Vor fünf Jahren hat der Amoklauf von Winnenden Deutschland erschüttert. Haben wir als Gesellschaft etwas daraus gelernt?
BRITTA BANNENBERG: Seit Winnenden hat sich ganz klar etwas verändert - auch wenn ich finde, es ist noch nicht genug. Vor allem an den Schulen ist die Sensibilität stark gestiegen. Wenn heute Erstsemester zu uns an die Universität kommen, haben viele zuvor schon Erfahrungen mit Amokdrohungen oder Übungen für den Ernstfall gemacht. Das war früher nicht so. Es hat auch seit Winnenden keine so furchtbare Tat mehr gegeben. Das ist nicht selbstverständlich.

Der Eindruck damals war der einer Tat aus dem Nichts, begangen von einem unscheinbaren Jungen aus gutem Hause. Ist das Bild realistisch?
BANNENBERG: Für Betroffene wird der Eindruck immer so sein. Wer rechnet schon mit solch einer Tat in seinem Umfeld? Doch wenn man als Wissenschaftler auf die Fälle schaut, wird klar: Diese Jungen sind durchaus hoch auffällig, wenn auch nicht als aggressive Gewalttäter.

Sie kommen in Ihren Studien zu der Ansicht, dass die Täter an Persönlichkeitsstörungen leiden.
BANNENBERG: Ja, das ist eindeutig. Sie sind alle persönlichkeitsgestört. Wir haben in unseren Studien keinen Fall gefunden, den man als normalpsychologisch einordnen würde. Meist kann man von einer schizotypischen Störung sprechen: Es sind zurückgezogene, stille Einzelgänger, die genau darunter sehr leiden. Sie suchen Kontakte, finden jedoch keine Freunde, kommen bei Gleichaltrigen nicht an, schon gar nicht bei Mädchen. Sie sind sehr kränkbar, ärgern sich extrem über Kleinigkeiten - und reagieren mit Hass, Rache- und Gewaltfantasien, in die sie sich oft über Jahre hineinsteigern. Sie studieren im Internet Vorbilder für bekannte Amokläufe - und planen den ultimativen Abgang, bei dem die ganze Welt zuschaut.

Wo kann man eingreifen?
BANNENBERG: Man kann ganz klar sagen, dass die Schulen die besten Möglichkeiten haben, solche Taten zu verhindern. Viele Schüler merken es, wenn sich ein Mitschüler sonderbar benimmt oder ihnen Angst macht. Wenn dann jemand offen oder verklausuliert mit einem Amoklauf droht, muss reagiert werden, dann geht es darum, der Drohung auf den Grund zu gehen. Man muss wissen: Was steckt dahinter?

Ist das so eindeutig zu klären?
BANNENBERG: Pro Jahr werden 300 bis 400 Amokdrohungen an Schulen bekannt. 2009, nach Winnenden, waren es fast 3000. Wir können mittlerweile aus empirischer Forschung sagen: Etwa die Hälfte der Jugendlichen, die solche Drohungen ausstoßen, sind nur Sprücheklopfer, die es überhaupt nicht ernst meinen. Ein weiterer Teil will Aufmerksamkeit erregen und hat vielleicht Probleme, plant aber ebenfalls keine Tat. Die, die uns Sorgen machen müssen, drohen meist verklausuliert - und planen schon still und heimlich. Die sind es, die man herausfiltern muss.

Ist das so einfach?
BANNENBERG: Es gelingt immer besser: Mit Krisenteams an Schulen, mit geschulter Polizei, die sich im Bedrohungsmanagement auskennt, mit einer Justiz, die die Spreu vom Weizen trennen kann - und kompetenten Psychiatrien. Das alles ist noch nicht perfekt, aber es wird besser. Es werden ja viele junge Täter im Vorfeld entdeckt.

Heißt das, dass seit Winnenden Amokläufe verhindert wurden?
BANNENBERG: Selbstverständlich sind Taten verhindert worden - nur wird das natürlich meist nicht publik. Wir können das sicher sagen, weil wir etliche Fälle untersucht und Akten analysiert haben. Dadurch, dass man den Drohungen nachgegangen ist, sind einige aufgefallen, die sehr weit waren in ihrer Planung. Da lagen die Waffen und der Abschiedsbrief schon bereit.

Was geschieht dann?
BANNENBERG: Es erfolgt fast immer eine längere Unterbringung in der Psychiatrie. Die gute Nachricht ist: Die Interventionen scheinen zu wirken. Bisher ist es nach der Entlassung nie mehr zu einer Tat gekommen. Diese Jungen sind ja keine hoffnungslosen Fälle. Das sind Jugendliche, die enorme Probleme haben, die aber ansprechbar sind mit den Mitteln der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Wenn sie sich therapieren lassen, erkennen manche auch sehr schnell, dass es ihnen hilft und sie ihr Leben doch in den Griff bekommen.

Ist diese Prävention wichtiger als Debatten über Waffen und Killerspiele?
BANNENBERG: Den größten Effekt bringt Sensibilität an den Schulen. Wenn man Folgen im schlimmsten Fall mildern will, wäre eine weitere Verschärfung des Waffenrechts absolut wünschenswert. Gewaltspiele wird man nicht aus der Welt schaffen können. Man kann aber an Eltern appellieren: In vielen Fällen haben sie es über Jahre einfach hingenommen, dass ihre Söhne sich in diesen Welten bewegten.

Finden Sie es richtig, dass sich Hinterbliebene im Aktionsbündnis in die politische Debatte einschalten?
BANNENBERG: Selbstverständlich. Es muss einem nicht jede These gefallen. Aber an den teils aggressiven Reaktionen wird ja deutlich, wie notwendig es ist, dass jemand den Finger in die Wunde legt. Für viele Opfer ist es auch ein Forum, die Tat zu bewältigen. Wenn Sie nach Norwegen sehen und die Reaktionen nach dem Fall Breivik betrachten, hat man das Gefühl, dass die dortige Gesellschaft viel mehr zusammensteht, viel solidarischer mit den Opfern ist. Das Gefühl habe ich in Deutschland keineswegs. Ich glaube, da ist noch einiges zu tun.

Dutzende Fälle weltweit analysiert