TÄTER
Das sagt die Bundesanwaltschaft
Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos sind kaltblütige Killer, die zusammen mit Beate Zschäpe das Terrornetzwerk Nationalsozialistischer Untergrund gegründet haben, um aus einer „fremden- und staatsfeindlichen Gesinnung heraus vor allem Mitbürger ausländischer Herkunft zu töten“. Böhnhardt und Mundlos haben zwischen 1999 und 2011 aus dem Untergrund zehn Menschen umgebracht, Sprengstoffanschläge verübt und mindestens 14 Banken überfallen.

Ergebnisse der Ermittlungen
Das mutmaßliche Exekutions-Duo zeigt sich auf Überwachungsvideos bei Banküberfällen nicht kaltblütig, sondern teils hektisch, unsicher und nervös. Das passt nicht zur operativen Fallanalyse in Heilbronn. Ohnehin gibt es keine Belege, dass die beiden tatsächlich auf der Theresienwiese waren. Zweifel an der Alleintäterschaft gibt es auch an anderen Tatorten. Oft waren zudem genaue Ortskenntnisse und Helfer nötig. 

TATORT
Das sagt die Bundesanwaltschaft

Die beiden Täter machen sich im April 2007 mit unbekannter Motivation von Chemnitz nach Heilbronn auf. Dort stellen sie ihren Wohnwagen nahe der Theresienwiese ab und fahren vermutlich mit ihren Fahrrädern zufällig am späteren Tatort vorbei. Als sie dort zwei Beamte in einem 5er BMW sitzen sehen, entscheiden sie spontan, ihren alten Plan umzusetzen: Polizisten töten, um ihre Macht zu demonstrieren. Sie nehmen das hohe Entdeckungsrisiko in Kauf.

Ergebnisse der Ermittlungen
Die Theresienwiese ist aus vielen Richtungen einsehbar und belebt – insbesondere am Tattag, wo etliche Schausteller für das Volksfest aufbauen. Tat und Flucht könnten geplant sein, da Beamte den Platz häufiger für Pausen nutzen. Zudem könnten mehrere Helfer beteiligt gewesen sein – mit Ortskenntnissen. Nach Zeugenaussagen, die blutverschmierte Personen flüchten gesehen haben, ist von etwa sechs Tätern auszugehen. 

MORD
Das sagt die Bundesanwaltschaft

Von hinten nähern sich Mundlos und Böhnhardt den Polizisten im Streifenwagen. Diese müssen die Täter bemerkt haben, da sie sich nach rechts drehen. Die Schützen feuern unvermittelt auf die Beamten. Michéle Kiesewetter auf dem Fahrersitz ist sofort tot. Martin A. überlebt schwer verletzt, kann sich später aber an nichts erinnern. Die Täter haben genügend Kaltblütigkeit, ihren Opfern Waffen und Ausrüstungsgegenstände abzunehmen. Sie flüchten unerkannt.

Ergebnisse der Ermittlungen
Das Opfer A. erinnert sich an die Tat und Täter. Das Phantombild, das mit seiner Hilfe erstellt wurde, passt aber weder zu Mundlos noch zu Böhnhardt. Außerdem: Bei der Rekonstruktion der Schussbahnen gehen Experten von zwei Rechtshändern aus. Allerdings war Böhnhardt Linkshänder. Das passt nicht zum Schusswinkel. Das Projektil, das Kiesewetters Kopf durchschlagen hat, hätte ihn danach treffen müssen.

OPFER
Das sagt die Bundesanwaltschaft

Täter und Opfer kannten sich nicht und hatten auch sonst keine Verbindungen. Die Heilbronner Tat richtete sich explizit gegen zufällig ausgewählte Beamte, die nur deshalb angegriffen wurden, weil sie Polizisten und damit Vertreter des verhassten Staates waren. Böhnhardt und Mundlos ging es darum, die Ohnmacht der Sicherheitskräfte bloßzustellen und ihre eigene Macht zu demonstrieren. Die gestohlenen Waffen und Ausrüstungsgegenstände dienten als Zeichen ihres Triumphs, die sie über Jahre aufbewahrten. 

Ergebnisse der Ermittlungen
In Kiesewetters Heimatort Oberweißbach in Thüringen gibt es Verbindungen zum NSU. Ein Wirt im 1800-Seelen-Ort war mit Beate Zschäpe liiert. Er kannte beide Uwes persönlich. Zudem ist er der Schwager des in München mitangeklagten Ralf Wohlleben. Aus Kiesewetters Familie gibt es Verbindungen zum rechtsextremen „Blood & Honour“-Netzwerk. Ihr Gruppenführer bei der Polizei war Ex-Mitglied im Ku-Klux-Klan, von wo es ebenfalls Kontakte zum NSU gab. 
 

Pannen, Rätsel und ein Phantom

Kontaminierte Tupfer Die Heilbronner Fahnder verdächtigen zunächst Schausteller und Angehörige reisender Familien als Täter. Ein Treffer durch eine DNA-Spur am Streifenwagen sorgt dann für Aufsehen. Es ist die Rede von der „gefährlichsten Frau Europas“, die sich über mehrere Jahre hinweg raubend und mordend im Untergrund bewegen soll. Ihre DNA taucht an 40 Tatorten auf. Die Soko Parkplatz jagt daraufhin zwei Jahre lang das sogenannte Heilbronner Phantom. Eine Falschspur, wie sich später herausstellen sollte: Die zur Spurensicherung eingesetzten Wattestäbchen waren kontaminiert. Das Muster gehört zur Verpackerin der Herstellerfirma. Im März 2009 deckte der „Stern“ die Panne auf. Nach Angaben des Magazins diskutierten Kriminalisten im Juni 2008 über möglicherweise kontaminierte Spurentupfer. Dennoch erklären der LKA-Chef Klaus Hiller und Landespolizeipräsident Erwin Hetger noch wenige Wochen vor der Veröffentlichung, dass sich das Netz um die Mörderin enger ziehe.

Geliehener Wohnwagen Uwe Böhnhardt soll sich am 15. April 2007 den Wohnwagen mit dem Kennzeichen C-PW 87 von der Firma Caravan H. in Chemnitz geliehen haben. Dabei soll er den Pass seines Bekannten Holger G. genutzt haben. Am 25. April notieren Ermittler das Kennzeichen rund 30 Minuten nach dem Polizistenmord bei Oberstenfeld nahe Heilbronn. Insassen werden nicht kontrolliert, die Liste wird erst Jahre später, nach Auffliegen des NSU, ausgewertet. Dabei entdecken die Ermittler, dass die Leihdauer nur bis zum 19. April vereinbart war. Bei der Vernehmung kann sich bei der Firma H. kein Mitarbeiter an eine Verlängerung erinnern. Auch in den Dokumenten ist nichts vermerkt. Dennoch notieren ermittelnde Beamte auf der Rechnung, dass der Mietvertrag telefonisch verlängert wurde. Es bleibt unklar, wer am 25. April im Wohnwagen saß. Aus Tankbelegen geht lediglich hervor, dass die Eigentümer des Caravan-Verleihs selbst an jenem Tag in Heilbronn unterwegs waren.

Fahndungsfotos unterdrückt Blutverschmierte Männer flüchten in unterschiedliche Richtungen. Zeugen beobachten am 25. April 2007 ungewöhnliche Szenen rund um die Heilbronner Theresienwiese. Waren es die Täter? Oder ihre Helfer? Mit den Beobachtungen der Zeugen werden 14 Phantombilder erstellt. Sie ähneln weder Mundlos noch Böhnhardt – und bleiben bis heute unverwertet. Die Polizei, die jahrelang im Dunkeln tappte, hätte die Phantombilder gerne veröffentlicht, um neue Ermittlungsansätze zu bekommen. Der zuständige Staatsanwalt hatte dies aber untersagt. Seine Begründung: Die Beobachtungen seien widersprüchlich. Der damalige Soko-Leiter kämpfte vergebens um die Veröffentlichung. Seine Meinung: Manche Aussagen würden sich gegenseitig stützen, hätten „Wahrheitsmerkmale“.

Brand im Wohnwagen: Feuerwehr widerspricht Polizei Die Dienstwaffen der Polizisten werden am 4. November 2011 im ausgebrannten NSU-Wohnwagen in Eisenach gefunden. Im Brandschutt der NSU-Wohnung in Zwickau tauchen kurz darauf die Heilbronner Tatwaffen auf, außerdem eine Jogginghose mit Blutspritzern von Kiesewetter. In einem später verbreiteten mutmaßlichen NSU-Bekennervideo sind Bilder von Kiesewetter zu sehen. Damit ist für die Ermittler klar, dass der NSU für den Anschlag auf der Theresienwiese verantwortlich ist, und dass nur Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos die Täter sein können. Allerdings tauchen nun Fragen zur Auffindesituation der Waffen im Wohnwagen auf. Feuerwehrleute in Eisenach erklären vor dem Thüringer NSU-Untersuchungsausschuss, dass bei den Löscharbeiten noch keine Waffen im Wohnwagen lagen. Ihre Fotos seien vor Ort von der Polizei beschlagnahmt worden und seither verschwunden – ein für die erfahrenen Brandbekämpfer ungewöhnlicher Vorgang. Sie erklären zudem, dass die Position der Leichen eine andere war, als auf später erstellten Polizeifotos zu sehen ist. Wurde die Auffindesituation manipuliert? Kann dann überhaupt ein Bezug zum Heilbronner Polizistenmord hergestellt werden? Diesen Frage geht derzeit der U-Ausschuss in Thüringen nach. Der Ausschuss in Stuttgart will sich ebenfalls damit befassen und hat Akten geordert.