Das Schmierenstück um Fifa-Präsident Sepp Blatter nähert sich seinem Höhepunkt: Heute wird sich der verrufene Boss auf dem Zürcher Kongress des Weltfußballverbandes der Wiederwahl stellen. Der 79-jährige Schweizer hat gute Chancen, zum 5. Mal hintereinander zum mächtigsten Mann des populärsten Sports der Welt gekürt zu werden - trotz eines Sumpfes aus Korruption, trotz Razzia in der Fifa-Zentrale, trotz Festnahmen einer Reihe seiner engsten Gefolgsleute. Und trotz zahlreicher Rücktrittsforderungen - auch von europäischen Spitzenpolitikern.

Gestern Morgen drängte ebenso Michel Platini, der Präsident des mächtigen europäischen Fußballverbandes Uefa, Blatter zur Aufgabe. Platini erklärte dem Fifa-Boss in einem Vier-Augen-Gespräch in Zürich: "Tritt zurück, lass es sein." Platini machte Blatter klar, dass die Fifa einen Neustart brauche - ohne Blatter, der den Verband seit 1998 nach Gutsherrenart beherrscht. "Sepp" habe betroffen reagiert, betonte Platini nach dem Showdown. Doch die Demissions-Forderung wies er zurück. Offensichtlich fiel Platini das Gespräch mit dem Fifa-Lenker nicht leicht: Die beiden kennen sich seit Jahrzehnten. Er empfinde für Blatter noch immer "freundschaftliche" Gefühle, versicherte Platini.

Später, nach einer Krisensitzung mit Mitgliedsverbänden der Uefa, rief Platini zur Wahl des einzig verbliebenen Blatter-Konkurrenten auf. Der jordanische Prinz Ali bin al-Hussein brauche die Unterstützung aller 209 Mitgliedsverbände der Fifa. Eine "sehr, sehr, sehr, große Mehrheit" der 54 europäischen Verbände werde für den Prinzen votieren. Falls er es nicht schaffen sollte, drohte Platini mit Konsequenzen: Ein Rückzug der Europäer aus Fifa-Wettbewerben und -Gremien sei möglich.

Allerdings zeichnete sich ab, dass sich der schwer angeschlagene Amtsinhaber Blatter noch auf eine Mehrheit stützen kann. Dem "Paten" sind vor allem Vereinigungen aus Lateinamerika, Afrika und Asien treu ergeben.

Zunächst hatten Spekulationen die Runde gemacht, wonach die Uefa-Verbände die Wahl Blatters boykottieren könnten. Oder dass die Europäer eine spätere Entscheidung fordern könnten. Die Uefa selbst hatte mit dem Statement "Uefa zeigt dieser Fifa die Rote Karte" vom Mittwoch die Gerüchteküche angeheizt. Darin hieß es: "Aktuell sind die Mitglieder des Uefa-Exekutivkomitees davon überzeugt, dass es zwingenden Bedarf für einen Führungswechsel in dieser Fifa gibt und dass der Fifa-Kongress verschoben werden sollte, um innerhalb der nächsten sechs Monate eine neuerliche Fifa-Präsidentschaftswahl zu organisieren." Doch offensichtlich konnten sich die Befürworter einer harten Anti-Blatter-Linie nicht durchsetzen. Ein Boykott durch die Europäer hätte die Wahl Blatters vollends zur Farce gemacht.

Eine Justiz- und Polizeiaktion gegen die Fifa hatte die Mega-Krise ausgelöst. Das Schweizer Bundesamt für Justiz hatte am Mittwoch sieben hochrangige Fußball-Funktionäre festnehmen lassen, darunter die zwei Fifa-Vizepräsidenten. Die Verhafteten warten jetzt auf die Auslieferung in die USA, wo sie ein Strafverfahren im Zusammenhang mit Bestechungszahlungen von mehr als 100 Millionen US-Dollar erwartet. Ebenfalls am Mittwoch beschlagnahmte die Schweizer Bundesanwaltschaft elektronische Daten und Dokumente in der Zürcher Fifa-Zentrale. Die Bundesanwälte ermitteln zu den undurchsichtigen Vergaben der Fußball-Weltmeisterschaften 2018 und 2022. Der Verdacht: Es floss reichlich Schmiergeld, das auch "gewaschen" wurde.

Blanke Panik vor neuen Enthüllungen herrschte in den Machtzentralen des lateinamerikanischen Fußballs, während die Fans in Rio de Janeiro und Buenos Aires jubeln. In Straßenumfragen gibt es nahezu einhellige Unterstützung für die Aktionen der sonst in Lateinamerika eher kritisch beäugten "Gringo-Justiz aus den USA. Diese kündigte bereits an, dass die bisherigen Ermittlungen erst der Anfang und nicht das Ende seien. Kolumbiens Staatsanwaltschaft will es genau wissen und fordert schon einmal die Unterlagen aus Washington an. Verbandspräsident Luis Bedoya, Mitglied des Fifa-Exekutivkomitees, steht im Verdacht, bei jedem Spiel der Nationalmannschaft kräftig mitverdient zu haben. Und die Vermarktungsagentur, welche die Spiele der Nationalmannschaft um die Superstars James und Falcao meistbietend auch mal nach Bahrain verramscht, ist der US-Justiz im Rahmen des Fifa-Skandals ebenfalls aufgefallen.

Fracksausen herrscht auch in Puerto Rico. Fußball-Verbandspräsident Eduardo Li, dessen Land bei der Brasilien-WM so fröhlich aufspielte, galt in dem mittelamerikanischen Land als Volksheld. Nun droht dem in Zürich Festgenommenen eine jahrelange Haftstrafe wegen Korruption.

In Paraguay wählte Nicolas Leoz einen Abgang im Stil eines gestürzten Diktators. Der 86-jährige Ex-Präsident des südamerikanischen Fußball-Verbands floh in ein Sanatorium, als die Nachricht zu ihm gelangte, nach ihm werde mit internationalem Haftbefehl gefahndet. Da ihm die Klinik gehört, wird er wohl willige Ärzte finden, die ihm die gewünschte Reise- und Verhandlungsunfähigkeit bescheinigen.

Zumindest in Lateinamerika bröckelt Blatters System der Vetternwirtschaft samt Selbstbedienungsladen. Das focht den Fifa-Boss aber so wenig an wie der Vorstoß der Europäer. Er gab sich stur - präsentierte sich gar als Mann mit dem eisernen Besen: "Derartiges Fehlverhalten hat im Fußball keinen Platz." Die Verantwortlichen würden "aus dem Fußball entfernt", beteuerte der Langzeit-Präsident. Die Vorwärtsverteidigung der Fifa folgte dem Motto: Sepp Blatter gehört nicht zu den Verhafteten, er sei nicht in Schmutzgeschäfte verwickelt. Deshalb werde er seine "Mission" fortsetzen. Blatter selbst machte sich in der Öffentlichkeit zunächst rar. So sagte er eine lange angesetzte Rede beim Mediziner-Kongress der Fifa ab. Vor dem Theater 11 in Zürich war schon am Morgen der rote Teppich ausgerollt. In dem futuristisch anmutenden Bau eröffnete die Fifa gegen 17 Uhr ihren 65. Kongress. Lange hatte Blatter eine fröhliche Show geplant, mit ihm als dem strahlenden Hauptdarsteller. Heute soll dann die "Fifa-Familie" im Zürcher Hallenstadion eintreffen, um nach Blatter-Drehbuch die Entscheidungen zu treffen: Absegnen des Geschäftsgebarens der Fifa-Granden - und als Höhepunkt - "Wahl des Präsidenten".

"Die Korruption ist aufgeblüht"

Reaktion Deutsche Sportpolitiker haben eine radikale Kehrtwende der Fifa gefordert. Vor allem ihr Vertrauen in Präsident Joseph Blatter ist tief erschüttert. Der sportpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Eberhard Ginger, erklärte: "Die FIFA sollte einen radikalen Wandel vollziehen." Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) sagte: "Alle Fußballfans haben ein Recht darauf zu erfahren, was besonders im Vorfeld der WM-Vergaben wirklich passiert ist."

Konsequenzen Die Opposition forderte Blatters Rücktritt. "Er darf sich keinen schlanken Fuß machen und sich aus der Verantwortung stehlen", sagte der Fraktionsvize der Linken, Dietmar Bartsch. Die Korruption sei unter seiner Ägide aufgeblüht. Die Fraktionschefin der Grünen, Katrin Göring-Eckardt, verlangte den Rücktritt des Fifa-Exekutivkomitees.