ethisches Reisen Leitartikel: Ein Reisestopp in die Türkei träfe die Falschen

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Günther Marx 14.08.2017
Kann man in die Türkei noch reisen? Diese Frage treibt viele um. Ja, sagt Günther Marx, denn auch in anderen touristischen Hotspots liegt vieles im Argen.

Dass sich das Verhältnis zur Türkei zum Besseren wendet – dafür gibt es leider keinerlei Anzeichen. Auf Kritik von außen reagiert Ankara mit Trotz und wüsten Beschimpfungen. Richtung Deutschland wird dabei auch gerne die Nazi-Keule geschwungen. Die Frage, die sich angesichts der andauernden Spannungen und willkürlichen Verhaftungen auch deutscher Staatsbürger hierzulande viele stellen, ist: Kann man in diesem Land noch seinen Urlaub verbringen?

Viel ist dieser Tage von möglichen Sanktionen gegen die Türkei die Rede. Ein Urlaubsboykott, zu dem die Bundesregierung freilich nur aufrufen, ihn aber nicht dekretieren könnte, würde die Türkei zweifellos hart treffen. Schon der Einbruch der Urlauberzahlen nach dem Putsch vor einem Jahr und den Terroranschlägen in Istanbul und anderen Städten hat der türkischen Tourismusbranche schwer zugesetzt.

Es ist aber nicht die türkische Regierung, die darunter leidet. Es sind zunächst einmal die Hoteliers, die großen wie die kleinen, deren Personal, die Taxifahrer, die Fremdenführer, denen die Einnahmen wegbrechen  – und das auch noch überwiegend in Gegenden, die beim Verfassungsreferendum mehrheitlich nicht für Erdogan gestimmt haben.

Dass weniger Deutsche an die türkische Ägäis- oder Mittelmeerküste fliegen, liegt an einem Gefühl der Unsicherheit. Man reist nicht gern in ein Land, in dem man Risiken für sich selber sieht; in dem man möglicherweise Ziel behördlicher Schikanen oder gar Geisel werden kann, die Erdogan dann für nach Deutschland geflohene türkische Oppositionelle zum Tausch anbietet.

Aber ist das ein realistisches Szenario für den „Normalurlauber“, der am Strand liegt, Sehenswürdigkeiten besichtigt, abends ins Restaurant geht oder Party feiert? Vermutlich eher nicht. Und was den Terror betrifft. Weder die Anschläge in London, Paris oder auch Berlin haben vergleichbare Debatten ausgelöst.

Wer wo hinreist, wird wohl jeder für sich selbst entscheiden müssen. Wundern kann man sich freilich darüber, wie die Frage eines Türkei-Urlaub derart politisch-moralisch aufgeladen wird. Als ob die Deutschen nicht massenhaft nach Thailand reisten? Dort herrscht seit vielen Monaten das Militär. In Vietnam, dem neuen Hotspot Südostasiens, sind Kommunisten am Ruder; ebenso in China. Man ist dort nicht zimperlich im Umgang mit Kritikern. Und wie würde die Linke wohl schäumen, erklärte man Kuba zur No-Go-Area, weil die Herrschenden dort nichts von Mehrparteiendemokratie und Meinungsfreiheit halten?

Die Verhältnisse in der Türkei werden nicht dadurch besser, dass sie woanders auch nicht gut sind. Aber manches in der augenblicklichen Debatte zeigt doch sehr, wie selektiv unsere Wahrnehmung funktioniert. Dabei sind Fragen, wie der Massentourismus neben dem Wohlstand, den er in manche Weltregionen bringt, deren Umwelt belastet, Küsten verschandelt oder Gesellschaften korrumpiert und prostituiert, noch gar nicht angeschnitten.

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