Leitartikel Ulrike Sosalla zum Umgang mit sozialen Medien Facebook und Instagram spiegeln unsere Abgründe

Ulrike Sosalla Autorenfoto
Ulrike Sosalla Autorenfoto © Foto: Volkmar Könneke
Ulm / Ulrike Sosalla 10.01.2019

Dass in den sozialen Medien die Empörungswellen häufig hoch schlagen, daran haben wir uns gewöhnt. Doch der Rückzug des Grünen-Chefs Robert Habeck aus Facebook und Twitter zeigt, dass auch die Plattformen selbst Stoff für hitzige Debatten bieten. Häme, Zuspruch, Neid – Habecks Entscheidung löste fast ebenso widersprüchliche Reaktionen aus wie der Auslöser des Ganzen, ein missglücktes Wahlkampf-Video zu Thüringen. Der Abschied des Politikers berührt eine hoch emotionale Frage: Wie halten wir es mit unserer virtuellen Persönlichkeit? Wie gehen wir mit dem Alter Ego um, das unsere Mitmenschen sehen, wenn wir in sozialen Medien unterwegs sind? Und dürfen Politiker uns diesen Einblick so einfach vorenthalten?

Auf Facebook, Instagram und Twitter zeigen Menschen zuweilen mehr von sich selbst als in ihrem alltäglichen Umfeld – oder sie zeigen andere Seiten. Die Plattformen sind ein Spiegel der menschlichen Sehnsüchte, aber auch der Abgründe. Sie faszinieren, locken den Voyeur und den Selbstdarsteller in uns hervor. Sie belohnen die Extreme und strafen das Mittelmaß, die Unauffälligen, die Nachdenklichen mit Missachtung. Sie sind wie eine Fußgängerzone voller Menschen, die flanieren und sich unterhalten, und in der einige Kunststücke vollführen oder Reden schwingen. Wie im echten Leben bleiben die meisten Zuschauer dort stehen, wo es am lautesten und am schrillsten zugeht. Anders als in der Fußgängerzone fördern die Algorithmen der Anbieter diesen Effekt noch, indem sie die meistgeklickten und -kommentierten Beiträge prominent platzieren und so einen Schneeballeffekt auslösen.

Wer dabei mitspielen will, gerät selbst schnell ins Extreme – wie Robert Habeck und Franck Ribéry auf unterschiedliche Weise erfahren haben. Prominente und Politiker haben es dabei schwerer als Privatleute. Sie können nicht passiv bleiben, sie sind automatisch Schausteller in der virtuellen Fußgängerzone. Und sie treffen dort auf erschreckend viele Menschen, die im Netz, angetrieben von den gnadenlosen Algorithmen, einen aggressiven, anmaßenden Teil ihrer Persönlichkeit kultivieren. Das meint Habeck, wenn er von der Aggressivität spricht, die Twitter hervorbringt.

Doch es gibt auch andere Seiten. Wer darauf verzichtet, nach Klicks und Likes zu gieren, kann sich am Rand halten, kann Dialoge führen und Gruppen abseits der großen Menschentrauben entdecken, in denen miteinander gesprochen, geherzt und gescherzt wird. Viele Menschen finden Gleichgesinnte, die sie im realen Umfeld vermissen, und nutzen die Plattformen zur Vernetzung und Information.

Für die meisten von uns, die weder geborene Selbstdarsteller noch Narzissten sind, wäre es eine Erleichterung, wenn diese positive Seite der sozialen Medien mehr Gewicht bekäme. Doch von allein wird das nicht geschehen – es hängt von den Menschen ab, die dort aktiv sind. Politiker und Prominente können einen kleinen Teil dazu beitragen: Wenn sie auf billige Effekte verzichten und die Stimmen der Vernunft unterstützen.

leitartikel@swp.de

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel