Güterverkehr Fernfahrer – auf dem Weg zum Mangelberuf

Berlin / Dorothee Torebko 24.08.2018

Während um 3.40 Uhr viele Deutsche in ihren Betten schlummern, ist Stefan Neuß längst auf Achse. Der Mann aus Schwendi bei Ulm wuselt zu dieser Zeit um sein Arbeitsgerät herum. Er kontrolliert Lichter, Reifen, Luftdruck. Neuß ist Lkw-Fernfahrer. Fahrer aus Leidenschaft: „Sauwohl fühle ich mich in meinem Job. Sauwohl.“ Doch der 52-Jährige gehört zu einer aussterbenden Art.

Die Logistikbranche hat ein massives Problem. Immer weniger Menschen wollen den Beruf ausüben. Deutschlandweit fehlen 45.000 Fahrer. Im vergangenen Jahr machten 16.500 Auszubildende einen Lkw-Führerschein. Doch das reicht bei langem nicht. Denn jährlich scheiden 30.000 Berufsfahrer aus dem Job aus.

Ohne Lkw-Fahrer käme Wirtschaft zum Erliegen

Dabei sind Lastkraftwagen für eine Industriegesellschaft essentiell. Lkw-Fahrer transportieren Teile zu Autobauern, liefern Gemüse und Kleidung. Ohne sie würde die Wirtschaft zum Erliegen kommen. Dennoch werden sie von vielen geringgeschätzt.

Das bestätigt Matthias Strehl, Geschäftsführer beim Logistik- und Speditionsunternehmen Ludwig Meyer im Rhein-Main-Gebiet. Der Mittelständler liefert mit 1100 Lkw und 1700 Kraftfahrern Lebensmittel an Supermärkte aus – und steht für viele andere Logistikfirmen in Deutschland. „Früher gab es den König der Straße. Heute sind wir in der öffentlichen Wahrnehmung nur noch diejenigen, die die Staus verursachen und die Umwelt versauen“, bedauert der Spediteur. „Jeder will schnell sein Päckchen haben, das er online bestellt hat. Aber was glauben denn die Menschen, wer das liefert?“

Fehlende Wertschätzung, wenig Lohn

Auch Stefan Neuß, der gerade seinen Lkw durch den Schwarzwald manövriert, ist frustriert. „Die Wertschätzung für unseren Beruf ist kaum noch da.“ Er spürt die fehlende Akzeptanz nicht nur im Bekanntenkreis. „Wenn ich in Spanien oder Frankreich an den Raststätten bin, kann ich dort umsonst duschen und die Toilette benutzen. In Deutschland muss ich für alles zahlen.“

Doch das ist nicht das einzige Problem. Der Stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung e. V. (BGL), Adolf Zobel, verweist auf unregelmäßige Arbeitszeiten, geringe Entlohnung und enormen Zeitdruck. Fahrer verdienen im ersten Lehrjahr im Schnitt 600 Euro. Das Einstiegsgehalt nach drei Jahren Ausbildung liegt bei gut 2000 bis 2500 Euro brutto. Nur noch wenige Fahrer werden von der Bundeswehr ausgebildet. Sie fehlen auf den Straßen.

Digitale Ansätze

Logistiker Strehl versucht, neue Mitarbeiter mit Karriereperspektiven, planbarer Arbeitszeit und Lohnerhöhungen anzulocken. Und mit digitalen Innovationen: Mittels einer eigenen News-App informiert das Unternehmen seine Fahrer über Internes, Technik und Kunden. Doch das reicht Strehl nicht. Er fordert von der Politik eine breit angelegte Kampagne: „Dann würde auch die Akzeptanz steigen.“

Einen digitalen Ansatz verfolgt das Start-up Pinetco, das das Projekt Road Heroes – Helden der Straße – betreibt. Patrick Schulz und Pascal Kemp vermitteln Fahrer für eine Gebühr von 100 Euro an Unternehmen. Der Unterschied zu gewöhnlichen Headhuntern: „Wir wollen zunächst eine Gemeinschaft etablieren, in der die Fahrer Spaß haben“, sagt Schulz. Auf Facebook tauschen sich die Heroes über Probleme aus, teilen Bilder von monströsen Lkw, kommentieren. Über die Internetseite bringt Pinetco Fahrer mit Unternehmen zusammen. Mit Erfolg. Von 4300 angemeldeten Fahrern hat das Start-up 2000 vermittelt.

Autonom fahrende Lkw nicht in Sicht

Auch die Verbände steuern dem Fachkräftemangel entgegen. Der BGL will Arbeitskräfte aus dem Nicht-EU-Ausland gewinnen. Damit das möglich ist, muss die Bundesagentur für Arbeit das Berufsbild in die Positivliste der Mangelberufe aufnehmen. Denn nur so können die hohen bürokratischen Hürden zur Anerkennung ausländischer Führerscheine abgebaut werden.

Doch ist das Fachkräfteproblem der Branche mit autonom fahrenden Lkw nicht ohnehin bald gelöst? „Solche Diskussionen, dass bald alles besser wird, weil wir keine Fahrer mehr brauchen werden, sind kontraproduktiv. Es hilft nicht, den akuten Fahrermangel zu beheben“, sagt Zobel. „Ich sehe in den nächsten 10 bis 20 Jahren noch nicht, dass autonome 40-Tonner über die Autobahnen fahren.“

Bis es soweit sein könnte, ist Stefan Neuß längst in Rente. Der 52-Jährige wünscht sich für die kommenden Arbeitsjahre vor allem eines: „Die Verkehrsteilnehmer sollten mehr aufeinander achten. Weniger auf die Lkw-Fahrer schimpfen und drängeln. Das erleichtert nicht nur uns den Job, sondern allen anderen auch das Leben.“

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