Ulm Leitartikel: Einkaufsmöglichkeiten an Heilig Abend sind kein Fortschritt

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Ulm / Elisabeth Zoll 11.11.2017
Der Heilig Abend ist vor wirtschaftlichen Interessen und dem Selbstbestimmungsdrang Einzelner zu schützen. Deshalb: Läden schließen, meint Elisabeth Zoll.

Lauter die Kassen nie klingen, als zu der Weihnachtszeit. Der Einzelhandel erwirtschaftet einen Großteil seines Umsatzes in den Wochen vor dem Fest. Da liegt es nahe, dass in der 2017 so kurzen Adventszeit Forderungen nach Verkaufsmöglichkeiten am vierten Adventssonntag erklingen, der auf Heilig Abend fällt. Auch der selbstbestimmte Shopper akzeptiert schwer, dass seine persönliche Freiheit an geschlossenen Ladentüre endet.

Das Angebot der Bundesländer an den Handel, mehr – Berlin und Brandenburg – oder weniger lang – Baden-Württemberg – an Heilig Abend Läden aufzusperren, ist dem geschuldet. Doch große Discounter lehnen kurzentschlossen ab, viele Einzelhändler ebenso. Es bedurfte der Boykott-Androhung der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi gar nicht, um diesen Verzicht zu leisten. In einer Zeit des entgrenzten Konsumierens ist das keine Selbstverständlichkeit.

Liegt die Zurückhaltung nun an der Einsicht, dass die Freiheit der einen, Lasten für andere, nämlich die Beschäftigten im Einzelhandel, bedeuten? Oder gibt es doch ein Gespür dafür, dass die zeitliche Aushöhlung von Feiertagen den kostbaren, weil seltenen, Gleichklang im Land zerstört?

 Eine Gesellschaft braucht gemeinsame Pausen und Tage für Begegnungen. Sie zu schützen, ist Aufgabe des Staates. Weihnachten sticht da in besonderer Weise heraus. Das ist nicht nur der Tradition geschuldet oder der religiösen Verbundenheit vieler Bürger. An diesen Tagen kommen Familien zusammen und Freunde, unabhängig von ihrer religiösen Prägung. Kein anderes Fest im Jahresablauf gleicht solch einer so weltumspannenden Klammer. Vielleicht ist deshalb der Wunsch, diese Tage wirtschaftlicher Vereinnahmung zu entziehen so groß. Beachtliche 87 Prozent der Befragten lehnten in einer Umfrage eine Ladenöffnung am 24. Dezember ab.

In einer „Optimierungsgesellschaft“, so der Soziologe Hartmut Rosa, in der jeder über alles sofort verfügen will und und per Smartphone oftmals auch kann, in der die Grenzen zwischen Arbeit und Privatem erodieren, wird unverfügbare Zeit zu einem verteidigungswerten Gut. Es ist gegen Interessen der Wirtschaft, aber auch gegen den Selbstbestimmungsdrang Einzelner zu schützen.

Denn Versäumnisse bekommen nicht nur die unmittelbar Betroffenen zu spüren. Die Ausweitung der Möglichkeiten verschiebt Grenzen für alle. Jeder Einzelne wird dann entscheiden: Soll er unter Menschenmassen am Samstag einkaufen? Oder auf eine ruhigere Möglichkeit an Heilig Abend hoffen? Die Selbstbezogenheit Einzelner droht eine weitere Schranke einzureißen, die dem Kommerz Einhalt zu bieten versucht.

Shoppen an Feiertagen hält eine Gesellschaft nicht zusammen. Kollektives Innehalten schon. Wer das der Gier nach Zerstreuung und Konsum opfert, verscherbelt mit der Zeit auch den Sinn für das Besondere. Doch was wäre das Jahr, wenn das Bewusstsein für Festtage abhanden kommt und diese zunehmend Werktagen gleichen?  Darüber nachzudenken lohnt sich. Die verkaufsfreien Stunden des 24. Dezember bieten sich an.

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