Schlitz Entführung von Würth-Sohn: Stunden der Angst

Der Sohn von Schrauben-Milliardär Reinhold Würth war im Juni 2015 in Osthessen entführt worden.
Der Sohn von Schrauben-Milliardär Reinhold Würth war im Juni 2015 in Osthessen entführt worden. © Foto: Arne Dedert
Schlitz / HANS GEORG FRANK 18.06.2015
Der geistig behinderte Unternehmersohn Markus Würth ist nach einer Entführung körperlich unversehrt frei gekommen. Das geforderte Lösegeld von mehreren Millionen Euro ist nicht bezahlt worden.

Fall beherrscht die Schlagzeilen, aber Staatsanwaltschaft Gießen und Polizeipräsidium Osthessen in Fulda geben sich wortkarg. Wenige Zeilen müssen für die Mitteilung über eine „Entführung in Schlitz (Vogelsbergkreis)“ reichen, um nicht zu viel „Täterwissen“ preiszugeben. Dabei wird nicht widersprochen, dass es sich bei dem Opfer um Markus Würth (50) handelt, den geistig behinderten Sohn des Unternehmer-Ehepaars Carmen und Reinhold Würth aus Künzelsau. „Er ist wohlbehalten zurück, darüber hinaus gibt es keinen Kommentar“, erklärte Janina Lossen, Sprecherin des Würth-Konzerns mit 66.000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von mehr als 10 Milliarden Euro.

Der Mann war am Mittwoch in der therapeutischen Behinderteneinrichtung „Lebensgemeinschaft Hofgut Sassen“ als vermisst gemeldet worden, weil er nicht zum Essen gekommen war. „Daraufhin wurden durch die Polizei intensive Suchmaßnahmen eingeleitet“, gaben Staatsanwaltschaft und Polizei bekannt. Nach Beobachtung von Lokaljournalisten rückte ein großes Aufgebot von Polizei und Feuerwehr an, auch Hubschrauber und Hundestaffel wurden nach Queck geschickt, einem der 17 Ortsteile der Kleinstadt Schlitz (9700 Einwohner). „Hunderte Beamte“ seien im Einsatz, berichteten die „Osthessen-News“, „ein gigantischer Apparat mit landesweiter Ringfahndung“ sei angelaufen.

Aus der Vermisstensuche war ein spektakulärer Kriminalfall geworden. Sofort galt eine Nachrichtensperre. Aus Frankfurt und Kassel eilten Sondereinsatzkommandos nach Schlitz. Denn: „Die wohlhabenden Eltern“ habe „eine Lösegeldforderung in Millionenhöhe“ erreicht, gab Staatsanwalt Thomas Hauburger bekannt. Eine Bestätigung, dass drei Millionen Euro verlangt worden seien, wie die Deutschen Presse-Agentur von „Sicherheitskreisen“ gehört hat, ist nicht zu erhalten. Aber: „Zu einer Geldübergabe kam es nicht.“ Das Opfer sei nach umfangreichen Ermittlungen der Kriminalpolizei und der Staatsanwaltschaft am gestrigen Morgen „in einem Waldgebiet bei Würzburg wohlbehalten aufgefunden“ worden. Angeblich soll Markus Würth etwa 130 Kilometer südlich des Entführungsortes an einem Baum gefesselt worden sein. Demnach wäre das Opfer in Richtung des heimatlichen Künzelsau gebracht worden. Nach unbestätigten Meldungen bekam die Polizei den genauen Standort als Koordinaten übermittelt. Dem oder den Kriminellen sei „die Sache zu heiß geworden“, wurde kolportiert.

Der Staatsanwalt verschweigt, wie die Milliardärsfamilie vom Kidnapping erfahren hat. Die Deutschen Presse-Agentur will wissen, dass in der Künzelsauer Firmenzentrale ein Telefonanruf einging. Die Eltern waren zu diesem Zeitpunkt auf einer Geschäftsreise in Griechenland. Wer hinter dem Verbrechen steckt, scheint unklar. „Die genaue Anzahl der Täter ist derzeit unbekannt“, bestätigte Staatsanwalt Hauburger der SÜDWEST PRESSE. Ob das Opfer hilfreiche Hinweise für die Fahndung geben kann, hält Hauburger geheim.

Markus Würth, der regelmäßig nach Hohenlohe zurückkehrt, war zuletzt beim 80. Geburtstag seines Vaters zu sehen. Froh gelaunt stand auch er auf der Bühne, als Opernstar Cecilia Bartoli ein Ständchen anstimmte. Er lebt seit 30 Jahren in der anthroposophischen Lebensgemeinschaft, die 1968 gegründet worden ist. Derzeit wohnen dort nach Angaben des gemeinnützigen Vereins „etwa 250 Männer und Frauen mit intellektueller Behinderung in 26 Großfamilien“. Neben vielfältigem Kulturleben gebe es mehrere Werkstätten. Aus Künzelsau fließen immer wieder stattliche Spendennach Sassen, das die Polizei gestern abriegelte.

Markus Würth ist geistig beeinträchtigt, weil er als Baby einen unheilbaren Impfschaden erlitt. An dem Säugling erprobte ein Arzt ein neues Vierfachsystem, doch es traten Komplikationen auf. „Schon bei der zweiten Impfung wollte ich eigentlich nicht mehr“, erzählte Mutter Carmen Würth einmal. Der Arzt habe sie überredet – mit fatalen Folgen. Der Bub bekam hohes Fieber, musste schwerkrank in eine Klinik gebracht werden. Dass das Serum eine Hirnlähmung verursacht hatte, erfuhren die Eltern erst viel später. „Von einem Impfschaden hat damals noch kein Mensch etwas gehört“, sagte Carmen Würth.

Sie nahm sich des einzigen Sohnes mit besonderer Fürsorge an: „Gefühl ist ganz wichtig.“ Jeder kleine Fortschritt ist ein großer Erfolg. Die Mutter verfolgte die Entwicklung ihres jüngsten Kindes – Markus hat zwei ältere Schwestern, Bettina und Marion – mit so großer Befriedigung, dass sie betete: „Lieber Gott, ich danke dir, dass du dieses Kind zu mir gebracht hast.“ Um dem Sohn nah zu sein, ließ sie ein Haus bei Schlitz bauen.

Was die 1937 in Pforzheim geborene, in Friedrichshafen aufgewachsene, seit 59 Jahren verheiratete Unternehmergattin auch anfängt, stets gilt ihr Motto: „Mit dem Herzen sehen.“ Das verlangt sie auch von Managern des global agierenden Handelsgiganten: „Trotz aller Konkurrenz dürfen wir die Menschen nicht vergessen“, appellierte sie an ihrem 75. Geburtstag.

In Künzelsau eröffnete sie das Hotel „Anne-Sophie“, in dem gesunde und behinderte Mitarbeiter gemeinsam schaffen. Die Integration klappt so gut, dass das Restaurant „Handicap“ im November 2014 als erstes Lokal dieser Art mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet worden ist. Den Anstoß für solche Aktivitäten zur Inklusion gab das Schicksal von Sohn Markus.

Kinder wohlhabender Familien immer wieder Opfer

In Deutschland sind schon mehrfach Mitglieder wohlhabender Familien entführt worden. Einige Fälle:

1973
Eine Tochter des „Wienerwald“-Gründers Friedrich Jahn wird bei München entführt. Die beiden Täter halten sie zwei Tage fest und lassen sie gegen ein Lösegeld von drei Millionen Mark (1,53 Millionen Euro) frei. Sie werden später zu Haftstrafen verurteilt.

1976
Der Sohn des Konzernchefs Rudolf August Oetker wird bei München entführt. Zwei Tage danach wird er gegen Zahlung von 21 Millionen Mark (10,74 Millionen Euro) freigelassen und schwer verletzt in einem Forst bei München aufgefunden. Der Täter wird 1979 gefasst und später zu einer Haftstrafe von 15 Jahren verurteilt.

1987
Die beiden Kinder des damaligen Drogeriefilialen-Inhabers Anton Schlecker werden aus ihrem Elternhaus in Ehingen verschleppt. Zwei Täter erpressen 9,6 Millionen Mark (4,91 Millionen Euro). Die Jugendlichen können sich selbst befreien. Nach einem Bankraub werden die Entführer 1998 gefasst.

1996
Nach der Entführung des Hamburger Millionenerben Jan Philipp Reemtsma wird ein Lösegeld von umgerechnet 15,3 Millionen Euro gezahlt. Reemtsma kommt frei. Die Täter erhalten lange Haftstrafen.

2002
Der Sohn der Bankiersfamilie von Metzler wird in Frankfurt gekidnappt. Der Täter tötet den Jungen trotz Zahlung von einer Million Euro Lösegeld. Er wird 2003 zu lebenslanger Haft verurteilt. dpa

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