CSU Finale furioso: Seehofer und Söder vor der Landtagswahl

Einigkeit nur für die Kameras? Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (links) und CSU-Chef Horst Seehoferbei einer Wahlkampfkundgebung im Stadttheater Ingolstadt.
Einigkeit nur für die Kameras? Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (links) und CSU-Chef Horst Seehoferbei einer Wahlkampfkundgebung im Stadttheater Ingolstadt. © Foto: Armin Weigel
Ingolstadt/München / lby 09.10.2018
Alles ist offen vor der bayerischen Landtagswahl am Sonntag. Nur eines scheint klar zu sein: Bei einer CSU-Pleite droht eine Revolte gegen Parteichef Seehofer. Der will sich das nicht gefallen lassen.

Es ist großes Theater, schon immer gewesen. Wenn es richtig ernst wird, wenn die Scheinwerfer angehen, wenn die Öffentlichkeit live mit dabei ist, dann schließt die CSU die Reihen. Dann stehen alle eng zusammen, insbesondere die beiden ganz vorne auf der großen politischen Bühne: Parteichef Horst Seehofer und Ministerpräsident Markus Söder. So war es auf den vergangenen beiden Parteitagen. Und so ist es auch am Montagabend in Ingolstadt, wo die beiden CSU-Spitzen bei einer der seltenen gemeinsamen Kundgebungen im Landtagswahlkampf auftraten. Im Stadttheater, passenderweise. „Große Schauspielkunst“ werde es geben, hatte ein CSU-Vorstand vorausgesagt.

Prolog, draußen vor der Tür: Nein, er habe da zuletzt keinen Streit feststellen können, sagt Seehofer. Andere Fragen blockt er ab. „Ich möchte heute einen schönen Abend verbringen.“ Mit Markus Söder? „Ja.“ Wenig später kommt Söder. Nein, kein Streit, sagt auch er. Man habe ja eine gemeinsame Aufgabe in der CSU, betont er. „Ein jeder ist doch verpflichtet, das Bestmögliche für Bayern und die CSU zu erreichen.“

„Zeiten, geprägt von der Berliner Politik“

In der CSU hat man am Wochenende allerdings mit einer Mischung aus Zorn und Verwunderung registriert, dass die Klärung der Schuldfrage für das drohende Wahldesaster am kommenden Sonntag sehr wohl bereits begonnen hat - und das nun auch öffentlich. Söder griff Seehofer zwar nicht direkt an, machte lediglich die große Koalition in Berlin insgesamt mitverantwortlich für die schlechten Umfragewerte. „Das sind natürlich alles Zahlen, die unglaublich geprägt werden durch die Berliner Politik“, sagte er, wieder einmal.

Seehofer, der die Schuld - wenn überhaupt - jedenfalls nicht alleine bei sich sieht, nannte Söder dagegen direkt. „Ich habe mich in den letzten sechs Monaten weder in die bayerische Politik noch in die Wahlkampfführung eingemischt“, sagte er in einem Interview. Das sei das Vorrecht Söders. „Er ist zuständig für strategische Überlegungen im Wahlkampf.“ Auch wenn Seehofer es nicht direkt aussprach, ist die Lesart in der CSU eindeutig: Er will Söder für den Ausgang der Wahl mitverantwortlich machen. Und damit nicht genug: In einem weiteren Interview verwies Seehofer nicht nur darauf, dass er als Parteichef noch bis Herbst 2019 gewählt sei und dass er als Innenminister noch ein „großes Werk zu verrichten“ habe, sondern er legte die Messlatte für Söder angesichts der 33- bis 35-Prozent-Umfragen nahezu unerreichbar hoch: Eine absolute Mehrheit sei „grundsätzlich“ immer noch möglich.

In seiner Partei hat der Vorsitzende mit diesen Interviews für neuen Ärger, neues Kopfschütteln gesorgt. Seehofers Schuldzuweisungen seien realitätsfern. Sogar Kanzlerin Angela Merkel (CDU) habe ja den langen Asylstreit als Ursache für die schlechten Umfragewerte ausgemacht. Auch in einer CSU-Vorstandssitzung Anfang des Monats hatten sich bereits mehrere Teilnehmer kritisch zu Wort gemeldet: Die große Koalition sei „der“ Grund, weshalb der CSU die Wähler davonliefen.

Umstrittener Parteichef

Weite Teile der CSU-Basis machten aus ihrer Wut über Seehofer schon lange keinen Hehl mehr, berichten Landtagsabgeordnete. Eine große Mehrheit sei der Meinung, dass der Parteichef weg müsse, heißt es. Söder dagegen sitze nach derzeitigen Stand ziemlich fest im Sattel.

Auch wenn Seehofer und Söder bei öffentlichen Auftritten, auch am Montag in Ingolstadt, Geschlossenheit demonstrieren, dürfte der Grad an wechselseitiger Abneigung einen neuen Höhepunkt erreicht haben. Direkte Schuldzuweisungen noch vor einem Wahltermin - das ist neu.

Söder, der weiß, in welchem medialen Fokus die CSU nun wieder ist, welches Bild die CSU in den Nachrichten abgibt, versucht es deshalb auf der Theaterbühne mit Ironie. Er und der Parteichef hätten zuletzt überlegt, wie man im Schlussspurt noch einmal eine möglichst breite Öffentlichkeit erreichen könne. „Und da haben Horst Seehofer und ich entschieden, dass wir das gemeinsam in bewährter Weise machen. Das ist uns auch gelungen“, sagt Söder. „Danke dir, lieber Horst, danke, meine Damen und Herren.“ Die Presse sei da und werde breit berichten.

Seehofer sagt zu den Hakeleien in seiner Rede fast nichts. Er spricht lediglich von einem „ganz natürlichen Spannungsbogen“ zwischen dem Bund und dem Freistaat - und dankt dem „lieben Markus“ dann noch explizit „für die Zusammenarbeit zwischen Berlin und München“.

Ansonsten geht es zum Teil eindeutig zweideutig zu. Etwa als Söder von seinem Raumfahrtprogramm erzählt und hinzufügt, ihm fiele mancher ein, den man auf den Mond schießen könnte. Seehofer jedenfalls ist sich nachher sicher: „Ich war nicht gemeint, meine Damen und Herren.“

Tatsächlich sind sich die beiden schon immer in inniger Feindschaft verbunden. Daran änderte auch die im Frühjahr vollzogene Ämterteilung - Seehofer blieb Parteichef, Söder wurde Ministerpräsident - nichts.

Seit Monaten, nach dem Berliner Asylkrach und Seehofers Rücktritt vom Rücktritt, geht es in den Umfragen nun abwärts. 33 Prozent waren der vorläufige Tiefpunkt. Die Stimmung in der Partei ist düster. Nur die nahende Wahl zögert den ultimativen Krach offenbar noch hinaus, nur der 14. Oktober hält die CSU noch zusammen - und die Hoffnung, dass es am Ende vielleicht doch nicht ganz so schlimm ausgehen möge.

Ob sich Seehofer als Parteichef halten kann? Möglich, sagt ein Vorstandsmitglied - wenn es 37/38 Prozent oder mehr werden. Sollten es aber 35/36 Prozent oder weniger werden, droht das Finale furioso.

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