Leitartikel Elisabeth Zoll zum Missbrauch in der evangelischen Kirche EKD muss sich dem Missbrauch stellen

Elisabeth Zoll
Elisabeth Zoll © Foto: Volkmar Könneke
Elisabeth Zoll 10.11.2018

Es gibt etwas zu tun für die evangelische Kirche bei ihrer Synode in Würzburg. Viel sogar. Sie hat Jahre verstreichen lassen, ohne sich systematisch um die Aufarbeitung von Missbrauchsverbrechen in ihren Reihen zu kümmern. Jede der 20 Landeskirchen arbeitete nach eigener Façon. Missbrauch, so die Annahme, sei ein Problem der katholischen Seite, der Zölibat und Klerikalismus zu schaffen machen.

Weit gefehlt. Das wie ein Abwehrschirm funktionierende Selbstbild einer basisnahen, linksliberalen, offenen Kirche hatte schon um das Jahr 2010 Risse bekommen, als sich bei Hotlines für Missbrauchs-Betroffene auch Opfer evangelischer Pfarrer meldeten.

Bis heute gibt es in der evangelischen Kirche keine belastbaren Erhebungen, wie groß das Ausmaß der Verbrechen ist. Aufgrund der dezentralen Struktur des Protestantismus sei solch eine Erfassung nicht möglich, hieß es dort. In einzelnen Landeskirchen – beispielhaft in der Evangelischen Nordkirche – wurde zwar systematisch geforscht und an Präventionsprogrammen gearbeitet, in anderen wiegelte man ab, sprach von bedauerlichen Einzelfällen. Kirchenmitglieder schienen das zu glauben.

Doch die Zeit des Abwiegelns ist vorbei. Seit die katholische Kirche Vorgänge mit einer Studie aufarbeiten ließ, stehen auch Protestanten unter Zugzwang. Was begünstigte dort die Übergriffe? Gibt es systemische Ursachen? Wo gibt es Parallelen zu den Vorgängen in der katholischen Kirche? Wo zeigen sich Unterschiede?

Wie in vielen Strukturen mit besonders engen Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern gab es auch in der evangelischen Kirche sexuelle Übergriffe. Sicher weniger als im katholischen Bereich, auch weil die evangelische Kirche den Zölibat nicht kennt und weniger Internate betreibt. Doch auffallend sind die Zahlen ebenfalls. Täter waren meist Pfarrer, Opfer eher Mädchen als Jungen, mehr Jugendliche als Kinder.

Während im katholischen Milieu geistige Enge die Verbrechen begünstigte, war es auf evangelischer Seite möglicherweise gerade die Liberalität. In der evangelischen Kirche engagierte Intellektuelle wie der Reformpä­dagoge Hartmut von Hentig, Partner von Gerold Becker, Leiter der wegen sexueller Übergriffe in Verruf geratenen Odenwaldschule, beziehungsweise der umstrittene Sozialpädagoge Helmut Kentler haben das Klima in Kirchengremien mitgeprägt. Was auf die Verbrechen folgte, kennt man: vertuschen, versetzen, vergessen.

Damit soll es nun ein Ende haben. Bei ihrer Synode will sich die EKD dem Thema stellen. Ein Sechs-Punkte-Plan aller Landeskirchen soll besprochen werden. Er sieht unter anderem vor, Daten deutschlandweit zu erheben, eine zentrale externe Anlaufstelle für Missbrauchsopfer zu schaffen und einen Rat aus fünf Personen als Verantwortliche für das Thema zu benennen.

Doch wird damit nach langem Zögern die Aufarbeitung garantiert? Vermutlich nicht. Es kommt auf die Umsetzung der Beschlüsse in den Landeskirchen an. In ihrer Vielfalt muss die Evangelische Kirche beim Thema Missbrauch zu einer Stimme finden.

leitartikel@swp.de

Themen in diesem Artikel
Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel