Der Präsident von Botsuana ist heiser. Deswegen kann Mokgweetsi Masisi den Toast zu Ehren der Gäste aus Deutschland nicht selbst ausbringen, sondern schickt seinen Vertreter ans Mikrofon. Draußen knallt die afrikanische Novembersonne vom Himmel, aber von dem leuchtenden Spektakel ist in dem abgedunkelten Ballsaal des Konferenzzentrums von Gaberone nichts zu sehen. Hier dominieren Beige und Grün, es ist ein bisschen ungemütlich. „Dear President Steinmeier and his wife Elke …“, beginnt der Vize und verstummt. Nach einer kleinen Pause entfährt ihm ein Seufzer: „Oh, das ist kompliziert.“ Die Zuhörer lachen, und Elke Büdenbender, die Frau mit dem langen Nachnamen an der Seite des Bundespräsidenten, lacht am lautesten. Es wird dann ein recht fröhliches Staatsbankett.

Elke Büdenbender hat – wenn auch unabsichtlich – wieder einmal das Eis gebrochen. Begrüßungen könnte man ohnehin als ihre Spezialität bezeichnen: Wenn sie Hände schüttelt, langt sie beherzt und mit vollem Körpereinsatz zu, manchmal gibt es noch eine kleine Verbeugung obendrauf. Ihrem Gegenüber vermittelt sie stets das Gefühl, ganz besonders erfreut zu sein. Sie kriegt das sogar hin, wenn zwei Delegationen aus Dutzenden Ministern, Staatssekretären, Protokollchefs und Botschaftern auf einem schmalen roten Teppich umständlich vor- und zurückrangieren.

Diese kuriose Mischung aus Zupacken und Zurückhalten ist auch ein ganz gutes Bild für die Aufgabe, die sich ihr stellt. Büdenbender soll als Präsidentengattin präsent sein, aber so richtig einmischen soll sie sich nicht. Wie aber kann man das machen im Jahr 2019 als moderne Frau mit eigener Karriere? Eine Aufgabe ausführen, die weder durch die Verfassung noch durch sonst jemanden definiert ist? Die selbst im 21. Jahrhundert offenbar auch nicht freundlich dankend abgelehnt werden darf. Für deren Bearbeitung es auch kein Geld gibt. Die Grüßtante Deutschlands, so viel lässt sich nach ihren inzwischen fast zwei Jahren im Schloss Bellevue sagen, ist Büdenbender jedenfalls nicht.

Kurz vor Weihnachten sitzt die 56-Jährige in genau diesem Schloss in ihrem hübschen Arbeitszimmer. Das liegt allerdings nicht gleich neben dem von Steinmeier, sondern in einem kleinen Bürotrakt im Seitenflügel. Über der weißen Couch hängt ein Selbstporträt von Tochter Merit, auf das die stolze Mutter gerne hinweist, die ansonsten noch schnell versucht, mit dem Daumen einen Kuli-Spur aus dem weißen Sofabezug zu reiben. Ein Kellner serviert Getränke, die First Lady nimmt eine Cola light.

Ist das jetzt eine Art gepflegtes Gefängnis für eine kluge Karrierefrau? Elke Büdenbender sieht es ganz und gar nicht so, sondern als Ehre und Privileg, aber auch als persönliche Herausforderung. Sie will es unbedingt gut machen. Als Richterin hatte sie eine Funktion zu erfüllen und ein Gesetz als Grundlage dafür. „Hier in meiner jetzigen Rolle hängt es nun sehr von mir selbst ab, ob es gut wird oder nicht“, sagt sie.

Ihre Methode erinnert dabei mitunter an den alten Job. Büdenbender ist eine engagierte Zuhörerin, oft hockt sie auf der vordersten Stuhlkante, weit Richtung Gesprächspartner gelehnt und stellt präzise Nachfragen. Richterin Büdenbender klärt sozusagen den Sachverhalt. „Stimmt. Ich muss erst einmal verstehen, wie genau etwas funktioniert. Wenn ich weiß, wie es geht, kann ich es auch besser einordnen und bewerten.“ Zum Beispiel auf Auslandsreisen. Das Damenprogramm, das inzwischen Partner- oder Sonderprogramm heißt, sieht längst nicht mehr nur Konzerte und Galeriebesuche vor – so sehr Büdenbender Kunst und vor allem Jazz mag. „Wir machen da kein Sightseeing, wir gehen so richtig mitten rein in die Themen und besprechen, was das jeweilige Land umtreibt“, sagt sie.

In Botsuana besucht sie eine Klinik für HIV-positive Jugendliche. Es geht darum, wie schwer es gerade für junge Menschen ist, regelmäßig die lebensnotwendige Medizin zu nehmen. Büdenbender nickt, sie selbst ist seit der Nierenspende ihres Mannes auf Medikamente angewiesen. Es geht auch darum, wie Patienten in abgelegenen Dörfern erreicht werden und wer die teuren Behandlungen bezahlt. Die Begegnung im Baylor Teen Club findet statt, während Steinmeier mit seinem Kollegen Masisi sowie dessen teilweise nur mäßig motiviertem Kabinett zusammensitzt. Man kann getrost annehmen, dass Büdenbenders Eindrücke eine gute Ergänzung dazu sind.

Diese Teamarbeit ist neu für die beiden, und sie scheint zu funktionieren. Offiziell sind sie „der Präsident der Bundesrepublik Deutschland und Frau Elke Büdenbender“, zugleich sind sie einfach ein Paar, und das seit gut 30 Jahren. Sie sitzen oft eng beisammen, Schulter an Schulter, flüstern kurz, nicken, lachen. Nach den Jahren des Getrenntseins – sie im Verwaltungsgericht, er als Außenminister in aller Welt – verbringen sie nun viel Zeit zusammen. Und freuen sich wie Bolle, wenn es wie im südafrikanischen Kapstadt gelingt, sich zumindest für ein Stündchen aus dem Programm zu stehlen. „Wir waren heute ganz früh auf dem Signal Hill und haben dort zusammen eine Tasse Kaffee getrunken“, berichtet abends beim Empfang ein grinsender Bundespräsident.

Ihm steht die Erweiterung seiner Mannschaft gut. Der Bundespräsident ist mit seinen silberweißen Haaren, der stattlichen Figur und dem westfälischen Temperament so etwas wie die per-
sonifizierte Gravitas. Seine Sätze schlängeln sich stets staatstragend, aber mitunter etwas umständlich dahin. Büden­bender ist direkter, es sprudelt oft aus ihr heraus und manchmal mischt sich auch ein siegerländisches „woll“ da­runter.

Natürlich liegt das auch daran, dass er das große Amt inne hat und sie nicht. Das weiß die Juristin genau zu trennen. Doch wichtige Aufgaben kann auch sie erfüllen, und sei es, so etwas wie ein emotionaler Türöffner zu sein – im Gespräch mit Schulkindern in Düsseldorf, mit Bürgern in Sachsen oder mit Aktivisten in Botsuana. Letztere wirken durchaus erleichtert, dass inmitten der imposanten Reihe deutscher Männer vom Staatsoberhaupt bis zum außenpolitischen Berater auch diese Frau mit dem ansteckenden Lachen sitzt, nachfragt und dabei mit ihrer Lesebrille spielt.

Büdenbender und ihre Brille, das ist sowieso ein Thema für sich. Handtaschen sind eher unpraktisch für eine First Lady on tour und so stellt sich ihr und ihrem Team immer wieder die Frage: Wo ist eigentlich die Brille? Und noch häufiger: Wer nimmt jetzt mal kurz die Brille? Oft wird das Ding dann auch dem nächstbesten Journalisten oder einem verdutzten Sicherheitsmann in die Hand gedrückt. Worauf sich wenig später wieder die Frage nach dem Verbleib stellt. Oft schiebt Büdenbender sie daher einfach in die Haare. Fertig.

Eine Aufgabe haben sich Büdenbender und Steinmeier gemeinsam gestellt; sie wollen die berufliche Bildung in Deutschland fördern. Büdenbender lernte selbst zunächst Industriekauffrau, ehe sie Jura in Gießen studierte, wo sie auch ihren künftigen Mann traf. Berufliche Bildung, „da kenne ich mich aus, das macht mir Spaß“, schwärmt sie. Und dann sprudelt es wieder: „Da lerne ich auch viel über unser Land, was es hier alles gibt. Zum Beispiel habe ich vor kurzem bei einem Termin in Brandenburg Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einer Firma getroffen, die Kläranlagen herstellt. So etwas kann total spannend sein: Es gibt graues und schwarzes und weißes Abwasser, wussten Sie das? Und was es da an verschiedenen Berufen gibt, das ist einfach unglaublich interessant.“

Danach will sie zurück ins Richteramt

Wenn man mit Büdenbender über die Ausbildung junger Menschen hierzulande spricht, spürt man ihr sozialdemokratisches Herz schlagen, auch wenn Partei- und Gewerkschaftsmitgliedschaften derzeit ruhen. Hier will sie etwas bewirken. Mehr als zehn Prozent aller 25-Jährigen ohne Abschluss, das geht doch nicht, empört sie sich. Und auch nicht, dass Kinder- und Jugendhilfe irgendwann enden, „unabhängig von der Frage, ob der- oder diejenige es geschafft hat“.

Es schaffen, das will auch Büdenbender in ihrem Frau-des-Bundespräsidenten-Beruf. Woran aber bemisst sie ihren Erfolg? „Meine Selbstwirksamkeit einzuschätzen, ist mir hier am Anfang nicht leicht gefallen. Als Richterin wirkst Du ja unmittelbar – im Guten wie im Schlechten. Das ist sehr verantwortungsvoll. Was ich mir zum Beispiel wünschte, wäre, dass ich es am Ende der Amtszeit meines Mannes geschafft habe, dass die Menschen vorurteilsfreier über berufliche Ausbildung nachdenken“, sagt sie.

Am Ende der Amtszeit – das ist in gut drei Jahren, Büdenbender ist bis 31. Mai 2022 beurlaubt. Danach will sie zurück in ihr geliebtes Richteramt. Mal sehen, was ihr Mann dann macht.

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