei welchen Airlines – sind oft nicht wirklich angenehmer. Warum nicht gleich zum Billigsten greifen? Auf vielen Strecken findet sich sowieso keine Alternative.

Doch der Discount am Himmel hat weitreichendere Auswirkungen als schlechten Service. Flugverkehr belastet unbestritten die Umwelt. Laut Max-Planck-Forschern schmelzen jedes Jahr 6000 Quadratkilometer Meereis nur wegen des Flugverkehrs. Daran ändern sparsamere Flugzeuge leider nichts. Der Luftraum in Europa ist überfüllt. Stiegen 1997 noch 62 Millionen Passagiere in Deutschland in ein Flugzeug, sind es heute fast doppelt so viele. Niemand sollte etwas gegen gesundes Wachstum haben, aber die Folgen extremer Steigerungsraten sind immer schwerer zu beherrschen.

Preisdumping hat auch eine schlechte Behandlung von Angestellten zur Folge. Ryanair Konzernchef Michael O’Leary etwa herrscht in einer feudalen Art, verweigert Flugbegleitern und Piloten Rechte und mutet ihnen Arbeitsbedingungen zu, die den derzeitigen Streik überfällig gemacht haben. Eurowings buhlte nach dem Aus von Air Berlin um Start-, Landerechte und Flugzeuge und versagte bei der Integration. Imageverlust durch Verspätungen und Annullierungen sind die Folgen.

Airlines sollten ihr Geschäftsmodell überdenken und Politiker sie dazu anhalten: Steuerbefreites Kerosin trägt zur Überhitzung im Flugverkehr bei. Die Ticketsteuer muss an die Flugklassen angepasst werden, Start- und Landerechte gehören versteigert. Der Vorschlag, innerdeutsche Flüge zu verbieten, ist zwar falsch. Die Bahn sollte aber attraktiv ausgebaut werden, wie der Erfolg der Strecke München-Berlin zeigt.

Niemand will, dass sozial Schwächere nicht nach Mallorca  können. Aber keiner kann dieses Chaos in der Luft und am Boden gutheißen. Fliegen ist schlicht zu billig.

leitartikel@swp.de

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