Atomstrom Experten warnen vor höherer Atomstromproduktion in Gundremmingen

Gundremmingen / MARTIN HOFMANN 11.11.2013
Deutliche Warnung an die Aufsichtsbehörden in Berlin und München. Atomkraftexperten halten die zwei Reaktoren in Gundremmingen nicht für geeignet, mehr Strom zu liefern. Die Betreiber fordern dies.

In Fernsehspots geben die Stromkonzerne RWE und Eon gern die Vorkämpfer für erneuerbare Energien. Peter Terium, RWE-Vorstandschef, formuliert als Ziel des Unternehmens, künftig nur noch in diese Richtung Geld zu investieren.

Dazu passt nicht, dass beide Unternehmen versuchen, mehr Strom aus den zwei Siedewasserreaktoren in Gundremmingen an der Donau herauszuholen. Ihr Antrag: Die Blöcke B und C sollen 4000 statt bisher 3860 Megawatt elektrische Leistung bringen. Dabei wird der 1984 ans Netz gegangene Block B in vier Jahren, der ein Jahr jüngere Reaktor Ende 2021 abgeschaltet.

Mit der Genehmigung der "Leistungserhöhung" könnte es schnell gehen, befürchten Gegner der Atomanlage, die 30 Kilometer vom Ballungszentrum Ulm entfernt liegt. Der Grund: Haben sich Union und SPD auf eine Koalition geeinigt, könnte das Bundesumweltministerium künftig von einem Genossen geleitet werden. Dann könnte das Ansinnen der Betreiber weit kritischer beurteilt werden als unter CDU-Minister Peter Altmaier. Deshalb würde wohl die Zeit bis zur Regierungsbildung genutzt.

Nun hat der atomkritische Verein "Forum gegen das Zwischenlager" bei zwei Experten eine Studie in Auftrag gegeben, die sich mit den Risiken dieser Leistungserweiterung auseinandersetzt. Prof. Wolfgang Renneberg, früher Leiter der Abteilung Reaktorsicherheit im Bundesumweltministerium, hat zusammen mit Kraftwerksingenieur Dieter Majer - früher ebenfalls im Ministerium tätig - das Begehr der Betreiber untersucht. Am Dienstag wird das 42-seitige Papier vorgestellt.

Das Urteil der Experten: Der Antrag der Betreiber ist nicht "genehmigungsfähig". Dafür gebe es zahlreiche Gründe. So setze eine Genehmigung voraus, dass die von der Leistungserhöhung betroffenen Anlagenteile dem aktuellen Stand der Wissenschaft und Technik entsprechen müssen. Dies sei in vielen Bereichen aber nicht der Fall, meinen die zwei Fachleute. Da geht es um die Bodenschweißnaht des Reaktordruckbehälters, in dem die Kernspaltung abläuft und das Wasser zum Sieden gebracht wird. Dass die Naht erhöhten Spannungen standhalte und die erforderlichen Sicherheitsreserven biete, habe der Betreiber und seine Gutachter den Aufsichtsbehörden in Berlin und München nicht nachgewiesen. Sie ist aber die Voraussetzung für eine Genehmigung.

Nun wendet Michael Trobitz, Leiter des Kraftwerks, ein, dass die elektrische Leistung der Blöcke nur um je 20 Megawatt erhöht werden soll. Dabei würde der Druck nicht gesteigert, sondern nur mehr Wasser durch den Reaktor gepumpt. Die Studie lässt diesen Einwand jedoch nicht gelten. Denn die gesamte Anlage würde stärker belastet. Dies wirke sich auf den Druckbehälter wie auf seine Durchleitungen aus.

Für nicht leistungsfähig genug halten Renneberg und Majer auch das Not- und Nachkühlsystem der Reaktoren. Sie entsprächen ebenfalls nicht dem heutigen Stand der Wissenschaft und Technik und könnten höhere Wärmelasten nicht abführen.

Für die Anlage existieren nach Ansicht der Experten auch nur mangelhafte Nachweise, dass sie ein 10,000-jährliches Hochwasser unbeschadet übersteht. Diese seien aber die Voraussetzung dafür, dass ein höheres Inventar an Spaltprodukten durch sogenannte Mischoxid-Brennelemente eingesetzt werden kann. Lägen solche Belege beim Antrag auf Leistungserhöhung nicht vor, könne diese von den Behörden nicht akzeptiert werden.

Noch nicht nachgerüstet sind in Gundremmingen Gerätschaften, die das Entstehen von Wasserstoff in den Brennelemente-Abklingbecken verhindern. Diese Vorsorge gegen Explosionen, wie sie in der havarierten japanischen Atomanlage Fukushima passiert sind, ist laut Reenberg/Majer ebenfalls eine Grundvoraussetzung für die Genehmigung einer Leistungserhöhung.

Die zwei früheren Aufsichtsbeamten bemängeln auch, dass das Kraftwerk an der Donau nicht gegen Erdbeben gesichert ist, die alle 100.000 Jahre auftreten können. Diese Vorgabe sei nach den neuen Regeln für das Betreiben von Kernkraftwerken erforderlich. Der Grund dafür: Die Siedewasserreaktoren verfügen zwar über drei Notkühlsysteme. Allerdings kann eines davon ein solches Erdbeben nicht sicher überstehen. Um das zwingend notwendige Kühlen der heißen Brennelemente nach einer Abschaltung zu gewährleisten, verfügten die Blöcke dann nicht mehr über zwei unabhängig voneinander laufende Kühlkreisläufe. Die vorhandenen Systeme müssten die gleichen Leitungen nutzen. Würden diese durch Erschütterungen beeinträchtigt, sei die Kühlung nicht sichergestellt. Solche Erschütterungen könnten auch durch Absturz eines größeren Passagierflugzeugs auftreten. Ein solches Ereignis würden die Reaktordruckbehälter ohnehin nicht überstehen.

Nun wächst die Spannung, wie die Umweltministerien in Berlin und München als Genehmigungsbehörden auf die Studie reagieren. Mitte Oktober hatte Altmaiers Haus der Grünen-Abgeordneten Sylvia Kotting-Uhl mitgeteilt, dass man zu dem Antrag der Betreiber noch nicht Stellung genommen habe. Die nächste Anfrage kommt bestimmt.

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