Evelyne Gebhardt (SPD) ist Expertin für Binnenmarkt

Ihre fünfte Kandidatur: Evelyne Gebhardt.
Ihre fünfte Kandidatur: Evelyne Gebhardt. © Foto: Marc Weigert
AXEL HABERMEHL 13.05.2014
Evelyne Gebhardt steht in einem Mehrzweckraum der Esslinger IHK-Zentrale und beginnt sich zu ärgern. Draußen ist nach einem schönen Frühlingstag gerade die Sonne untergegangen, drinnen riecht es nach Catering-Essen. In Stuhlreihen sitzen etwa 50 Zuhörer.

Evelyne Gebhardt steht in einem Mehrzweckraum der Esslinger IHK-Zentrale und beginnt sich zu ärgern. Draußen ist nach einem schönen Frühlingstag gerade die Sonne untergegangen, drinnen riecht es nach Catering-Essen. In Stuhlreihen sitzen etwa 50 Zuhörer. Vorne, an Stehtischen, lehnen neben der SPD-Europaabgeordneten zwei Kollegen von CDU und FDP und eine Grünen-Landtagsabgeordnete. Europawahlkampf beim sogenannten Mittelstand.

Gastgeber sind die Wirtschaftsjunioren, auf der Einladung ist die Rede von "Bankenkrise, Staatsbankrott, Eurobonds", darunter steht: "Als Unternehmer wüsste man es gerne etwas genauer." Dieses "etwas genauer" wird also jetzt von den Politikern erwartet.

Es ist wie bei jeder Wahl. Je näher der Termin rückt, desto süßer duftet die Versuchung, dem Bürger nach dem Mund zu reden - auch für EU-Abgeordnete. Viele reden dann von Griechenland, davon, dass man streng kontrolliere, ob Athen und andere "Schuldenländer" ihren Verpflichtungen nachkommen. Oder, dass man genau prüfe, was mit dem Geld aus den EU-Fonds passiert.

Evelyne Gebhardt, Künzelsauer SPD-Abgeordnete und seit 20 Jahren im EU-Parlament, lehnt sich an den Stehtisch und sagt stattdessen, ihre Vision von Europa sei "der große Traum von Victor Hugo: die Vereinigten Staaten von Europa". Der Staatenbund also. Das große, umstrittene Ziel. Kein besonders opportunistischer Satz in Zeiten, in denen EU-Zweifler immer lauter werden. Gebhardt, die bei der Wahl einen sicheren Listenplatz hat, sagt ihn nicht zum ersten Mal, aber hier entfaltet der Satz besondere Wirkung. Im Publikum wird getuschelt.

Zu Beginn der Diskussion geht es wie angekündigt um Schuldenstaaten und Eurobonds. Gebhardt gerät in die Defensive. Nein, sie sei nicht von der sozialistischen Fraktion, wie der Moderator bei ihrer Vorstellung gesagt hat, sondern von der sozialdemokratischen. Und nein, Eurobonds, gemeinsame Staatsanleihen der EU-Länder, schließe die SPD nicht aus. Als der Moderator schließlich fragt: "Wie deutsch wird Europa?", sagt sie fast zornig: "Das ist eine blöde Frage." Die Kollegen der anderen Parteien nicken zustimmend, aber als Gebhardt ausführt, warum die Frage blöd sei, kommt im Publikum Geraune auf, weil sich die zierliche Frau mit dem französischen Akzent ein paar Mal verhaspelt. Eine deutsche EU-Abgeordnete, die wie eine Französin klingt?

Evelyne Gebhardt hat deutsch erst in der Schule gelernt. Sie wurde 1954 in einem Pariser Arbeiterhaushalt geboren. "In meiner Familie galt Politik als etwas Schmutziges", erinnert sie sich an ihre Kindheit. Sie habe auch nie Politikerin werden wollen, sondern Übersetzerin. Also studierte sie Sprachwissenschaften, dazu Politik und Volkswirtschaft. Das Studium führte sie nach Tübingen und Stuttgart, und als sie ihren Abschluss hatte, zog sie, der Liebe wegen, nach Hohenlohe.

Das war 1975. Die EU hieß damals noch EG und war längst nicht so eng verwachsen wie heute. Für die Mittzwanzigerin Gebhardt hieß das auch, dass an der Grenze ihr Pass kontrolliert und ihr Studienabschluss hier nicht anerkannt wurde. Diese Erfahrungen, besser die Bemühung, solche Hemmnisse zu überwinden, sind so etwas wie der Kern ihrer politischen Arbeit geworden: Binnenmarkt, Verbraucherschutz, Arbeitnehmer- und Bürgerrechte, das sind ihre Themen.

Bekannt geworden ist die 60-Jährige, die heute beide Staatsangehörigkeiten hat, 2006 durch die "Dienstleistungs-Richtlinie", die den Binnenmarkt für grenzüberschreitende Dienstleister öffnete. Gebhardt war damals Berichterstatterin des entsprechenden Ausschusses und musste sich mit Ministerrat und Kommission auseinandersetzen, mit Kritikern im Parlament und mit Horden von Lobbyisten. Das hat sie geschafft, die Richtlinie gilt, auch wenn sie noch nicht überall und vollständig umgesetzt wird, als Erfolg - auch als Erfolg des Parlaments, das den Entwurf mit mehr als 200 Änderungen an die Kommission zurückschickte. Und als Erfolg Gebhardts. "Die Dienstleistungsrichtlinie wird mich nie loslassen", sagt Gebhardt, die bis heute im Ausschuss für Binnenmarkt und Verbraucherschutz sitzt. Außerdem gehört sie der Delegation für die Beziehungen zu China an und stellvertretend dem Ausschuss für bürgerliche Freiheiten, Justiz und Inneres.

Das Zusammenwachsen der EU im Detail, daran arbeitet Gebhardt. Neulich schrieb sie beispielsweise eine Anfrage zur Anerkennung deutscher Zahntechniker in England. Politische Fummelarbeit. Im Vergleich mit Bürokratiesünden und Rettungsschirmen öffentlich fast unsichtbar, aber eben wichtig für die Verzahnung dieses gigantischen Projekts EU.

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