Gedenken Breitscheidplatz: Eine Stadt hält inne

Berlin / Maria Neuendorff 20.12.2017

Weiße Rosen säumen das Pflaster des Breitscheidplatz. Die Angehörigen, die hier vor einem Jahr ihre Liebsten verloren, tragen Kerzen in der Hand. Am Anfang des Trauerzuges läuft Sascha Klösters. Der Name seiner Mutter ist nun in einer der Betonstufen vor der Kirche eingraviert. Der Pilot aus Neuss wurde bei dem Anschlag von dem 40-Tonnen-Laster so schwer verletzt, dass er erst wieder laufen lernen musste. Nun steht Klösters mit Hinterbliebenen der anderen zwölf Todesopfer und Deutschlands politischer Spitze am Ort des Schreckens, der zum Ort des Gedenkens werden soll. 

„Wir wollen uns nicht durch Terror und Hass spalten lassen“, sagt Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller. „Zeigen wir diesen Terroristen gemeinsam, was uns stark macht. Das, was ihnen fehlt: Menschlichkeit und der Glaube an die Zukunft.“

Zuversicht – den meisten Angehörigen ist sie abhanden gekommen. „Ich kann solche Sätze nicht mehr hören“, gesteht Sigrid Rheinsberg. Sie hat beim Anschlag ihre Tochter verloren. „Für unsere Familie ist nichts mehr, wie es war“, sagt sie bitter.

Schonungsloses Gespräch

Gefühle, die nun auch bei den Politikern ankommen. Die Sätze vom Weitermachen hätten kurz nach der Schreckenstat nicht nur trotzig, sondern auch seltsam kühl geklungen, räumt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ein. Steinmeier gesteht Fehler im Umgang mit den Hinterbliebenen ein. „Zur Wahrheit gehört auch, dass manche Unterstützung spät kam und unbefriedigend blieb. Unsere Haltung muss sein: Dieser Anschlag hätte nie passieren dürfen. Und ja, es ist bitter, dass der Staat Ihre Angehörigen nicht schützen konnte“.

Die Worte des Bundespräsidenten sind eine Reaktion auf den offenen Brief an die Kanzlerin, in dem sich die Hinterbliebenen beklagen, dass diese nicht einmal persönlich kondoliert hat. Sichtlich betroffen steht Angela Merkel (CDU) am Anschlagsort, den Kopf gesenkt, und schweigt.

Am Abend zuvor hat sie  sich erstmals mit Angehörigen getroffen. Es sei ein „schonungsloses Gespräch“ gewesen. Es habe auch die Schwächen des Staates in dieser Situation gezeigt. Trotz dieser Einsicht gibt es erneut Unmut. Das Einladungsschreiben der Berliner Senatskanzlei an die Betroffenen, die auch aus Israel, Tschechien, Polen und der Ukraine anreisen, ist mit einem kleinlichen Reisekosten-Anhang bestückt. Das Amtsdeutsch erinnert viele an die Obduktions-Rechnungen, die die Charité drei Tage nach dem Anschlag an die Hinterbliebenen verschickte.

„Heute ist ein Tag der Trauer, aber auch ein Tag des Willens, das, was nicht gut gelaufen ist, besser zu machen“, sagt Merkel.

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