Jesidin Experte: Rückkehr in den Irak schwer nachvollziehbar

Der Trauma­tologe Jan Ilhan  Kizilhan in ­einem Flüchtlingslager im Nordirak.
Der Trauma­tologe Jan Ilhan Kizilhan in ­einem Flüchtlingslager im Nordirak. © Foto: Stefanie Järkel/dpa
Stuttgart / lsw 24.08.2018

Die Jesidin Aschwak Hadschi Hamid Talo will in Schwäbisch Gmünd (Ostalbkreis) ihren einstigen Peiniger wiedererkannt haben. Sie fühlte sich von der Polizei nicht ernst genommen. Aus Angst flüchtete sie zurück in den Nordirak. Der Psychologe Jan Ilhan Kizilhan kennt die Jesidinnen, die mit einem Sonderkontingent des Landes Baden-Württemberg nach Deutschland einreisten.

Eine Jesidin sagt, sie habe in
Schwäbisch Gmünd ihren Peiniger wiedergetroffen. Halten Sie diese Schilderung für glaubhaft?

Jan Ilhan Kizilhan: Die eine Variante ist, sie hat ihn tatsächlich gesehen. Es gibt aber aus psychotraumatologischer Sicht noch eine zweite Variante: Sie glaubt, diese Person gesehen zu haben, obwohl sie es nicht war. Beiden Möglichkeiten muss man genau nachgehen.

Die Frau sagt, sie sei von der Polizei nicht ernst genommen worden, und sie sei aus Angst wieder in den
Nordirak zurückgegangen. Ist das
für Sie plausibel?

Das ist für mich sehr schwer nachzuvollziehen. Ich bin etwa zehn bis zwölf Mal jährlich im Irak. Man kann die Sicherheit Deutschlands nicht mit der im Nordirak vergleichen. Es gibt dort immer noch eine hohe Zahl von IS-Kämpfern.

Was geht in den Opfern vor, wenn
sie ihren Tätern tatsächlich wieder begegnen?

Das ist erst einmal ein Schock für sie. Entweder sie sind nicht in der Lage, wegzulaufen oder zu schreien, weil bei ihnen in der Situation das Trauma wieder hochkommt, also die Gewalt, die Vergewaltigung. Oder sie versuchen zu fliehen und Hilfe zu holen.

Man hört, dass einige Jesidinnen beim Anblick von bärtigen Männern Angst bekommen.

Das ist richtig. Das ist ein Trigger, ein Reiz. Sobald sie einen bärtigen, islamisch aussehenden Mann sehen, kommen die Erinnerungen an den Täter wieder hoch. Wir haben eine erste Gruppe von Frauen 2015 über Istanbul nach Baden-Württemberg geflogen. In der Zeit war Hadsch, also die muslimische Pilgerreise nach Mekka. Da waren viele Muslime in traditioneller Kleidung am internationalen Flughafen unterwegs. Es gab Frauen, die in Ohnmacht gefallen sind, als sie diese Menschen gesehen haben.

Wie viele von den tausend Frauen, die Baden-Württemberg aus dem Nordirak geholt hat, sind denn
traumatisiert?

Ich habe die Frauen alle 2015 vor Ort selbst untersucht. Mehr als 90 Prozent erfüllen die Kriterien einer posttraumatischen Belastungsstörung und sind behandlungsbedürftig. Das war ja auch ein Grund, weshalb wir sie ausgesucht haben. Die meisten Frauen finden sich mittlerweile hier zurecht. Das bedeutet nicht, dass sie geheilt sind. Die meisten haben aber gelernt, mit dem Trauma umzugehen.

Wie läuft denn eine Trauma­behandlung ab?

Die Frauen müssen sich erst einmal hier orientieren. Viele kommen aus ländlichen Gegenden und waren noch nie in einer Großstadt, erst recht nicht in Europa. Sie müssen etwa lernen, wie man zu einem Arzt und selber einkaufen geht. Wenn sie stabil sind, empfehlen wir, dass sie mit einem Therapeuten über ihr Trauma sprechen, um es zu verarbeiten. Viele haben nachts Alpträume. In der Therapie lernen sie, die Kontrolle über diese wiederkehrenden Bilder zu bekommen.

Wie lange dauert so eine Trauma­behandlung?

Je jünger die Frauen sind, desto eher können sie mit einem Trauma umgehen und sich auch in die Gesellschaft integrieren. Wir haben junge Mädchen, die kamen ganz in Schwarz gekleidet und mit Kopftuch im Südwesten an. Jetzt kleiden sie sich westlich und schminken sich. Ältere Frauen hadern hingegen sehr stark mit dem, was sie erlebt haben, mit dem Gefühl der eigenen Schuld und der Scham und dem Glauben, ihre Ehre verloren zu haben durch das, was passiert ist – obwohl sie für das Geschehene nichts können.

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Leiter des Sonderprogramms

Zur Person Jan Ilhan Kizilhan (52) ist Psychologe, Orientalist und Psychotherapeut. Er leitet das Sonderprogramm der Landesregierung zur Aufnahme von jesidischen Kriegsopfern. Im Nordirak gründete er unter Federführung des Wissenschaftsministeriums ein Institut für Psychotherapie und Psychotraumatologie, um Fachkräfte vor Ort auszubilden. dpa

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