Leitartikel Hajo Zenker zur Nothilfe für Bauern Ernte-Nothilfe: Landwirte müssen umdenken

Hajo Zenker
Hajo Zenker © Foto: Gerd Markert
Berlin / Hajo Zenker 23.08.2018

Nun ist er da, der nationale Ernte-Notstand. Ausgerufen von Agrarministerin Julia Klöckner (CDU), obwohl die Missernten vor allem im Norden und Osten zu beklagen sind, während der Süden eher glimpflich davonkam – und es in Klöckners Heimat Rheinland-Pfalz sogar bessere Ernten als in den Vorjahren gab. Trotzdem hat sich die aus einer Winzerfamilie stammende Ministerin nicht einfach der einflussreichen Agrar-Lobby ergeben. Es fließt nur ein Drittel des vom Bauernverband geforderten Geldes. Auch von einigen Bundesländern, die wohl selbst die öffentlichen Blumenrabatten, die wegen der Hitze eingegangen sind, bei der Schadensberechnung berücksichtigten, ließ sie sich nicht beeindrucken. Und kommt so auf eine Summe von 680 Millionen Euro, die zu regulieren ist. Statt der drei Milliarden, auf die sich die Ansprüche der Länder summierten.

Und dennoch: Der Bund macht eine Menge Geld locker und es so den Ländern leichter, vor Ort zu helfen. Ohne Gießkanne, dafür bei konkret betroffenen Betrieben. Nun muss sich noch zeigen, dass die Hilfe auch schnell ausbezahlt werden kann. Klöckner will die nötige Vereinbarung mit den Bundesländern in wenigen Tagen unterzeichnen, Prüfung und Bewilligung ist dann Ländersache. Aber eigentlich sollte es dafür noch ausreichend Erfahrung aus dem Jahr 2003 geben. Der Bauernverband jedenfalls hofft auf eine Abwicklung binnen zwei Monaten.

Dabei aber darf man längst nicht stehenbleiben. Bauernpräsident Joachim Rukwied räumt ja selbst ein, dass ein Sommer wie dieser, würde er zum Normalfall, zu einem grundlegenden Umdenken in der Bauernschaft führen müsste. Das aber erwarte er nicht. Da sollte sich Rukwied mal nicht täuschen. Natürlich ist es nicht ausgeschlossen, dass der Sommer 2019 total verregnet wird. Oder ganz altgewohnt daherkommt. Klimaforscher aber sind sich einig, dass uns Hitzeperioden wie die diesjährige in unschöner Regelmäßigkeit ereilen werden. Sich darauf einzustellen, dauert. Es handelt sich schließlich nicht um ein Software-Update. Da muss es etwa um den Anbau einer Vielzahl verschiedener Kulturen, auch neuer Pflanzen, gehen oder eine Reduzierung der Anzahl von gehaltenen Tieren. Da braucht es auch Verbraucher, die es wirklich (bezahlen) wollen, dass ihre Lebensmittel aus deutschen Landen und nicht von sonst wo aus der Welt kommen.

Insofern darf man gespannt sein, wie sich Klöckner nach dieser Feuerwehraktion strategisch aufstellt. Denn es kann ja nicht darum gehen, nun alle Jahre Steuergeld als Nothilfe zu verteilen – für eine Branche, die ja sowieso fast die Hälfte des Einkommens über Zahlungen aus den EU-Agrartöpfen erhält. Im kommenden Jahr will die Ministerin ihre Ackerbaustrategie vorstellen. Und die soll Antworten auf die Frage beinhalten, wie sich die deutschen Bauern in Zeiten des Klimawandels aufstellen sollen. Hier sind Vorgaben dringend nötig, wenn es auf mittlere Sicht noch eine flächendeckende Landwirtschaft geben soll.

leitartikel@swp.de

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