Wie viele Deutsche haben sich tatsächlich mit dem Coronavirus angesteckt? Das weiß bisher niemand. Dass die täglich verkündeten offiziellen Zahlen nur einen Teil der Realität abbilden, ist klar. Und normal. „Es gibt auch hier eine Dunkelziffer wie bei jeder Infektionskrankheit“, sagt der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler. Schließlich vergehen zwischen Ansteckung und Ausbruch ungefähr fünf Tage. Und dann verläuft die Covid-19 getaufte Erkrankung ja häufig nur mit leichten Symptomen – viele Betroffene fühlen sich nicht wirklich krank, werden deshalb auch nicht getestet und nicht isoliert. Und nehmen weiter am normalen Alltag teil, zumindest solange es keine vom Staat verordneten Beschränkungen gibt.

Leichte Corona-Verläufe: Unerkannt gefährlich

Damit treiben gerade die unerkannten Infektionen die Epidemie voran – bis die Lage so schlimm ist, dass das öffentliche Leben lahmgelegt wird. Oder bis die sogenannte Herdenimmunität erreicht ist, also ein Schutz dadurch entsteht, dass so viele Bürger durch eine vorherige Ansteckung immun geworden sind und sich das Virus damit kaum noch ausbreiten kann. Wer sich aber als Regierung darauf verlässt, dass sich das Virus bei 60 bis 70 Prozent infizierter Bevölkerung durch die Herdenimmunität selbst ausbremst, so wie das wochenlang in Großbritannien und den Niederlanden der Fall war, wo man aus Sorge vor wirtschaftlichen Verwerfungen zunächst auf Veranstaltungsverbote und Schulschließungen verzichtete, nimmt achselzuckend tausende und Abertausende zusätzliche Tote in Kauf – vornehmlich Ältere, aber auch chronisch Kranke. Und: Laut Weltgesundheitsorganisation ist längst noch nicht klar, ob man nach einer Ansteckung tatsächlich auf Dauer gegen Sars-CoV-2 immun ist.

Das öffentliche Leben mindestens fünf Monate lahmlegen

Eine neue Modellrechnung des Imperial College London jedenfalls legt nah, möglichst drastische Maßnahmen zu ergreifen – und zwar im Paket. Also: Isolation der Kranken, Quarantäne der jeweiligen Haushalte, Schulschließungen und soziale Distanzierung der gesamten Bevölkerung. Wird das fünf Monate lang durchgehalten, ist die Ausbreitung den Forschern zufolge vollständig unterbunden.  Grundlage für die Berechnungen waren vor allem Infektionszahlen aus China, aber auch aus Italien. Lasse man danach eine Normalisierung des öffentlichen Lebens zu, kehre die Krankheit nach zwei Monaten wieder zurück,  die Fallzahlen dürften erneut in die Höhe schnellen. Und das in einem Maße, das zumindest das britische Gesundheitswesen, das über deutlich weniger Intensivbetten verfügt als das deutsche, überlastet. Und zu hohen Todesraten führt.

Maßnahmen nach Bedarf aus- und einschalten

Die Wissenschaftler schlagen daher ein an die Fallzahlen angepasstes Ein- und Ausschalten der Maßnahmen vor. Alles in allem aber lautet die Konsequenz: So lange drastische Einschränkungen aufrechterhalten, bis ein Impfstoff verfügbar ist. Den aber erwartet RKI-Chef Lothar Wieler erst im Frühjahr 2021.

Um die Dunkelziffer greifbarer zu machen, wird von Virologen gern pauschal vom Fünf- bis Zehnfachen der offiziell registrierten Fälle gesprochen. Für Andreas Gassen, als Vorstandschef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) der oberste Vertreter der 150 000 niedergelassenen Ärzte, ist das „eine hohe Dunkelziffer – nur weiß keiner genau, ob das auch tatsächlich so ist“. Noch viel extremere Zahlen hat das Imperial College für das chinesische Corona-Ausbruchsgebiet errechnet: 86 Prozent aller Infektionen seien vor dem 23. Januar, dem Tag der Abriegelung von Wuhan, nicht erfasst worden. Danach wurden Reisebeschränkungen eingeführt und Tests waren schneller verfügbar. Folge: Der Anteil unentdeckt Infizierter sank von 86 auf 40 Prozent.

Deutschland aber gilt, obwohl ja längst nicht jeder, der getestet werden möchte, dies auch tun kann, als mit Tests gut versorgt. „Wir testen viel, damit sind viele Fälle bekannt. Womit die Dunkelziffer nicht so hoch sein dürfte“, sagt der CDU-Gesundheitspolitiker Michael Hennrich. Laut KBV sind allein im ambulanten Bereich 180 000 Tests in der Woche möglich. Dagegen wird anderswo laut Andreas Gassen „in homöopathischen Dosen getestet“, überwiegend Schwerkranke. Damit sind die Zahlen aus den verschiedenen Staaten kaum vergleichbar.

Aussagekräftiger Bluttest

Für deutlich mehr Klarheit will das Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig sorgen. Erst wenn es den dort vorbereiteten Bluttest gibt, der nach der überstandenen Infektion die Covid-19-Antikörper sicher nachweist und bei immer mehr Deutschen im Zuge anderer Untersuchungen gleich mit angewandt wird, lässt sich klarer abschätzen, wer alles tatsächlich infiziert war – und wer sich dringend impfen lassen sollte, wenn es denn die Impfung einmal gibt. Bis dahin stellen sich die Ärzte „auf extreme Szenarien ein“, so Andreas Gassen, „in der Hoffnung, dass sie nicht eintreffen. Ostern wird es jedenfalls noch nicht vorbei sein.“ Den besonderen Bedarf an Schutzmaterial wie etwa Masken hat die KBV zunächst einmal für sechs Monate geplant.