Missbrauch Experte: Missbrauchsstudie nur „Spitze des Eisbergs“

Die Mitglieder der Deutschen Bischofskonferenz stehen beim Eröffnungsgottesdienst der Herbst-Vollversammlung in Fulda.
Die Mitglieder der Deutschen Bischofskonferenz stehen beim Eröffnungsgottesdienst der Herbst-Vollversammlung in Fulda. © Foto: Arne Dedert/dpa
Fulda / Elisabeth Zoll 26.09.2018

Es sind schwer zu verdauende Zustandsbeschreibungen: Von einer „Spitze des Eisbergs“ spricht Professor Harald Dreßing, der Koordinator der Missbrauchsstudie, die im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz erstellt wurde. Ihn hätten das Ausmaß der sexuellen Verbrechen und der Umgang der Kirche mit Opfern und Tätern „erschüttert“. Und das, obwohl er als psychologischer Forensiker mit 30 Jahren Erfahrung eine berufliche Distanz zum Thema habe.

Der Missbrauch in der katholischen Kirche sei kein „historisches Phänomen“. Bei ihm handele es sich um eine anhaltende Problematik. Dem habe sich die Kirche zu stellen. Bisherige Aufarbeitungsbemühungen reichten nicht. Auch die 2010 beschlossenen kirchlichen Richtlinien greifen zu kurz. Diese werden zum einen in den 27 Diözesen mit unterschiedlicher Ernsthaftigkeit angewendet. Zum anderen zielen sie noch stark auf persönliches Versagen. Das räumte auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, ein. „Wir haben das System nicht bedacht.“ Dabei liegt genau dort ein wesentlicher Teil des Problems – bei den Verbrechen selbst und bei der nun nachgewiesenen häufigen Vertuschung. „Ich schäme mich, weil wir nicht genau hingeschaut haben“, sagte Marx.

Leidtragende im katholischen Bereich waren in auffälliger Weise Jungen. „Weder Homosexualität noch Zölibat sind alleinige Ursachen für den sexuellen Missbrauch von Minderjährigen“, betont Professor Dreßing. „Aber das komplexe Zusammenspiel von sexueller Unreife und abgewehrten und verleugneten homosexuellen Neigungen in einer ambivalenten, teilweise auch offen homophoben Umgebung können eine Erklärung für das Überwiegen männlicher Betroffener beim sexuellen Missbrauch durch katholische Kleriker bieten.“

Roswitha Müller-Piepenkötter, Vorsitzende der Opferschutz-Organisation Weißer Ring und Mitglied im Beirat des verantwortlichen Forschungskonsortiums, hat ihre Forderungen an die Bischöfe bereits formuliert: Verantwortliche für Verbrechen und Vertuschung müssten benannt, die Machtstrukturen der Kirche aufgebrochen und die oft lebenslangen Folgen für die Opfer bei Entschädigungen und Prävention neu bedacht werden. Jedoch nicht nach alleinigem Gutdünken der Kirche. „Die Würde der Opfer gebietet es, dass Präventions- und Interventionskonzepte nicht ohne sie und über ihre Köpfe hinweg entwickelt und durchgeführt werden.“

 Matthias Klatsch, Vorsitzender der Opferorganisation Eckiger Tisch, erwartet von der Kirche  „die Bereitschaft, eine unabhängige Aufarbeitung der Verbrechen aktiv zu unterstützen“. Zudem müsse sie in Anerkennung ihrer Verantwortung als Institution mit den Opfern über angemessene Entschädigung sprechen.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel