Der Vorlauf zur "Bewährungsprobe für Menschlichkeit und Verantwortungsgefühl" (Gipfel-Präsident Donald Tusk) geriet zur neuerlichen Quälerei. Auf dem Treffen der Innenminister am Dienstag kam der angestrebte Konsens über die Verteilung von 120.000 Flüchtlingen nicht zustande. Ungarn, Rumänien, Tschechien und die Slowakei sperrten sich und wurden schließlich überstimmt. Der slowakische Regierungschef Robert Fico hat bereits angekündigt, sich nicht an die Regelung halten zu wollen. "Lieber gehe ich in ein Strafverfahren gegen die Slowakei als dass ich dieses Diktat respektiere".

Dabei war die ursprünglich von der EU-Kommission vorgeschlagene Regelung - ein an der Leistungsfähigkeit der Länder orientierter verbindlicher Schlüssel - entschärft worden. Das Thema eines dauerhaften Verteilungsmechanismus wurde auf 2016 vertagt. Die jetzt getroffene Entscheidung sieht Kontingente für alle 28 Mitgliedstaten vor, auch für die Widerständler. Er sei sicher, dass sie sich ihrer Verpflichtung nicht entziehen würden, sagte Asselborn. Sie können aber unter Berufung auf akute Überforderung einen Teil der Umsetzung um maximal ein Jahr strecken.

Auf Deutschland entfallen gut 30.000 Flüchtlinge. Das bedeute eine Entlastung, sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU). Umgesiedelt werden zunächst Personen aus Griechenland und Italien. Ein ursprünglich für Ungarn vorgesehenes, von Budapest aber abgelehntes Kontingent von 54.000 Menschen kann aber auch von anderen EU-Ländern beansprucht werden, die wegen des Andrangs in Schwierigkeiten kommen. Für Deutschland sei besonders wichtig, dass Polen nicht gegen den Beschluss gestimmt habe, sagte de Maizière. Er liefere aber nur einen Baustein. "Es kann nicht nur um die Verteilung gehen, wir brauchen grundsätzlichere Lösungen. Dazu gehört die Begrenzung des Zuzugs nach Europa."

Das soll am Mittwochabend Thema des Sondertreffens der Staats- und Regierungschefs sein. "Wir sind als Europäer zurzeit außerstande, unsere gemeinsamen Außengrenzen zu managen", erklärte Tusk. Entsprechend soll der Akzent der Krisenbewältigung nun nach außen verschoben werden. Angepeilt wird eine Vorneverteidigung in der wichtigsten Ursprungsregion, mit dem syrischen Bürgerkrieg als Brandherd. Mit den USA und anderen Partnern soll die Einrichtung von Schutzzonen in Syrien ausgelotet werden. Frieden ist dort nicht in Sicht, weswegen sich die EU um die Menschen kümmern will, die in die Nachbarländer geflohen sind. Nötig ist verstärkte Hilfe für die Lager in Jordanien und dem Libanon.

Türkei bietet Zusammenarbeit an

Lager Ein Schüsselland für eine mögliche Entlastung des Flüchtlingsandrangs nach Europas ist die Türkei. Dort haben fast zwei Millionen Menschen vor dem Bürgerkrieg in Syrien Zuflucht gefunden. 250.000 leben in Lagern, sagt der türkische Botschafter bei der EU, Selim Yenel. Sein Land habe für die Flüchtlinge bisher sechs Milliarden Dollar aufgewendet. Die Unterstützung aus der EU liege unter 200 Millionen.

Gespräch Umgekehrt tut Ankara aus EU-Sicht nicht genug, um zu verhindern, dass von ihrem Boden aus Schlepper-Organisationen Flüchtlinge nach Europa verfrachten. "Wir versuchen, sie zu hindern, aber sie finden illegale Wege", sagt Yenel. Sein Land sei aber "offen für Dialog - lassen Sie uns das zusammen machen!"

Zoran Milanovic: Ein Sturkopf zeigt Statur

Geschick im Umgang mit Menschen hat Zoran Milanovic noch niemand nachgesagt. Eher schon, dass er treffsicher die falschen Worte findet. Legendär sein Auftritt 2014 im Überschwemmungsgebiet, um dort Trost zu spenden. Er wisse sehr gut, wie das sei, so der Ministerpräsident zu einer Frau, die ihr Haus verloren hatte: "Ich hatte selbst mal einen Rohrbruch zu Hause."

Wo Statur gefragt ist, wie in der Flüchtlingskrise, kommt Milanovic seine Sturheit zugute. Ohne das geringste Muskelzucken stemmt sich der als arrogant verschriene Sohn eines rebellischen Ökonomen nicht nur gegen offenen Hass, der ihm aus Ungarn entgegenschlägt. Auch von den Forderung aus Slowenien, Österreich und Deutschland, das gescheiterte Dublin-Abkommen wieder in Kraft zu setzen und den Druck auf die Flüchtlinge weiterzureichen, zeigt sich der Premier unbeeindruckt. "Kroatien hat nicht nur Herz, sondern auch Gehirn", findet Milanovic sogar passende Worte.

Fast ganz unbekannt war der Ex-Vize-Außenminister als er 2007 zum Parteichef der Sozialdemokraten gewählt wurde. Dass sich der Außenseiter gegen die Schwergewichte in seiner Partei durchsetzte, verdankte er seinem verstorbenen Mentor und Vorgänger Ivica Racan, der sich den 41-Jährigen angeblich als Nachfolger gewünscht hatte. Dass seine Partei vier Jahre später die Wahl gewann, verdankte sie weniger dem Spitzenkandidaten als den Korruptionsskandalen der regierenden Rechtspartei HDZ.

Kaum war Milanovic im Amt, machte er sich Feinde: brüskierte Parteifreunde, legte sich mit der Kirche an, ignorierte ausländische Diplomaten und setzte seine Agenda durch. Jetzt, da er ganz Europa widersteht, erntet der Undiplomat das erste Mal Bewunderung im eigenen Land.