Verkehr Feinstaub belastet wie zwei Monate rauchen

Das Röntgenbild einer Lunge: Ob Feinstaub dieses Organ schädigt, stellen Experten in Frage.
Das Röntgenbild einer Lunge: Ob Feinstaub dieses Organ schädigt, stellen Experten in Frage. © Foto: Silas Stein/dpa
Berlin / Dieter Keller 24.01.2019
Ist die Anfag vor Luftschadstoffen wie Feinstaub und Stickoxid übertrieben? Das meint ein renommierter Lungenfacharzt.

Zwei Experten – zwei Meinungen. Mindestens. Es gibt kaum eine Erkenntnis von Wissenschaftlern, bei der nicht andere zu gegensätzlichen Ergebnissen kommen. So ist das auch bei den Schadstoffen in der Luft. Es gibt dramatische Zahlen, wie viele Todesfälle auf die langfristige Belastung durch Feinstaub und Stickstoffdioxid zurückzuführen sind. Der Lungenfacharzt Dieter Köhler hält sie für Unsinn: Wäre die Luftverschmutzung ein so großes Risiko wie das Rauchen, dann müssten die meisten Raucher nach wenigen Monaten tot sein, „was offensichtlich nicht der Fall ist“.

Der 70-Jährige war nicht nur Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie (Lungenheilkunde) (DGP), sondern auch jahrzehntelang Chef einer Lungenfachklinik in Nordrhein-Westfalen. Seine praktische Erfahrung: Lungenärzte sehen in ihren Praxen und Kliniken täglich Todesfälle durch Lungenkrebs, aber nie welche, die auf Feinstaub und NOx zurückzuführen wären.

Der Arzt wird noch deutlicher: Wer täglich eine Packung Zigarettten raucht, kommt in weniger als zwei Monaten auf die gleiche Dosis Feinstaub wie ein Nichraucher in 80 Jahren. Ähnlich sehe es bei NOx aus. Diese Erkenntnisse verschickte er an alle 3800 DGP-Mitglieder. Vorsorglich merkte er im Begleitbrief an, er gehörte „zu den wenigen Experten in diesem Bereich“, da er sich vor 35 Jahren darüber habilitiert habe. Zudem gehöre er keiner Interessengruppe an. Seiner Aufforderung, dieser Stellungnahme inhaltlich zuzustimmen, folgten bisher über 100 Kollegen.

Dumm nur, dass seine Nachfolger bei der DGP entgegengesetzter Meinung sind. „Studien zeigen, dass die Feinstaubbelastung durch Landwirtschaft, Industrie und Verkehr gesundheitsschädlich ist“, schrieben sie vor zwei Monaten in einem Positionspapier unmissverständlich. Dadurch verliere die deutsche Bevölkerung jährlich 600.000 Lebensjahre. Klingt dramatisch. Der Griff zum Taschenrechner zeigt; Heruntergebrochen auf 82 Millionen Bundesbürgern entspricht das knapp drei Tagen pro Jahr. „Besonders betroffen sind ältere oder chronisch kranke Menschen sowie kleine Kinder.“

Köhlers Erkenntnisse lassen die Bundesregierung aufhorchen, wenn auch je nach Ressort und Parteibuch unterschiedlich. Die Bundesregierung habe sie „mit Aufmerksamkeit registriert“, beeilt sich die stellvertretende Regierungssprecherin Martina Fietz zu erklären. Es sei wichtig, „alle Sichtweisen zu berücksichtigen“. Endlich Munition gegen unpopuläre Fahrverbote?

Auch Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) ist elektrisiert: „Der wissenschaftliche Ansatz hat das Gewicht, den Ansatz des Verbietens, Einschränkens und Verärgerns zu überwinden“, erklärt er prompt. Die Initiative helfe mit, „Sachlichkeit und Fakten in die Diesel-Debatte zu bringen.“ Das SPD-regierte Umweltministerium dagegen ist auf der offiziellen Linie der DGP: Die Definition der bestehenden Grenzwerte stehe auf solider wissenschaftlicher Basis, sie orientierten sich am Vorsorgegedanken. Seit 2010 ist sie in der EU fest vereinbart.

Daher ist sie rechtlich bindend; Deutschland kann sich nicht einfach darüber hinwegsetzen. Das macht die Forderung von FDP-Fraktionsvize Frank Sitta nach einem Moratorium für Stickoxid-Grenzewerte wenig aussichsreich. Beim ADAC weiß man es besser: Die EU-Kommission müsse die wissenschaftliche Grundlage ihrer Grenzwerte rasch unter die Lupe nehmen.

Diesel beschäftigt auch Verkehrsgerichtstag

Das Thema Diesel hält der Präsident des Deutschen Verkehrsgerichtstags, Kay Nehm, für „eine der größten politischen Fehlleistungen der letzten Jahrzehnte“. Der Vizepräsident Ansgar Staudinger sagte unserer Zeitung zur Grenzwert-Debatte: „Ich bin dankbar für solche Stellungnahmen. Denn ein Richtwert kann nicht nur juristisch, sondern auch medizinisch beurteilt werden. Darüber zu diskutieren ist richtig, denn die Folgen – Fahrverbote – sind für viele Menschen spürbar.“ Der Verkehrsgerichtstag diskutiert, ob Fahrverbote verhältnismäßig sind und ob eine Nachrüstung auf Kosten der Hersteller ein realistisches Ziel ist. dot

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